
Mit den von ihm gespielten Figuren ist der Comedian Sacha Baron Cohen stets angeeckt, er hatte sie ja auch möglichst skandalträchtig entlarvend angelegt. Cohen ist ein Avantgardist der unter dem Begriff „Mockumentary“ inzwischen weitverbreiteten Scheindokumentation.
Das größte Aufsehen erregte er wohl mit seiner Kunstfigur Borat Sagdiyev, einem kasachischen Journalisten, der scheinbar unbedarft und unbeholfen durch die USA reist und seinen Gesprächspartnern die aberwitzigsten antisemitischen, rassistischen und schwulenfeindlichen Kommentare entlockt. Die Regierung von Kasachstan missverstand das als Verunglimpfung und Angriff auf die nationale Ehre.
Boykott, getarnt als Medienkritik
Eine zweischneidige Sache sind Cohens Kostümierungen indes schon, schließlich lockt er seine unwissenden Gegenüber, die er auch noch abfilmt, in eine Falle. Das muss einem nicht in jedem Fall angemessen oder witzig erscheinen, die Frage dabei ist immer, ob die Fallenstellerei sich lohnt.
Bei dem Möchtegern-Hip-Hopper Alistair Leslie Graham alias Ali G verhält es sich nicht anders. Mit dieser Persona gibt Cohen einen präpotenten Angeber aus der Londoner Vorstadt, der auf Gangster und Rastafari macht und als Repräsentant einer lächerlichen Männlichkeit sich und andere bis auf die Knochen blamiert. Auch das kann man, wenn man will, als kulturelle Aneignung und pseudowitzigen Rassismus und als frauenfeindlich missverstehen.
Als Cohen seinen Ali G 2002 auf die Reise ins Kino schickte, bekam er derlei Vorwürfe zu hören, und jetzt, da für Ende Oktober die Neuauflage unter dem Titel „Ali G: Who Iz I?“ angekündigt ist, geht es wieder los. Nur ereilt Cohen diesmal ein aktivistischer Boykottaufruf, der sich als Rassismus- und Medienkritik tarnt. Die Kampagnenseite „Newscord“ will schon jetzt, da man lediglich den anderthalb Minuten langen Ankündigungstrailer des neuen Ali-G-Films sehen kann, wissen, dass es sich dabei nur um Rassismus handeln könne. Sie zitiert die Einlassung „schwarzer britischer Comedians“ aus dem Jahr 2000 – „Alibi für Rassismus“ –, ein Kurzzitat der Schriftstellerin Jeanette Winterson, führt „kasachische und arabische Organisationen“ an und fordert zum Boykott des Films auf.
Die Veranstalterseite steht in Verbindung mit „Tech for Palestine“
Dazu solle man die Kinoketten in aller Welt per Massen-E-Mail auffordern. Man muss sich dafür nur bei Newscord registrieren. Angeblich knapp 45.000 Mails waren am Montag losgeschickt, der Kinobetreiber „Picturehouse“ meldete gleich Vollzug: Man habe nicht vor, den Film zu zeigen.
Die Seite Newscord, die das Ganze veranstaltet, gibt es seit Ende 2023, sie steht in Verbindung mit dem „propalästinensischen“ Projekt „Tech for Palestine“ und gibt vor, mithilfe von Künstlicher Intelligenz antipalästinensische Narrative zu ermitteln. Deren Absender soll man mit Protest-Mails eindecken oder, wie im Fall von Sacha Baron Cohen, boykottieren.
In seinem Fall, den man inhaltlich noch gar nicht beurteilen kann, braucht es indes nicht einmal KI. Das Vorurteil der Newscord-Canceler steht fest. Folgen sollte man ihm nicht. Den passenden Kommentar dazu formuliert Sacha Baron Cohen selbst. „In einer Zeit, in der die Karriere eines Komikers schon durch einen einzigen politisch unkorrekten Witz beendet werden kann“, schreibt er, „dachte ich mir, ich gehe lieber auf Nummer sicher und hole diesen Typen wieder zurück.“
