
Dass die Wahl im kleinen deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt auch in Italien keine ist wie jede andere, kann man schon am Montagmorgen den Titelblättern der großen Tageszeitungen entnehmen: „Die AfD gewinnt und macht Angst“, schreibt der „Corriere della Sera“, „Mit der neonazistischen Welle ist nicht zu spaßen“, heißt es bei „Il Foglio“, und die „Repubblica“ zitiert frei Wim Wenders: „Il buio sopra Berlino“, „Das Dunkel über Berlin“.
Einen Tag später fahren – in Anlehnung an einen weiteren Filmtitel – Ulrich Siegmund und seine Frau Julia mit ihrer Simson auf der Titelseite des „Manifesto“ dem Schriftzug „Zona d’interesse“, „Zone of interest“, entgegen. So vermitteln Zeitungen durchaus unterschiedlicher politischer Ausrichtung, dass man es hier nicht mit irgendeiner Partei zu tun hat, sondern mit einer, die man nicht unterschätzen sollte und deren Erfolg auch für Europa, für Italien eine Rolle spielt.
Gibt es Parallelen zu hiesigen Verhältnissen?
Natürlich muss man den italienischen Leserinnen und Lesern zunächst einmal erklären, wer dieser Ulrich Siegmund eigentlich ist, was seine Partei und ihr Programm in Sachsen-Anhalt und im Bund ausmacht und wie sich das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland, das in Italien wohl am ehesten mit der Beziehung zwischen Norden und Süden vergleichbar wäre, genau gestaltet. Um sich dann aber bald schon der Frage zu widmen, was dieser Wahlsieg für das eigene Land bedeutet.
In Italien ist nun seit bald vier Jahren eine rechte Regierungskoalition an der Macht, die man aber mit der AfD nicht unbedingt vergleichen kann. Meloni, so sagt es die Journalistin Tonia Mastrobuoni, langjährige Deutschlandkorrespondentin der „Repubblica“, die kürzlich ein Buch über die deutsche Rechte veröffentlicht hat, in einer TV-Debatte zum Wahlsieg, habe eine umgekehrte Entwicklung hinter sich als die AfD: Während die Ministerpräsidentin sich mit den Jahren gemäßigt habe, habe die deutsche Partei sich immer weiter radikalisiert und damit wachsenden Erfolg.
Giorgia Meloni äußert sich nicht
Wie die Mitglieder von Melonis Koalition auf diesen Erfolg und insbesondere auf die Ereignisse des vergangenen Sonntags reagieren – durchaus unterschiedlich –, ja welche Auswirkung das möglicherweise auf den Koalitionsfrieden haben könnte, auch darüber wird in den Zeitungen diskutiert: Während Verkehrsminister und Russlandfreund Matteo Salvini gratuliert und Außenminister Antonio Tajani das Wahlergebnis als eine „sehr schlechte Nachricht“ bezeichnet, ist von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Unterstützerin der Ukraine, nichts zu hören.
Abgesehen von diesen ersten Wahlanalysen stellt sich auch in Italien außerdem die Frage, was aus den Ergebnissen folgt. Man dürfe die Gefahr nicht kleinreden, schreibt Claudio Cerasa, Chefredakteur des „Foglio“, in einem Leitartikel, jedoch auch nicht in Alarmismus verfallen: „Wenn die Populisten phänomenal gut darin sind, Sündenböcke zu finden, müssen die Antipopulisten noch phänomenaler darin werden, Lösungen zu finden.“ Eine Aussage, die sicher richtig, revolutionär neu nun aber auch nicht ist.
Die linke Tageszeitung „Manifesto“ schreibt, der Wahlsieg der AfD in einem kleinen, überalterten und wirtschaftlich schwachen Bundesland sei vielleicht noch nicht genug, um „Geschichte zu schreiben“. Aber sie nimmt diese Aussage einen Absatz später schon wieder halb zurück. Deutschland, so heißt es dort, werde bald wahrscheinlich ein Versprechen brechen, das es der ganzen Welt einmal gegeben hatte: rechtsextremen Kräften nie wieder die Macht zu überlassen.
