Seit Jahren schon beteuert sie, gegen Vorstellungen von „Landlust“ anzuschreiben, und doch löst die Lektüre ihrer Bücher bei vielen solche aus. Das ist vorderhand schwer zu begreifen, denn idyllisch ist es ja nicht, wenn Tiere und Höfe sterben, wenn es im Winter kaum hell wird, die Menschen ihre Zeit entweder schuftend oder wartend verbringen (auf was, das ist die Frage) und sich dann auch noch Tragödien ereignen. Aber Dörte Hansen schreibt darüber erstens so triftig, dass man Land und Leute sofort interessant findet, zweitens äußerst unterhaltsam und drittens, das ist wohl das Entscheidende: letztlich erbaulich. In der dunkelsten Stunde kommt der Hoffnungsschimmer.
Das lässt sich mustergültig nachvollziehen schon auf den ersten Seiten ihres neuen Romans „Broder“, der natürlich wieder in Norddeutschland spielt: Erst wird die Vorstellung von einer spätwinterlichen Weltuntergangsstimmung auf die Spitze getrieben mit einigen wie in Stein gemeißelten Sätzen: „Im Februar steht alles auf der Kippe“; „Wenn einer aufgibt, tut er es im Februar“. Dann, sogar noch literarisch überhöht in Abwandlung von T.S. Eliots „April is the cruellest month“ aus dem Weltuntergangsgedicht „The Waste Land“, heißt es bei Hansen: „Von allen Monaten ist Februar der grausamste.“
Wer nicht fromm ist, kann es hier werden
Und dann, plötzlich, in einer Dämmerstunde kurz vor dem März, reißt die Wolkendecke, und die Sonne kommt durch. Auch das könnte man als halbe Anspielung verstehen, auf ein „neues geistliches Lied“ der Siebziger: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags.“ Aber Hansen fügt gleich wieder ein Augenzwinkern hinzu. Das Licht strahle „wie auf den erbaulichen Kalendern, die die Pastoren alten Menschen schenken“, heißt es – Erbaulichkeit mit Selbstreflexion also. Aber trotzdem ernst gemeint: „Wer nicht fromm ist, kann es werden an diesem einen Tag im späten Februar.“

Diese ersten Seiten wirken schon so kunstvoll verdichtet, dass man sofort spürt, wie viel weggemeißelt wurde, bis nur wenige schnoddrige Sätze übrig blieben: „Er sah aus wie die missratene Kopie des Bruders.“ Oder: „Er brüllte erst, als er im Auto saß.“
Zur Erklärung der Eingängigkeit Dörte Hansens gehört freilich oft auch die Zuspitzung an bestimmten Punkten der Erzählung, die das Wichtigste deutlich ausspricht. So lässt sich die Frage „Wovon handelt dieser Roman?“ sehr einfach mit einem kurzen Zitat beantworten: „Broder Bahnsen, Großtierarzt und fertig mit der Welt“.
Gläser voller eingeweckter Schuld
Broder ist das niederdeutsche Wort für Bruder und zugleich ein nordischer Vorname. Der Antiheld leidet darunter, dass sein Zwilling den elterlichen Hof übernommen hat, während er, Broder, wenn er dorthin nun mitten in der Nacht gerufen wird und ein nach der Geburt nicht atmendes Kälbchen mit dem eigenen Mund doch noch ins Leben pustet, nicht einmal eine Rechnung dafür stellt, denn es ist ja Familie.
„Der Herr Doktor“, das weiß man nicht nur aus einer alten englischen Fernsehserie, muss dem lieben Vieh allzu oft das Leben retten, ohne dass es ihm ordentlich gedankt wird, eher noch begegnen die Dörfler dem Studierten mit Skepsis. Den Stadt-Land-Konflikt kostet Dörte Hansen auch schon lange genüsslich aus. Aber aus bekannten Motiven – noch so eine Kunst von ihr – holt sie immer etwas Neues heraus. Hier ist das Vieh manchmal ein armes, denn nicht nur wird mit nüchterner Härte beschrieben, wie massenhafte Ferkelkastration geschieht. Broder Bahnsen hat auch Anfälle von Jähzorn, die er bisweilen an seinem Hund auslässt. Sie liegen auch darin mitbegründet, dass er einst ein Kind verloren hat.
„Magie du Nord“? Hier schwer zu finden
Die Gründe für Trauer und Wut deckt der Roman vorsichtiger auf. Bei fortschreitender Erkenntnis wird dem Leser klar, wie geschickt Dörte Hansen ihn mit Motiven und Referenzen gespickt und durchwirkt hat, von der fühllosen, aus menschlicher Sicht ungnädigen Natur bis zu jahrzehntealten Bohnengläsern im Keller voller „eingeweckter Schuld“, von Bibelgeschichten zwischen Kain, Abel und verlorenem Sohn bis zu französischen Chansons. Die kommen ins Spiel, weil Hansen als exotisches Element auch noch eine Künstlerin aus Südfrankreich in die Geschichte einbringt, die Broder nach Flucht und Heimkehr mitgebracht hat. Sie verwandelt einerseits die Katastrophen der Geschichte in Gemälde („Brandruine unter großem Himmel“), andererseits gibt sie dem Landlust-Thema eine parodistische Note. Etwa wenn an der deutschen Küste „Okzitanier in Wetterjacken“ aufkreuzen, „die versuchten, Marie-Claudes magie du nord hier irgendwo zu finden. Sie fanden nichts und fragen sich bis heute, was um alles in der Welt sie hier verloren hat.“
Die Kerngeschichte aber ist ernst und, wie schon in Hansens Roman „Mittagsstunde“, gesättigt mit Wirklichkeit, sie handelt von Rindergrippe-Impfungen, Eutern mit Mastitis, Haltungsformdebatten und „Tierwohlpredigern“, von E-Bikes und Windrädern, von Töchtern mit Nasenpiercings.
Rasenrocker im Dürresommer
Nebenbei wird auch noch getindert und Fußball gespielt von den alternden Landeiern. Bis in solches Detail hinein ist alles dem Leben sehr gut abgeschaut, etwa bei der Beschreibung einer Whatsapp-Fußballgruppe namens „Rasenrocker“, die einer der Protagonisten „verlässlich mit absurden Videos und schlechten Witzen, Schmähungen und Drohungen versorgt“.
Während die Form der des realistischen Romans aus dem 19. Jahrhundert ähnelt und mittels „personalem Erzählen“ tief in die Köpfe der Figuren zu schauen weiß, ist der Inhalt sehr gegenwärtig. Hansen schreibt in gewisser Weise „Mittagsstunde“ fort, wenn hier auch eine junge Frau sich in dem beschriebenen Setting als Tierärztin zu etablieren versucht und der Klimawandel für Dürresommer sorgt, die Milchpreise drücken und Butterpreise halbieren.
Die Mischung aus Härte und Witz zieht sich durch das ganze Buch („die Bäckerei im Dorf gibt es nicht mehr, seit Erich Hansen an der Knetmaschine umgefallen ist“), mit gnostischen Einwürfen übertreibt die Autorin es bisweilen etwas („Der Hof ist selbst ein großes Tier, man hütet ihn ein paar Jahrzehnte lang, dann hütet ihn ein anderer“). Das Gesamtbild aber ist stimmig, man staunt, wie Dörte Hansen auch literarische Mittel der Vorausdeutung noch einmal neu verwendet, und verfolgt nicht nur die dramatische Entwicklung des Bruderzwists gespannt. Wer ein Erzählkunstwerk der geschlossenen Form noch zu schätzen weiß, muss dieses bewundern.
Dörte Hansen: „Broder“. Roman. Penguin Verlag, München 2026. 224 S., geb., 26,– €.
