
In einer drastischen Aktion haben israelische Behörden ein ganzes palästinensisches Dorf abgerissen. Bulldozer zerstörten am Mittwochmorgen offenbar ohne Vorwarnung alle Häuser von Al-Tabban, einem Weiler am südlichen Rand des Westjordanlands. Laut Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem lebten dort etwa 70 Menschen, die überwiegend Schafe und Ziegen hüteten.
Auf Videos ist zu sehen, wie israelische Beamte den Abriss überwachten. Vermummte Soldaten begleiteten sie. Auch Wassertanks wurden zerstört, mutmaßlich um eine Rückkehr zu erschweren. Es handelte sich um die größte Abrissaktion in dem Gebiet seit Mai 2025. B’Tselem teilte mit, Al-Tabban sei das 66. Dorf im Westjordanland, dessen Bewohner seit Oktober 2023 vertrieben wurden.
2022 erteilten die israelischen Behörden Abrissanordnungen für alle Gebäude in Al-Tabban. Dies steht im Zusammenhang mit der gerichtlich erlaubten Vertreibung von mehr als 1300 Menschen in Masafer Yatta, einem kargen Landstrich südlich der Stadt Hebron. 1981 hatte die Besatzungsmacht Teile des Gebiets zu einem etwa 3000 Hektar großen Trainingsgelände erklärt, der „Feuerzone 918“. Nachdem sie Ende der 1990er-Jahre einen Versuch unternommen hatte, die Bewohner zu vertreiben, folgte ein mehr als 20 Jahre währender Rechtsstreit.
Die Richter erlaubten die Vertreibung von mehr als 1300 Menschen
Vertreter Israels argumentierten dabei, die Bewohner seien erst kürzlich nach Masafer Yatta gezogen und hielten sich illegal dort auf. Luftaufnahmen und Karten weisen allerdings auf eine Jahrzehnte zurückreichende Besiedlung hin. Zudem sind Äußerungen des damaligen Landwirtschaftsministers Ariel Scharon aufgetaucht. So bezeichnete er die Ausweisung von Feuerzonen im besetzten Westjordanland 1979 als Mittel, um in diesen Gebieten später jüdische Siedlungen zu errichten.
2022 entschied Israels Oberstes Gericht, dass die Armee das Recht habe, acht der zwölf Dörfer in einem Teil der Feuerzone zu räumen. Al-Tabban ist eines davon. Die Richter legten zugleich nahe, bei der Entscheidung solle die faktische Situation der dort lebenden Zivilisten berücksichtigt werden. Die Entscheidung widerspricht der Vierten Genfer Konvention, die den erzwungenen Transfer von Menschen aus besetzten Gebieten verbietet.
Nach der Entscheidung wurden die Bewohner nicht vertrieben, die Armee intensivierte allerdings ihr Vorgehen gegen „illegale Strukturen“. Die rund 1300 Bewohner von Masafer Yatta dürfen ihre Häuser nicht ausbauen oder sie an das Strom- und Wassernetz anschließen. Solche Ausbauten werden regelmäßig abgerissen. Die Europäische Union hat in Masafer Yatta Solarpaneele und Wasserzisternen finanziert, durch die die Menschen sich versorgten. Manche von ihnen leben bis heute in traditionellen Höhlenwohnungen.
Im selben Zeitraum entstanden in dem Gebiet ungehindert zahlreiche Siedlungsaußenposten. In mehreren Fällen hat die Armee kürzlich die Grenzen von Feuerzonen geändert, damit Siedlungen nicht auf deren Gebiet liegen und legalisiert werden können.
Manche der Siedler gehen regelmäßig mit Gewalt gegen Palästinenser in der Gegend vor. Anfang 2026 überfielen laut Angaben der Vereinten Nationen mehr als 100 Siedler Al-Tabban und drei benachbarte Dörfer. Sie griffen Bewohner an, verwüsteten Dörfer und stahlen Schafe.
