
Es war ein Fest. Ein Radsport-Fest der etwas anderen Art. Es wurde nicht um Etappensiege gesprintet, es wurden keine Berge hinaufgeklettert, keine Zeitfahren bestritten. Alles spielte sich in einer offenen Arena im Darmstädter Bürgerpark ab. In einem Bikepark aus Beton und Holz, mit Bowl, Rampen und Absprungschanzen.
Dort wurden am Wochenende die Europameisterinnen und Europameister im BMX Freestyle gekürt, einer olympischen Disziplin, einer Mischung aus Radbeherrschung und Flugshow. Das Wetter spielte mit und die Darmstädter Zuschauer auch. Die 700 Plätze auf den eigens aufgebauten Tribünen erwiesen sich als viel zu wenig. Der Andrang war enorm, und auch das Festgelände nebenan mit Sponsorenständen und Unterhaltungsprogramm machte die BMX-EM an diesem Wochenende zur Nummer eins im Darmstädter Veranstaltungskalender – und zu einer überregionalen Werbung für Darmstadt. Das Finale übertrug Eurosport live.
Weniger glücklich verlief die Europameisterschaft für die lokale Hoffnung Philipp Muth. Der 19 Jahre alte zweimalige deutsche Meister aus Groß-Bieberau, der in Darmstadt trainiert, galt auf der Anlage, die er bis in den letzten Winkel kennt, als Kandidat für das Podium. Einen Park aus dem Effeff zu kennen, ist ein großer Vorteil.
Konkurrenten aus ganz Europa müssen eine solche Anlage in wenigen Trainingsstunden erkunden und auf ihr eine 60 Sekunden dauernde Kür kreieren. Muth musste das nicht. Er hat im Bürgerpark schon Hunderte Male geübt und trainiert, so lange, bis sich Tricks, Salti, Lenkerdrehungen und Figuren neben oder über dem Rad in perfektem Fluss ineinander verwoben.
Ein Sport, den man üben, aber nicht planen kann
Doch BMX Freestyle ist ein Sport, in dem man üben, aber nicht planen kann. Vieles kann schiefgehen, und bei Muth ging an diesem Wochenende vieles, fast alles schief. Im Halbfinale, das in zwei Runs ausgetragen wird, wobei der bessere zählt, flog er im ersten Versuch auf buchstäblich höchstem Niveau durch die Anlage – so schön und hoch, dass ihn womöglich selbst die Flugaufsicht in Langen kurzzeitig auf dem Radar hatte. Doch dann, bei der Landung eines Überkopftricks, knallte es plötzlich: Platten am Hinterrad! Schlechte Vorbereitung? Materialfehler? Oder einfach nur Pech? Was auch immer: Muth war untröstlich. Ausgerechnet hier, ausgerechnet im heimischen Park!
Der zweite Lauf wurde dann zur Nervenprobe. Muth bestand sie. Kein Platten diesmal, auch kein Fehler. Als Siebter erreichte er das Finale der zwölf Besten. Neues Spiel, neues Glück? Nein, neues Spiel – und gleich doppeltes Pech. Im ersten Finallauf musste Muth nach einem Fehler einen Fuß auf den Boden stellen. Das gilt als großer Fehler, und so erhielt er nur 80,20 Punkte, zu wenig für den Kampf um die Medaillen. Im zweiten Run dann wieder ein Fehler – und diesmal brach Muth den Lauf ab.
Damit war klar, dass es mit einer Medaille nichts mehr werden würde. Am Ende landete er auf Platz elf. Den Titel gewann der Brite Jordan Clark mit 94,00 Punkten vor dem unter neutraler Flagge startenden Russen Arsenii Liubishkin (93,06) und dem Franzosen Anthony Jeanjean (91,80). Bester Deutscher wurde Dean Florian mit 89,00 Punkten auf Platz sieben.
Auch bei den Frauen endete die Europameisterschaft für die deutsche Hoffnung Kim Lea Müller mit einer Enttäuschung. Die 24 Jahre alte Remscheiderin gehört seit Jahren zur internationalen Spitze. Sie war bei den Olympischen Spielen in Paris Zwölfte, gewann Silber und zweimal Bronze bei den X Games in den Vereinigten Staaten und war als Titelverteidigerin und Favoritin nach Darmstadt gekommen. Im Bürgerpark zog sie als Beste der Qualifikation ins Finale ein und startete dort als Letzte der zwölf Fahrerinnen.
Doch gleich im ersten Run stürzte sie und verletzte sich am linken Unterarm und am Ellenbogen. Sie ließ sich behandeln und wagte sich trotz der Schmerzen und bandagiertem Arm noch einmal in die monströse Anlage. Unter diesen Bedingungen blieb sie im zweiten Lauf ohne Chance auf die Titelverteidigung. Auch Noémi Molnár hatte ihren ersten Finalrun verpatzt. Die erst 16 Jahre alte Ungarin steigerte sich im zweiten Versuch aber auf 93,00 Punkte und gewann den Europameistertitel vor der Britin Kitty Joseph (89,84). Bronze ging mit 86,12 Punkten an die 19 Jahre alte Lillyana Seidler aus Neubrandenburg, die für den Mellowpark Berlin startet. Müller blieb nach ihrem Sturz mit 61,92 Punkten nur Platz zehn.
