
Entspannt, freundlich, mitunter gewohnt schwurbelig in den Antworten und dabei doch siegesgewiss im Blick auf den für die deutsche Demokratie historischen Wahltag in Sachsen-Anhalt. So erlebten Fernsehzuschauer Tino Chrupalla vor Kurzem im ARD-Sommerinterview. Während der dortige AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund als der Social-Media-taugliche Schwiegersohntyp mit Dauerlächeln und jugendlich-sportlicher Figur auf dem Simson-Moped seit Wochen umjubelt über die Dörfer und Marktplätze zieht, präsentierte sich der AfD-Bundessprecher Chrupalla im Ersten ergänzend als der nette, joviale Onkel („Für mich war es ein ganz normaler Sommer. Ich sehe da viel Panikmache“) einer Partei, die im Endspurt ihres deutschtümelnden Wahlkampfs jedoch ungeniert ihr hässliches und tatsächliches Gesicht einer rechtsextremen Pöbeltruppe zeigt.
Nach dem erzwungenen Abgang seiner im Vergleich zu den völkischen Einpeitschern Höcke oder Tillschneider konservativ-bürgerlich wirkenden Vorgänger Jörg Meuthen, Frauke Petry und dem AfD-Erfinder Bernd Lucke geriert sich nun der Malermeister aus Sachsen als friedliebender, gemäßigter Politiker, vor dem kein Wähler Angst vor einer Machtergreifung 2.0 haben muss. In der Kunst der Selbstverharmlosung hat es Chrupalla zu wahrer Meisterschaft gebracht, während die in der AfD und der Öffentlichkeit als seine Konkurrentin um die Macht wahrgenommene Co-Sprecherin Alice Weidel, wie zuletzt im ZDF-Sommerinterview, als Rachefurie im Auftrag ihrer teils enthemmten Fanbase dem blauen Affen Zucker gibt.
Viel interessanter als mit Klingbeil wird es auch nicht mit Chrupalla
Im Sommerinterview des Privatsenders Sat1 bleibt es weitgehend bei dieser Arbeitsteilung des AfD-Duos nach dem Muster „bad cop, good cop“. Fünf Tage vor Öffnung der Wahllokale am 6. September muss sich der „good cop“ Chrupalla statt 30 Minuten wie in der ARD bei Sat1 nur zehn Minuten den erwartbaren und leicht zu parierenden Fragen des Moderators Heiko Pollaschka stellen, der angesichts der kurzen Zeit leider auch viel zu wenig zum lohnenden Nachhaken kommt. Im gläsernen Sat1-Studio hoch über Berlin stehen sich ohne den Hauch einer Spätsommeratmosphäre der AfD-Parteichef und der Leiter des Hauptstadtstudios der trotz ihres Namens deutschsprachigen Nachrichtensendung „newstime“ gegenüber. An einem, warum auch immer, pfeilförmigen Stehtisch, der schon den SPD-Chef und Finanzminister Lars Klingbeil nicht interessanter in seinen gestanzten Antworten gemacht hatte.
Viel interessanter wird es auch nicht mit Chrupalla als letztem Sommergast vor der wichtigsten Landtagswahl des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts. Dankbar nimmt der seit Langem meist staatsmännisch im Anzug und Krawatte vor Kameras auftretende und wie immer sehr schnell sprechende AfD-Chef den Ball auf, den ihm sein politischer Hauptgegner Friedrich Merz am Sonntag im ARD-Sommerinterview vor die Füße gespielt hat. Der Kanzler und CDU-Vorsitzende, der Chrupalla im Bundestag nach dessen Aussage nicht einmal grüßt („Das gehört zum ganz normalen menschlichen Umgang dazu“), hatte dort in Anspielung auf die gegen die Berliner Regierungspolitik gerichtete und aufgeheizte Stimmung bei AfD-Veranstaltungen gesagt, Sachsen-Anhalt dürfe kein „Experimentierfeld für Wutbürger“ sein.
Das interpretierte Chrupalla mit gespielter Empörung und sarkastischem Unterton als „Wählerbeschimpfung“, die am Wahltag auf das Konto der AfD einzahle. „Ich denke, damit macht er eher Wahlkampf für uns. Das hören wir in Ostdeutschland wirklich gern, wenn er uns vorschreibt, was wir zu wählen haben. Das freut mich auf die Art, wenn er weiter die Ostdeutschen beschimpft.“
Entlarvend ist indes der anschließende Vorwurf an Merz, der leise Skepsis gegenüber den Träumen etlicher AfD-Funktionäre von der absoluten Mehrheit im Magdeburger Landtag mit deutlich mehr als 40 Prozent der Stimmen verrät. Der Kanzler grenze „knapp 40 Prozent oder vielleicht über 40 Prozent der Wahlberechtigten“ aus. Und auch wenn es, wie dieser Satz suggeriert, nicht im ersten Anlauf zur ersten AfD-Landesregierung als erstem Baustein auf dem Weg ins Kanzleramt reichen sollte, betont Chrupalla den langen Atem der radikalen Rechten: „Wir werden irgendwann regieren. Das ist eine Frage der Zeit.“
Leicht gereizt reagiert er indes auf die angesichts eines fehlenden Koalitions- oder Tolerierungspartners naheliegende Frage, ob er dem BSW von Sahra Wagenknecht die Daumen drücke, es am Sonntag in den Landtag zu schaffen. „Ich schaue nur auf uns.“ Er hoffe auf die absolute Mehrheit. Dann brauche die AfD keinen BSW oder andere Parteien. Erst am Wahltag sei der Bär erlegt: „Dann wird das Fell verteilt.“
„Das BSW ist nicht ernst zu nehmen“
Die Lage im in der AfD-Frage zerstrittenen und verzweifelt ums politische Überleben kämpfenden Wagenknecht-Bündnis beschreibt Chrupalla durchaus treffend. An einem Tag sage Wagenknecht das, am anderen Tag erzähle Anja Wolf in Thüringen etwas ganz anderes. „Das BSW ist nicht ernst zu nehmen.“ Chrupalla spielt damit darauf an, dass sich Wagenknecht in Sachsen-Anhalt der AfD als Juniorpartner andient, während die von ihr bekämpfte Parteifeindin Wolf sich den Avancen Björn Höckes verweigert und CDU-Ministerpräsident Mario Voigt die Treue hält.
Mit einem schrägen Fußballvergleich reagiert Chrupalla auf die Frage nach einem Gastbeitrag von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in dem beide die Einleitung eines AfD-Verbotsverfahrens gefordert hatten. Ohne auf die konkreten Argumente für ein mögliches Verbot einzugehen, die es angesichts der unzähligen Äußerungen und Zitate von AfD-Funktionären und Mandatsträgern über ihr völkisches Verständnis von Staatsbürgerschaft und Menschenrechten ja durchaus gibt. Für den AfD-Politiker reicht jedoch der Hinweis auf die hohen Umfragewerte der AfD, die sie als stärkste Kraft weit vor der Union ausweisen. „Das wäre so, als wenn man den deutschen Meister im Fußball ausschließen möchte, weil man auch mal deutscher Meister werden möchte.“
Dass Pistorius und Özdemir statt, wie unterstellt, purer Machtlust die Sorge vor dem Ende der parlamentarischen Demokratie umtreibt, mit der Deutschland seit 1949 auch als Lehre der NS-Herrschaft sehr gut gefahren ist, würde jemandem wie Chrupalla jedenfalls nicht in den Sinn kommen. Beim Thema AfD-Verbotsverfahren stellt Pollaschka jedoch eine dritte Frage, die den wunden Punkt der AfD trifft. Er verstehe nicht, warum Chrupalla und andere in der Partei so gegen ein Verbotsverfahren wetterten: „Sie sind doch der Überzeugung, dass sie mit beiden Beinen auf dem Boden unserer demokratischen Grundordnung stehen. Was haben Sie zu befürchten?“ Wenn das Verbotsverfahren am Ende scheitern sollte, wäre die AfD doch geadelt. Chrupalla weicht der Frage lächelnd aus. „Wenn die anderen sich daran abarbeiten wollen. Nur zu, bitte schön.“
Doch zum Schluss des Kurzinterviews wird der „good cop“ beim letzten Thema doch ein wenig „bad“. Bei der Frage, welche Politik ihm mehr Bauchschmerzen bereite, die des ukrainischen Präsidenten Selenskyj oder die Haltung des russischen Staatschefs Putin, antwortet Chrupalla wie aus der Pistole geschossen und diesmal echt empört, so wie Sahra Wagenknecht bei ähnlichen Fragen: „Die des Präsidenten Selenskyj. Ein hoch korrupter Präsident in der Ukraine. Der sein eigenes Volk nicht schützen möchte, um einen Krieg am Laufen zu halten. Um die Rüstungsindustrie am Laufen zu halten.“
Und ebenso wie Wagenknecht und andere Putin-Apologeten lenkt der AfD-Chef von der Rolle Moskaus ab, um mit dem Hinweis auf den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die USA und Israel und deren unerklärten Krieg gegen Iran zu kontern. Er fordere „Herrn Selenskyj“ auf, endlich freie Wahlen in der Ukraine abzuhalten. Warum er nicht Putin ebenso auffordere, freie und nicht wie üblich manipulierte Wahlen in Russland zuzulassen, wäre jetzt keine schlechte Nachfrage gewesen, aber die fällt dem Moderator nicht ein.
Stattdessen darf Chrupalla aufs Stichwort routiniert ganz allgemein den Krieg verurteilen, ohne den Aggressor Putin beim Namen zu nennen. Um dann in einer Suada den vom Westen betriebenen Umsturz der angeblich demokratisch gewählten, russlandfreundlichen Regierung 2013 als eigentliche Ursache des Kriegs darzustellen, von dem allein die USA als Waffenlieferant profitiere. Die Erzählung Chrupallas und auch die Sendezeit endet mit der Behauptung, dass Deutschland und die EU wegen ihrer Milliardenhilfe für die Ukraine und der Sanktionspakete gegen Russland wirtschaftlich die wirklich Leidtragenden seien. Mit der AfD an der Regierung, so die unausgesprochene Schlussbotschaft, werde Deutschland die Ukraine ihrem Schicksal überlassen. Und so auch das Bruttosozialprodukt wieder steigern.
