
Der Mann, der Eintracht Frankfurt wieder zu größerer Stabilität in der Abwehr verhelfen soll, hat die Berufsauffassung eines Militärs. „Ich bin ein Krieger, ein Soldat, ich bin ein Kämpfer, der vorangeht.“ In verschiedenen Interviews im Laufe seiner Karriere hat Lilian Brassier sein Selbstverständnis postuliert. Der 26 Jahre alte französische Innenverteidiger, seit zehn Tagen in Diensten der Eintracht, kommt allerdings nicht wie ein Haudrauf daher.
Außerhalb des Spielfeldes gibt er sich offen und freundlich, auf dem Spielfeld engagiert, aber ohne übermäßig aggressive Attitüde. Tatsächlich flog Brassier in seiner Profikarriere nur einmal mit einer Gelb-Roten Karte vom Platz; pro Saison sieht er lediglich zwischen zwei und fünf Gelbe Karten. „Ich habe meine Aggressivität unter Kontrolle, obwohl ich es wirklich liebe, in die Zweikämpfe zu gehen. Denn durch einen Platzverweis helfe ich nicht der Mannschaft, sondern schade ihr.“
Er ist mit genügend Talent ausgestattet, um nicht darauf angewiesen zu sein, auf rohe Weise Furcht und Schrecken beim Gegner zu verbreiten. Brassiers Fähigkeiten sind exakt auf das Eintracht-Anforderungsprofil zugeschnitten: 1,86 Meter groß, zweikampfstark, Linksfuß, schnell, mit einer ausgeprägten Passsicherheit im Spielaufbau.
Trotz bester Voraussetzungen endete sein Debüt am vergangenen Sonntag gegen den FC Augsburg in einem Desaster – für die Eintracht. Eine 1:4-Heimniederlage kann gerade für einen zentralen Abwehrspieler keinen gelungenen Arbeitsnachweis darstellen. Aber Brassier gelang es doch, anzudeuten, warum ihn Eintracht-Trainer Adi Hütter unbedingt verpflichten wollte.
Brassier fühlt sich in Frankfurt am „richtigen Ort“
In der starken ersten Halbzeit agierte der Franzose fehlerfrei und mit einer Selbstverständlichkeit, als gehörte er schon seit Monaten zum Frankfurter Kader. In der katastrophalen zweiten Halbzeit vermochte auch er nicht, den Laden zusammenzuhalten, aber individuell beging er keinen groben Schnitzer und ließ sich auch in seiner Körpersprache die Enttäuschung nicht anmerken.
„Ich kenne ihn sehr gut, weil wir ihn beim AS Monaco auch haben wollten. Er ist vom Typ einer, der nie aufgibt, ein Krieger ist. Und das tut unserer Mannschaft sehr, sehr gut“, sagte Hütter vor dem Spiel und blieb auch nach dem Spiel bei seiner Meinung: Brassier habe gezeigt, dass er wichtig für die Eintracht werden könne.
Das ist auch die Ambition des Franzosen. Dass seine Premiere so negativ verlief, lässt ihn nicht verzagen. Ob er sich in der zweiten Halbzeit gegen Augsburg im falschen Film gefühlt habe? „Nein, ich bin trotzdem froh, in Frankfurt zu sein, ich fühle mich am richtigen Ort“, sagte Brassier bei seiner Vorstellung am Mittwoch. Die vier Gegentore in der zweiten Halbzeit würden lediglich den Aufholbedarf zeigen: „Die vier Gegentore sind nur Motivation für uns, es in Zukunft besser zu machen. Wir haben keine Angst.“
Die Erkenntnis aus der Niederlage? „Ein Spiel dauert 90 Minuten, nicht 45. Wir müssen aggressiv bleiben“, so Brassier. Ob es nach sieben Gegentoren in den ersten beiden Bundesligaspielen an der Zeit sei, von einer Vierer- auf eine Dreierkette umzustellen? „Das ist eine Frage an den Trainer. Wir Spieler müssen uns an die eigene Nase fassen und umsetzen, was der Trainer fordert, egal in welcher Formation.“
Aufgewachsen ist Lilian Brassier in Argenteuil, in einer Stadt, die wenige Kilometer nördlich von Paris liegt. In den beiden örtlichen Klubs machte er die Talentspäher von Stade Rennes auf sich aufmerksam, die ihn als Teenager davon überzeugten, ins Nachwuchsleistungszentrum des Klubs zu wechseln.
Doch in der Bretagne galt er zunächst als zu nett und zu schüchtern, um eine Profikarriere anstreben zu können. Sein ehemaliger Ausbilder Pierre-Emmanuel Bourdeau hatte ihn, wie die französische Zeitung „L’Equipe“ schreibt, ein Poster mit einem Löwenkopf über dem Kopfkissen anbringen lassen. Er sollte es jeden Abend vor dem Schlafengehen anschauen; es sollte ihm Kraft geben.
„Brest hat den Lilian Brassier von heute geschaffen“
Mit 19 Jahren bekam Brassier einen Profivertrag, wurde aber an den Zweitligaklub Valenciennes verliehen, um dort Spielpraxis zu sammeln. Auch nach seiner Rückkehr konnte sich der Jungprofi beim dreimaligen französischen Pokalsieger nicht durchsetzen. Es folgte die Leihe zu Stade Brest, die sich als Initialzündung für seine Laufbahn erweisen sollte. „Ich habe mich in Brest schneller weiterentwickelt, als wenn ich in Rennes geblieben wäre“, betont der Franzose, dessen Familie ihre Wurzeln in Guadeloupe hat. „Brest hat den Lilian Brassier von heute geschaffen.“
Insgesamt 161 Begegnungen in der ersten französischen Liga bestritt er, die meisten als linker Innenverteidiger in einer Viererkette. Aber auch als linker Verteidiger in einer Dreierkette und als linker Außenverteidiger ist Brassier einsetzbar.
Warum er – eine feste Größe im französischen Fußball – die gewohnte Umgebung verlassen habe, wurde Brassier bei der Pressekonferenz gefragt. „In der Rückschau auf meine Karriere hätte ich es bedauert, nicht einmal etwas anderes kennengelernt zu haben“, antwortete Brassier.
Der deutsche Fußball gefalle ihm wegen seiner Offensivkraft, ähnlich wie die Premier League: „Ich habe erst ein Bundesligaspiel bestritten, aber mein Eindruck ist, dass ein ehrlicher Angriffsfußball gespielt wird, zielstrebiger nach vorne, weniger nach hinten.“
Ob er der Leader sei, den die Eintracht suche? „Ich strebe das nicht an, schon gar nicht, um einen persönlichen Vorteil dadurch zu haben. Aber wenn ich mit meiner Art den Mitspielern helfe, dann umso besser.“
