
In Diskussionen über den Einsatz Künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz geht es immer wieder um die Frage, welche Tätigkeiten in naher Zukunft weitgehend autonom von einer Software oder einer Maschine erledigt werden. Mit diesen Aussichten sehen sich vor allem Kreativschaffende, Controller und Juristen konfrontiert. Der Wettbewerb um offene Stellen in Kanzleien und Rechtsabteilungen hat zugenommen.
Viele Arbeitgeber in der Rechtsbranche setzen neben guten Abschlussnoten mittlerweile zwingend KI-Vorkenntnisse voraus und agieren bei Neueinstellungen zögerlich. Damit drängt sich die Frage auf: Braucht es überhaupt noch so viele Associates – so die übliche Bezeichnung für Junganwälte in den ersten Berufsjahren – in Wirtschaftskanzleien?
Aktuelle Daten des Thomson Reuters Institute zeigen, dass US-Kanzleien unterschiedlicher Größe und Ausrichtung im Jahr 2026 maßgeblich von der Produktivität der Anwälte unterhalb der Partnerebene profitieren – also von allen Beratern ohne direkte Gewinnbeteiligung und Stimmrechte in der Partnerschaft. Und das, obwohl die Investitionen und Ausgaben für KI-Lizenzen und eigene Legal-Tech-Instrumente in vielen Sozietäten zugleich auf ein neues Rekordniveau gestiegen sind.
Wichtiger Frühindikator auch für Deutschland
Der kanadische Daten- und Informationsdienstleister, zu dem auch die Nachrichtenagentur Reuters gehört, erfasst mit seinem Langzeitindex seit 2004 unter anderem die Zahl und das Volumen abgeschlossener Transaktionen, die Auslastung der Fachbereiche, die Höhe der Honorare sowie die laufenden Kosten führender amerikanischer und mittelgroßer Sozietäten. Mit einem Jahresumsatz von rund 300 Milliarden Dollar sind die Vereinigten Staaten der größte Rechtsmarkt der Welt.
Trotz struktureller Unterschiede können die Daten ein Frühindikator für die Entwicklung in anderen Kanzleimärkten sein. US-Kanzleien haben in Großbritannien und in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit mehr Marktanteile gewonnen. So bauen Großkanzleien wie Kirkland & Ellis und jüngst Sullivan & Cromwell ihre Teams in Deutschland weiter aus.
Großteil der Arbeit passiert „unter Deck“
Demnach stieg der ermittelte Indexwert der untersuchten Kanzleien in den Vereinigten Staaten im zweiten Quartal 2026 von 55 auf 60 Punkte. Dies stellt laut den Marktforschern eine deutliche Beschleunigung trotz zunehmender schwieriger Bedingungen dar. „Sollte dieser Trend bis zum Jahresende anhalten, würde 2026 das Jahr mit der stärksten Nachfrage seit 2021 werden“, heißt es. Diese Aussage ist mit gewisser Zurückhaltung zu verstehen. Im Geschäftsjahr 2021 verzeichneten die meisten US-Kanzleien massive Umsatzzuwächse, da es in der Corona-Pandemie einen erheblichen Mehrbedarf im Arbeitsrecht, Restrukturierungen und Finanzierungen gab. Aufgrund der Sondereffekte muss vermutlich auch der Indexwert aus dem Frühjahr 2021 korrigiert werden. Die Langzeiterhebung erreichte ihre Höchststände vor Beginn der Finanzkrise 2007 und im ersten Halbjahr 2024.
Wie die Forscher betonen, verteilt sich die Arbeit innerhalb der Anwaltteams nicht gleichmäßig. So stieg die Auslastung bei jüngeren Anwälten und solchen mit mehreren Jahren Berufserfahrung um 4,3 respektive um sechs Prozent – „beide Gruppen verrichten unter Deck den Großteil der Arbeit“. Dagegen sei die Nachfrage nach Beratung durch Partner zurückgegangen, was jedoch kein Indiz dafür sei, dass die Gesellschafter in ihren eigenen Unternehmen überflüssig werden. Vielmehr würden Kanzleien den Leverage-Effekt strategisch nutzen, also das Verhältnis zwischen der Produktivität der Partner und der Arbeitsleistung der angestellten Anwälte.
„Es verschiebt sich zugunsten von Associates und nicht stimmberechtigten Partnern“, betonen die Analysten und bemühen dafür das Bild eines Überseetankers. Strategische Entscheidungen würden weiter auf der Brücke getroffen, für den Antrieb sorge aber die Arbeit der Offiziere und der Besatzung. „Motor der Rentabilität“ sind die von den angestellten Anwälten generierten Honorare, die die Lohnkosten für ihren Arbeitgeber bei Weitem übersteigen.
Höhere Stundensätze gleichen Ausgaben für KI aus
Parallel zu dieser Entwicklung wachsen in vielen Kanzleien die Ausgaben für Technologie und Wissensmanagement rasant an, teilweise im zweistelligen Bereich innerhalb weniger Monate. Dennoch kommt die Analyse zu dem Schluss, dass eine „Verschlankung“ der Kanzleistrukturen, die vielerorts einer Pyramide mit einer breiten Basis aus Junganwälten gleicht, keine Lösung für Kanzleimanager ist. Von einem Ersatz der Junganwälte durch KI kann keine Rede sein: In den vergangenen Monaten habe sich abgezeichnet, dass viele Kanzleien ihre Stundensätze anheben, um die langfristigen Kosten für KI-Anwendungen auszugleichen.
Trotz des vermehrten KI-Einsatzes in Anwaltskanzleien zeichnet sich eine Krise in der Branche nicht ab. Die American Bar Association geht von mehr als 1,37 Millionen zugelassenen Anwälten aus. Laut jüngsten Daten von Statista stieg der Zahl der Jura-Absolventen an US-Universitäten auf knapp 39.000 an. Das ist die höchste Zahl seit 2015. Mehr als die Hälfte der Nachwuchsjuristen entscheidet sich für den Einstieg in eine Kanzlei, mit deutlichem Abstand folgen dann Behörden und Unternehmen.
