Herr Jensen, vor fünf Jahren verschwand Gabrielle „Gabby“ Petito bei einer Reise mit ihrem Freund zu den Nationalparks im Westen der Vereinigten Staaten. Millionen Menschen überall auf der Welt verfolgten die Suche nach der Zweiundzwanzigjährigen aus Florida damals wochenlang. Warum hat Petitos Schicksal die Menschen so beschäftigt?
Gabby verschwand, als die Menschen wegen der Corona-Pandemie viel Zeit zu Hause verbringen mussten. Sie saßen am Computer, Fernseher und Handy und versuchten, alles zu verfolgen, was draußen vor sich ging. Gabby und ihr Freund Brian Laundrie hatten zudem das gemacht, was sich viele junge Amerikaner während der Pandemie erträumten: eine Reise in einem Van durch die Natur, um den überfüllten Städten zumindest für ein paar Monate den Rücken zu kehren. Das Interesse an Gabby war riesig.
Als Privatermittler und Kommentator des Senders Court TV haben Sie sich im Sommer 2021 mit Petitos Verschwinden beschäftigt. Sie recherchierten damals auch zu den Morden an Kylen Schulte und ihrer Ehefrau Crystal Turner.

Mir fiel auf, dass der Vermisstenfall Gabby wie der Doppelmord an Kylen und Crystal Verbindungen zu dem Bezirk Grand in Utah aufwies. Gabby und ihr Freund Brian sowie Kylen und Crystal waren sich im August 2021 wohl auch begegnet. Sie sollen sich zufällig in dem Lebensmittelgeschäft Moonflower bei Moab getroffen haben, in dem Kylen arbeitete. Ich wollte herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen gab. Nach der Sendung über den Mord an Kylen und Crystal kontaktierte ich Kylens Tante, die bei Court TV über den Doppelmord gesprochen hatte, und bot ihr an, ohne Honorar zu ermitteln.
Die Familie Schulte war vermutlich dankbar für die Unterstützung.
Das kann man wohl sagen. Die ganze Welt verfolgte damals die Causa Gabby. Der Mord an Kylen und Crystal schien unterzugehen. Dabei war er mehr als rätselhaft. Kylen war eine 24 Jahre alte Frau, die jeder mochte. Sie hatte Crystal erst wenige Monate vor ihrem Tod geheiratet. Das Paar lebte glücklich und frisch verliebt in einem Camper in den La Sal Mountains bei Moab. Als Kylen und Crystal Mitte August 2021 nicht zur Arbeit erschienen, machte sich eine Freundin auf die Suche.
Laut Polizeibericht entdeckte Cindy Sue Hunter den Leichnam ihrer Freundin Kylen Schulte damals in einem Bach in der Nähe von Camper und Zelt. Wenig später stieß sie auch auf Crystal Turner, ihr Körper wies wie Schultes Schusswunden auf. Bei beiden Frauen war der Unterleib entblößt. Gingen die Ermittler damals von einem Sexualverbrechen aus?
Kylen und Crystal waren gerade aufgewacht, als der Täter sie überraschte. Sie trugen noch ihre Schlafkleidung. Bei seinem Versuch, ihre Leichen nach den tödlichen Schüssen an den Bach zu ziehen, muss die Kleidung verrutscht sein. Eine Sexualstraftat schlossen die Ermittler aus.
Die Leichen der Frauen wurden am 18. August 2021 entdeckt. Sechs Tage zuvor soll Schulte vor ihrem Arbeitsplatz, der Moonflower Community Cooperative, Petito und Laundrie begegnet sein. Später wurde auch die Polizei vorstellig.
Jemand verständigte die Einsatzzentrale und gab an, dass Brian Gabby vor dem Moonflower geschlagen habe. Der Zeuge berichtete von einem heftigen, tränenreichen Streit der beiden. Angeblich drohte Brian, ohne Gabby weiterzufahren. Wenig später hielt eine Streife ihren weißen Van etwa 20 Kilometer entfernt in der Nähe des Nationalparks Arches an.

Das Video, das die Beamten des Moab Police Department damals aufnahmen, erschüttert bis heute.
Den Beamten wurde vorgeworfen, eindeutige Anzeichen für häusliche Gewalt nicht erkannt zu haben: wie Gabby mit Blutergüssen im Wagen saß, wie sie weinte und wie sie versuchte, die Verantwortung für die Auseinandersetzung mit ihrem Freund auf sich zu nehmen. Sie hatte zu viel Angst, um ehrlich zu sein. Jede Frau, die schon einmal Gewalt durch ihren Partner erlebt hat, kann Gabbys Verhalten einordnen, besonders die Geste an ihrem Hals.
Während Gabby mit den Beamten sprach, führte sie ihre Hand zum Hals. Das war eine Abwehrbewegung wie bei einem Würgegriff, ein klassisches Zeichen für häusliche Gewalt. Die Beamten haben die Geste offenbar nicht erkannt.
Petitos Leichnam wurde fünf Wochen später in der Nähe eines Campingplatzes im Nationalpark Grand Teton in Wyoming, etwa 800 Kilometer nördlich von Moab, gefunden. Laundrie hatte sie laut Gerichtsmedizin am 27. August erwürgt. Nach dem Verbrechen fuhr er mit Petitos Van zurück zu seinen Eltern nach Florida und machte mit ihnen Urlaub. Hätten die Beamten Petitos Tod verhindern können?
Diese Debatte habe ich in den vergangenen fünf Jahren immer wieder geführt. Auch mit Kylens Vater Sean-Paul. Ich halte es für wahrscheinlich, dass das Ganze anders verlaufen wäre, wenn die Beamten jemanden verhaftet hätten. In Utah war es lange Zeit üblich, bei häuslicher Gewalt beide Partner für kurze Zeit festzunehmen. Wenn Petito verhaftet worden wäre, hätte sie vermutlich Eltern oder Freunde angerufen und sich von ihnen abholen lassen. Da eine Verhaftung ausblieb, fuhr sie mit Laundrie weiter.
Dass sich drei spätere Mordopfer zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufhielten, schien ein unglaublicher Zufall gewesen zu sein.
Das war es wirklich. Deshalb ging ich auch davon aus, dass die Verbrechen zusammenhingen. Ein mögliches Szenario war, dass Brian sich an Kylen und Crystal rächen wollte, weil er annahm, sie hätten nach seiner Auseinandersetzung mit Gabby vor dem Moonflower die Polizei gerufen. In den Tagen vor dem Doppelmord hatten Kylen und Crystal Freunden von einem „gruseligen Typen“ erzählt, der um ihr Zelt schlich.

Der „creepy dude“ war aber nicht Laundrie. Wie die Ermittlungen einige Monate später ergaben, handelte es sich bei dem Stalker um einen Arbeitskollegen der 38 Jahre alten Crystal Turner aus einem Schnellrestaurant.
Viele Amerikaner trugen damals wegen der Pandemie weiterhin Masken. Crystal hat ihren Stalker und späteren Mörder Adam Pinkusiewicz daher nicht erkannt. Zudem arbeitete er nachts, sie tagsüber. Ich gehe aber davon aus, dass Pinkusiewicz ihre Gesichter kannte. Er hatte sich wiederholt bei dem lesbischen Paar, dem das Schnellrestaurant gehörte, über Kylen und Crystal beschwert. Während seiner Schicht hatten sie sich immer wieder Speisen aus der Küche geholt, ohne zu zahlen. Als die Betreiber Pinkusiewicz’ Beschwerde ignorierten, fühlte er sich gleich von zwei lesbischen Paaren ungerecht behandelt. Da ist er ausgerastet.
Wie Laundrie beging Pinkusiewicz im September 2021 Suizid. Die Polizei bestätigte aber erst Monate später, im Mai 2022, den Doppelmord in den La Sal Mountains aufgeklärt zu haben.
Ja, es dauerte lange. Pinkusiewicz hatte Utah unmittelbar nach dem Verbrechen verlassen. Das verzögerte die Ermittlungen. Als ich damals in das Schnellrestaurant kam, waren die Hinweise auf ihn als Täter mehr als eindeutig. Er hatte seine Arbeitsstelle Hals über Kopf verlassen und nicht einmal seinen letzten Lohn kassiert. Er galt als aggressiv und fuhr einen schwarzen Wagen des Typs, den Überwachungskameras zur Tatzeit in der Nähe von Kylens und Crystals Camp aufgenommen hatten. Auch die Munition, die man später in seinem Wagen fand, stimmte mit der des Doppelmordes überein. Einer der wichtigsten Hinweise war aber Pinkusiewicz’ Geständnis gegenüber Freunden, in Utah ein lesbisches Paar getötet zu haben.
Handelte Pinkusiewicz aus Rache?
Rache ist ein mögliches Motiv. Es könnte aber auch ein Hassverbrechen gewesen sein. Vielleicht fühlte er sich minderwertig gegenüber den lesbischen Paaren.
Auch bei ihm machte sich ein Gefühl von Minderwertigkeit breit. Gabby fuhr zwar mit ihm durchs Land, aber sie war es, die andere bei Instagram an der Reise teilhaben ließ. Brian hatte ein Stück Kontrolle über sie verloren. Er glaubte fest daran, sich aus jeder misslichen Lage befreien zu können. Laundrie ließ Gabbys Leichnam einfach liegen und hoffte, dass sich wilde Tiere über ihn hermachten und auf diese Weise alle Beweise für das Erwürgen vernichteten. Gabbys Körper wurde aber zu früh gefunden. Sonst wäre sie wahrscheinlich eine von unzähligen vermissten Personen in Amerika geworden.
Sie gehörten vor fünf Jahren zu den Ermittlern, die eine Verbindung zwischen Petitos Verschwinden und dem Doppelmord an Schulte und Turner vermuteten. Schließen Sie heute völlig aus, dass auch der Tod der beiden auf Laundries Konto geht?
Hundertprozentig! Wie GPS-Daten zeigen, war Laundrie schon einige Hundert Meilen von Moab entfernt, als Kylen und Crystal starben.
