Die schwersten Tage für den König kamen spät, erst als er schon hochbetagt und krank war. Vorher hatte sein Reich auf Besucher wie ein gelungenes Kapitel aus einem Urlaubskatalog gewirkt – mit atemberaubend schönen Landschaften, mit dem sagenhaften Reichtum der Öl- und Gasvorkommen aus den Tiefen der Nordsee, mit einem funktionierenden Sozialstaat und friedliebenden Einwohnern, die ihrem Herrscher zum Nationalfeiertag fähnchenschwenkend zujubeln.
Dann aber war es ausgerechnet die königliche Familie, die diesem Bild von Norwegen die tiefsten Kratzer zufügte. Und für Harald V. muss es auf besondere Weise schmerzlich gewesen sein, dass dafür in erster Linie seine Schwiegertochter Mette-Marit und ihr aus einer vorehelichen Verbindung stammender Sohn Marius verantwortlich waren.
Denn Harald selbst trat zum ersten Mal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als 1959 seine Liebe zu einer bürgerlichen Frau bekannt wurde. Jahrelang rang er mit seinem in diesem Punkt konservativen Vater Olav V. darum, die Unternehmertochter Sonja Haraldsen heiraten zu dürfen. Erst ein Ultimatum, so wurde kolportiert, brachte ihm die Zustimmung: „Entweder sie – oder ich bleibe Junggeselle.“

Den beiden Kindern, die aus der Ehe hervorgegangen sind, fiel es auch dank dieser Vorgeschichte leichter, ihre eigenen Wege zu gehen. Es waren zeitweise verschlungene Pfade. Die Tochter, Märtha Louise, heiratete einen Schriftsteller, verzichtete auf die Thronfolge, schrieb Kinderbücher und verlegte sich mit der Gründung einer „Engelschule“ aufs Spiritistische; die Ehe, aus der drei Kinder hervorgingen, wurde geschieden; der frühere Mann nahm sich einige Jahre später das Leben, und die Prinzessin ist inzwischen mit einem umstrittenen amerikanischen Geistheiler verheiratet.
Der Sohn, Kronprinz Haakon, verliebte sich 40 Jahre nach seinem Vater ebenfalls in eine bürgerliche Frau, die darüber hinaus schon alleinerziehende Mutter war, nämlich Mette-Marit. Harald und Sonja stellten sich der Verbindung nach anfänglichen Zweifeln nicht in den Weg, und die Norweger waren ihnen dankbar dafür. Das Thronfolgerpaar mit seinen beiden gemeinsamen Kindern avancierte zum telegenen Sympathieträger.
Das ist vorbei. Marius Borg Høiby ist von einem Gericht zu vier Jahren Haft verurteilt worden, wegen Vergewaltigung und häuslicher Gewalt. Er ist 29 Jahre alt, hat nie einen Beruf ausgeübt. In der Osloer Schickeria weiß man schon lange von seinem Geltungsdrang, von Alkohol- und Rauschgiftmissbrauch. Der königlichen Familie gehörte er im protokollarischen Sinn zwar nie an, war bei vielen Anlässen gleichwohl dabei und lebte auf ihre Kosten. Nun fragen sich viele Norweger, ob der König als Oberhaupt der Familie nicht etwas gegen diese in ihrer Struktur unheilvolle Zwitterstellung hätte tun müssen.
Die Krise kam zur Unzeit
Ähnlich schwer dürfte zuletzt auf Harald gelastet haben, was in den vergangenen Monaten über die Beziehung Mette-Marits zu dem verurteilten amerikanischen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein bekannt wurde. Die beiden unterhielten eine jahrelange E-Mail-Freundschaft, tauschten Nachrichten mit befremdlichen intimen Inhalten aus. Mette-Marit äußerte sich Epstein gegenüber zudem abfällig über ihre königlichen Pflichten und ließ sich in sein Haus einladen. Dass sie angesichts dieser Vorfälle noch Königin werden kann, halten viele Norweger für ausgeschlossen; der Hof machte im Umgang mit dem Skandal zudem keine glückliche Figur.

Hinzu kam, dass die Kronprinzessin seit 2018 an einer unheilbaren Lungenfibrose litt, die zuletzt zu massiver Atemnot führte. Mette-Marit wurde im Juni erfolgreich eine neue Spenderlunge transplantiert. Seither erholt sich die Dreiundfünfzigjährige zu Hause bei ihrer Familie.
Diese Krise der Monarchie kam für Harald zur Unzeit. Seine Kräfte waren sichtlich geschwunden. Eine Krebserkrankung zehrte an ihm, immer wieder musste er sich im Krankenhaus auch wegen massiver Herzprobleme behandeln lassen, vor zwei Jahren bekam er einen permanenten Herzschrittmacher eingesetzt. Anders als Margrethe II. von Dänemark wollte er indes nicht vor seinem Tod abdanken und der nächsten Generation Platz machen.
Längst hatte er jedoch begonnen, Aufgaben an Kronprinz Haakon abzugeben, der seit jeher geschmeidiger aufzutreten wusste als sein Vater. Der König wirkte im Vergleich mit seinem Sohn unauffällig, manchmal unbeholfen. An intellektuellen oder gar politischen Eskapaden nicht interessiert, war er persönlich jedoch stets ohne Fehl und Tadel. Das prägte gerade im Kontrast zu den jüngsten Verfehlungen in seinem nächsten Umkreis Haralds Ansehen.
Pragmatische Einstellung zum Staat
Er wohnte stets lieber auf einem Bauernhof draußen auf dem Land als im Schloss in Oslo; trug lieber Anorak und Wanderstiefel als Galauniform und Orden. Er besuchte ein öffentliches Gymnasium, absolvierte eine militärische Ausbildung und studierte danach in Oslo und Oxford Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Seine Erfolge als Segler – er nahm zweimal an Olympischen Sommerspielen teil, wurde Europameister und errang einen zweiten Platz bei Weltmeisterschaften – nahmen seine sportbegeisterten Landsleute nicht so sehr als herausragende Glanzleistung denn als Bestätigung allgemeiner nationaler Qualitäten wahr.
Er zeigte sich betroffen, aber nicht eingeschüchtert
Zu größerer Beliebtheit in der Bevölkerung gelangte Harald, dessen Regierungszeit 1991 begann, erst in seinem 75. Lebensjahr. Vorher stand er im Schatten seines populären Vaters und seines Großvaters Haakon VII., der bis heute eine ins Heldenhafte spielende Verehrung genießt, weil er im April 1940 die Zusammenarbeit mit der deutschen Besatzungsmacht verweigerte und stattdessen aus dem Exil in London zur Symbolfigur des norwegischen Widerstands wurde.
Eine vergleichbare Bewährungsprobe gab es für Harald nicht – bis zum Attentat des rechtsextremen Anders Behring Breivik, der im Juli 2011 zuerst eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo zündete und danach ein Massaker unter den Teilnehmern eines Sommerzeltlagers verübte. Danach hielt Harald mit feuchten Augen, aber fester Stimme eine Fernsehansprache, die ihn zum Tröster seines Volkes machte und gleichzeitig die Tonlage für den weiteren Umgang mit dem Terror festlegte. Der König zeigte sich zutiefst betroffen, aber weder eingeschüchtert noch Vergeltung suchend. Er besuchte zusammen mit Königin Sonja die Hinterbliebenen der 77 Opfer des Attentats, legte Blumen nieder und betete für sie während eines Trauergottesdiensts.
Wie er sich seine Landsleute vorstellte, formulierte der König etwas später in einer viel beachteten Rede: „Norweger, das sind Singles und Geschiedene, Familien mit Kindern und alte Eheleute. Norweger, das sind Frauen, die Frauen lieben; Männer, die Männer lieben; und Frauen und Männer, die einander lieben. Norweger glauben an Gott, an Allah, an alles und nichts.“
Im hohen Alter wurde Harald V. mit solchen Worten für eine Weile tatsächlich zu dem „Klebstoff, der das Land zusammenhält“. So beschrieb er einmal die Aufgabe, die moderne Monarchien nach seiner Auffassung ausfüllen sollten. Die Fliehkräfte der letzten Wochen und Monate brachten ihn dabei an seine Grenzen. Die Zustimmung zur Monarchie ist in Norwegen heute so gering wie nie.
Am Freitag ist Harald V. im Alter von 89 Jahren gestorben.
