
John Ternus wird wenig Zeit zum Eingewöhnen haben. Am Dienstag löst er Tim Cook als Vorstandsvorsitzenden von Apple ab. Und schon rund eine Woche später wird sich das Rampenlicht auf ihn richten, denn am 9. September steht für den amerikanischen Elektronikkonzern die üblicherweise wichtigste Veranstaltung des Jahres auf dem Programm, auf der neue iPhones gezeigt werden.
Diesmal wird damit gerechnet, dass Apple sein erstes faltbares iPhone vorstellen wird. Es wäre die markanteste Designneuerung seit Jahren für Apples mit Abstand umsatzstärkstes Gerät. Der Konzern hat also den Zeitpunkt für den Führungswechsel so gewählt, dass Ternus sofort maximale Aufmerksamkeit gewiss ist.
Für Apple beginnt eine neue Ära. Nach rund 15 Jahren wird Tim Cook den Vorstandsvorsitz abgeben. Der künftige Apple-Chef John Ternus ist bisher in der breiten Öffentlichkeit nicht allzu bekannt, was seinen Auftritt in der nächsten Woche umso mehr zu einer mit Spannung erwarteten Feuertaufe machen wird. Der Führungswechsel wurde schon im April angekündigt, und Ternus hat sich seither weitgehend im Hintergrund gehalten. Er nahm zwar an Telefonkonferenzen mit Analysten zur Vorlage von Geschäftsergebnissen teil und zeigte sich zusammen mit Cook auf der Premierenfeier für die neue Staffel der Apple-Serie „Ted Lasso“. Dabei beschränkte er sich aber auf oberflächliche Äußerungen und gab kaum Hinweise darauf, wie er Apple führen will.
Von Cook hat Ternus reichlich Vorschusslorbeeren bekommen. Der scheidende Apple-Chef hat gesagt, es gebe „niemanden auf diesem Planeten“, dem er mehr zutrauen würde, Apple in die Zukunft zu führen. Ternus sei „ein brillanter Ingenieur, ein tiefgründiger Denker, eine Person mit bemerkenswertem Charakter und eine geborene Führungskraft“. Die Stabübergabe verlaufe „nahtlos“.
Cook bleibt Apple verbunden
Ternus ist mit seinen 51 Jahren ungefähr so alt wie Cook, als dieser Vorstandschef wurde. Der studierte Maschinenbauer ist ein Apple-Veteran und kam schon 2001 zum Unternehmen. Er war bislang als Senior Vice President für die gesamte Hardwareentwicklung verantwortlich, also alle elektronischen Geräte von iPhones bis zu Macintosh-Computern. Seine Berufung zum nächsten Apple-Chef kam nicht überraschend, er hatte sich zuvor schon als Favorit für Cooks Nachfolge herauskristallisiert.
Die Konstellation für den Führungswechsel ist diesmal anders als bei Cooks Antritt. Cook hat den Vorstandsvorsitz einst vom legendären Apple-Mitgründer Steve Jobs übernommen, der 2011 gestorben ist. Wenn nun Ternus an die Spitze rückt, wird Cook noch immer in einer Aufsichtsfunktion im Unternehmen sein, denn er soll Geschäftsführender Vorsitzender des Verwaltungsrats werden. Das wirft die Frage auf, inwiefern er seinem Nachfolger hineinreden wird.
Apple hat den Dialog mit Politikern als eine von Cooks künftigen Aufgaben hervorgehoben. Dies ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. Als US-Unternehmen, das einen großen Teil seiner Produkte in China fertigen lässt, steht Apple im Spannungsfeld der geopolitischen Auseinandersetzungen dieser beiden Länder. Cook hat gerade im Umgang mit Donald Trump diplomatisches Geschick bewiesen und sich bei ihm einzuschmeicheln versucht. Als Apple im April den Führungswechsel ankündigte, veröffentlichte der US-Präsident auf seiner Plattform Truth Social einen längeren Eintrag, in dem er Cook als „unglaublichen Kerl“ mit einer „fast unvergleichlichen Karriere“ beschrieb.
Große Fußstapfen
Jacob Bourne von der Marktforschungsgruppe Emarketer sagt mit Blick auf den Führungswechsel: „Der kommende Apple-Vorstandschef John Ternus tritt nach Tim Cooks Abschied in große Fußstapfen, aber Cook stand vor einem ähnlich einschüchternden Übergang, als er Steve Jobs nachfolgte.“ Cook hat es geschafft, aus dem Schatten von Jobs herauszutreten, und er ist zu einem der herausragenden amerikanischen Wirtschaftslenker geworden. Finanziell war die Cook-Ära für Apple eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte. Der Jahresumsatz hat sich in Cooks Amtszeit fast vervierfacht und lag zuletzt bei mehr als 400 Milliarden Dollar. Neben den angestammten Hardwareprodukten hat Cook eine Sparte mit Dienstleistungen wie Apple Pay oder Apple Music aufgebaut, die heute mehr als 100 Milliarden Dollar bringt. Apples Börsenwert betrug bei Cooks Antritt rund 300 Milliarden Dollar, heute sind es fast 4,7 Billionen Dollar. Nur der Chipkonzern Nvidia ist derzeit wertvoller.
So prächtig es Apple heute finanziell gehen mag: Cooks Amtszeit war stets von Zweifeln begleitet, ob Apple unter ihm die Innovationskraft aus der Jobs-Ära bewahren kann, in der Produkte wie iPhone oder iPad entstanden sind. Unter Cook kamen zwar einige erfolgreiche Geräte wie die Digitaluhr Apple Watch oder die Airpods-Kopfhörer heraus, aber ein ganz großer Wurf wie das iPhone unter Jobs ist ihm nicht gelungen. Eine der jüngsten Neuheiten, die Computerbrille Vision Pro, findet bislang nur wenige Käufer.
Zuletzt leistete sich Apple auch ungewohnte Patzer mit seinen Initiativen rund um Künstliche Intelligenz. Die Entwicklung einer KI-Version des Assistenzprogramms Siri hat sich erheblich verzögert, und Apple sah sich gezwungen, Hilfe seines Wettbewerbers Google in Anspruch zu nehmen und dessen KI-Modell Gemini in Siri zu integrieren.
Ternus gilt im Vergleich zu Cook eher als Produktmann. Seine Berufung wurde daher von vielen Analysten als ermutigendes Signal gewertet, dass Apple seine Innovationsfähigkeit stärken will. Umso genauer wird verfolgt werden, ob er Hinweise auf seinen künftigen Kurs gibt, wenn er in der kommenden Woche seinen ersten Auftritt als Apple-Chef haben wird.
