Herr Meier, wo erreiche ich Sie gerade?
Ich bin in Kathmandu im Hauptquartier unserer lokalen Partnerorganisation HDCS, „Human Development & Community Services“; das ist eine nepalesische Nichtregierungsorganisation, die seit über 30 Jahren Krankenhäuser betreibt sowie Gemeindeentwicklung und Katastrophenhilfe leistet. Gleichzeitig vertrete ich hier Humedica; wir trainieren seit vielen Jahren Teams und Krankenhäuser für Katastrophenfälle. Ich lebe und arbeite seit 17 Jahren in Nepal.
Wie weit ist das Katastrophengebiet von Ihnen entfernt?
Luftlinie sind es von Kathmandu aus 60 bis 80 Kilometer bis zu der Stelle, an der die Sturzflut ihren Anfang in Nepal nahm. Unter Normalbedingungen braucht man mit dem Auto schon fünf bis sechs Stunden dorthin. Es handelt sich um extrem unzugängliches Gelände an der Grenze zum Langtang-Tal. Die Flut ist von der tibetischen Grenze durch das Tal herabgeschossen, hat das Zentrum Nepals getroffen und ist dann über den Hauptfluss bis ins Terai nach Chitwan abgeflossen – über eine Strecke von rund 100 Kilometern. Nepal wurde förmlich in zwei Teile gerissen.

Ist der Zugang zu den betroffenen Gebieten derzeit überhaupt möglich?
Der direkte Zugang ist momentan extrem schwierig bis unmöglich. Rund 80 Brücken wurden weggespült – und ohne Brücken geht in diesem Gelände fast nichts. Im oberen Bereich an der Grenze zu Tibet, im Distrikt Rasuwa, kommen derzeit nur Polizei und Militär mit Helikoptern rauf. Die Straße, die parallel zum Fluss verlief, existiert praktisch nicht mehr. Auch die Hauptverbindungsstraße zwischen Kathmandu und Pokhara ist blockiert, weil die Flutwelle selbst im unteren Bereich noch neun bis zehn Meter hoch ist.
Wann und wie haben Sie von dem Ausmaß der Katastrophe erfahren?
Über lokale Netzwerke, Social Media und Messaging-Dienste haben sich die ersten Nachrichten und Bilder rasend schnell verbreitet. Erdrutsche oder kleinere Überschwemmungen sind während der Monsunzeit in Nepal an sich nichts Ungewöhnliches. Deshalb wurde die Dimension zu Beginn unterschätzt. Doch als die ersten Aufnahmen eintrafen, wurde klar: So etwas haben wir hier seit vielen Jahren nicht erlebt. Ich arbeite seit 15 Jahren im Katastrophenschutz und lebe seit 17 Jahren in Nepal – ich habe viele Erdbeben und Zerstörungen gesehen, aber diese Sturzflut ist völlig überdimensioniert.
Satellitenbilder vor und nach der Sturzflut
Wie laufen Rettung und Bergung ab?
Die unmittelbare Suche und die Rettung der Menschen liegen in den Händen des Militärs und der Armed Police Force, der Sicherheits- und Grenzschutztruppe. Die Einsatzkräfte sind darauf spezialisiert. Unter anderem haben wir mit Humedica und HDCS in entlegenen Gebieten 200 Polizisten in Erster Hilfe und Bergung trainiert. Das sind Vorbereitungen, die wir als NGOs zwischen den Katastrophen treffen. Die Regierung konzentriert sich in den ersten Tagen darauf, Überlebende zu orten, Verletzte per Hubschrauber auszufliegen, eine Triage durchzuführen und die Opfer in Krankenhäuser zu bringen.
Funktionieren die Frühwarnsysteme mittlerweile besser als früher?
Deutlich besser. Wenn eine solche Sturzflut vor zehn Jahren passiert wäre, hätten wir vermutlich dreimal so viele Todesopfer zu beklagen. Seit dem schweren Erdbeben im Jahr 2015 wurde mehr in Frühwarnsysteme, Sensorik und Meldeketten investiert. Die aktuelle Flut entstand oben gegen 8.30 Uhr morgens und brauchte sechs bis sieben Stunden, um sich durch das Tal bis zu den Hauptverkehrsachsen zu wälzen. Da Telefonnetze und Warnmeldungen gegriffen haben, konnten die Menschen im mittleren und unteren Talabschnitt rechtzeitig evakuiert werden. Häuser und Brücken sind zerstört, aber viele Menschenleben konnten gerettet werden. Allerdings sind wir noch weit von einem perfekten Netz entfernt. Wir bräuchten das Fünfzigfache an Pegel- und Regensensoren, um solche Ereignisse lückenlos und präzise vorhersagen zu können.
Wie können Sie als Organisation jetzt humanitär helfen?
Die akute Phase der Personenrettung läuft nach zwei bis drei Tagen aus. Danach beginnt der Kampf gegen die Folgekatastrophen. Wir beschaffen und verteilen sogenannte WASH-Sets (WASH für „Water, Sanitation, Hygiene“) mit Seife, Zahnbürsten, Hygieneartikeln für Frauen, Moskitonetzen, Eimern und Wasserreinigungstabletten, um den Ausbruch von Cholera zu verhindern. Zudem verteilen wir Planen für Notunterkünfte, weil viele Häuser weggespült wurden oder unter zwei Meter Schlamm liegen. Wir befinden uns mitten im Monsun und in der Dengue-Saison. Wenn wir jetzt nicht massiv Moskitonetze verteilen und für sauberes Wasser sorgen, droht ein schwerer Krankheitsausbruch. Zudem unterstützen wir als medizinische Hilfsorganisation die lokalen Krankenhäuser mit Material und halten mobile Ärzteteams bereit.
Wie stimmt sich die internationale und lokale Hilfe mit den Behörden ab?
In Nepal gilt die sogenannte One-Door-Policy: Jede Hilfsmaßnahme muss zentral mit den Behörden und Ministerien abgestimmt und von ihnen genehmigt werden. Niemand darf auf eigene Faust loslaufen, um Chaos zu vermeiden. Wir sitzen täglich in Koordinierungsrunden mit dem Gesundheitsministerium und dem Katastrophenschutz, um den Bedarf abzugleichen – wer braucht Notunterkünfte, wo fehlen Ärzte, wo wird schweres Räumgerät benötigt?
Wie reagieren die Menschen vor Ort auf diesen erneuten Schicksalsschlag?
Jeder, der die Bilder sieht, ist tief schockiert. Nepalesen leben in sehr großen und engen familiären und gemeinschaftlichen Strukturen. Es gibt kaum jemanden, der nicht irgendjemanden kennt, der davon jetzt betroffen ist. Auch in unserem Mitarbeiterkreis bangen Kollegen um Angehörige, die in den Kraftwerken im Tal gearbeitet haben und vermisst werden. Gleichzeitig ist das Leben im Himalaja schon immer extrem fordernd gewesen. Die Nepalesen sind ein bemerkenswert widerstandsfähiges Volk, das Naturkatastrophen gewöhnt ist. Man packt an, hilft sich gegenseitig und macht weiter.
Nepal gilt als einer der weltweiten Hotspots der Erderwärmung. Erleben Sie diesen Wandel bereits im Alltag?
Ganz massiv. Seit rund sechs bis sieben Jahren ist das frühere Muster des Monsuns völlig durcheinandergeraten. Entweder bleibt der Regen im Juni aus, und die Ernten vertrocknen, oder er entlädt sich in Sturzfluten und Hagelschlägen. Nepal vereint Höhenlagen von rund 60 Metern im Flachland bis zu 8849 Metern am Mount Everest auf engstem Raum – diese Geographie reagiert extrem sensibel. Wir arbeiten deshalb intensiv an Programmen zur Klimawandelanpassung: Welche widerstandsfähigen Getreidesorten können angebaut werden? Wie sichern wir Hänge und Siedlungen? Wie lange wird der Wiederaufbau dauern? Die akute mediale Aufmerksamkeit flaut meist nach wenigen Tagen ab, aber die Folgen werden das Land noch mindestens fünf Jahre beschäftigen. Wir arbeiten parallel in einem Nachbartal, das vor einigen Jahren von einer ähnlichen Flut getroffen wurde; dort sind wir bis heute mit der Traumatherapie und dem Wiederaufbau beschäftigt. Die Zerstörung von Infrastruktur und Existenzen lässt sich nicht über Nacht beheben.
