Sollten „Bravo“-Fotolovestorys einmal verfilmt werden, werden sie sich an diesem Film messen lassen müssen. Denn „Back to the 90s“ setzt in vielerlei Hinsicht Maßstäbe: Da wäre die Menge an Aufnahmen von muskulösen Oberarmen, Sixpacks und verschmitztem Lächeln. Die Zahl weiblicher Figuren, die den Hauptfiguren im Film in kürzester Zeit verfallen. Und natürlich die Prominenz der Schauspieler.
Was könnte nun auch anderes kommen? Die Elevator Boys haben einen Film gedreht. Auf Tiktok ist das Quintett schon vor Jahren berühmt geworden, dort standen die jungen Männer in kurzen Videos in Aufzügen und setzten für die Kamera ihren besten Schlafzimmerblick auf. Um den Film auf einer tieferen Ebene zu verstehen, muss man hier kurz ausholen: Am Handy nimmt man dabei die Perspektive der Person ein, die vor der Aufzugtür steht. Sobald diese aufgeht und die Elevator Boys einen quasi anschauen, entspannen sich ihre Gesichtszüge und ihre Lider senken sich leicht. Die einen grinsen, die anderen schauen nervös weg. Sieht man eines ihrer berühmtesten Videos, meint man Teenagerherzen in der Ferne pochen zu hören.
„Bro, ohne dich macht das echt keinen Sinn“
Kann es gut gehen, wenn man solche mit Formaten von zehn Sekunden Länge berühmt gewordene Influencer gemeinsam für ein Langformat vor die Kamera stellt? Die Frage ließe sich hämisch verneinen, wirken die Dialoge doch manchmal auswendig gelernt bis künstlich. Doch gerade als Boyband, die Tim Schäcker, Julien Brown, Jacob Rott, Luis Freitag und Bene Schulz nun einmal spielen, wirken sie in der auf Prime Video angelaufenen Komödie unter der Regie von Facundo Scalerandi authentisch. Immerhin haben sie auch in der Realität schon ihre Musikkarriere aufgenommen.
Der Film nun erzählt von fünf Freunden, die von einer Karriere als Boyband träumen und für einen entscheidenden Wettbewerb proben, von dem sie sich viel Aufmerksamkeit versprechen. Doch einen von ihnen plagen Selbstzweifel. „So können wir den Song niemandem zeigen“, sagt er. „Da fehlt irgendwas, der Song, da ist keine Magie, da ist gar nichts.“ „Bro“, wird er beschwichtigt. Er solle nicht wieder damit anfangen. „Bro, ohne dich macht das echt keinen Sinn“, versuchen sie später noch an sein Gewissen zu appellieren. Und dass sie ohne ihn ihre Band 5G vergessen könnten.
Wer hätte bei den Elevator Boys schon mit einem Aufzug gerechnet?
Die Dramatik spitzt sich zu Beginn des Films zu, bis ausgerechnet dort etwas Unerwartetes passiert, wo niemand damit hätte rechnen können: im Aufzug. Nachdem die Jungs öfter den roten Notknopf bemühen, bleiben sie zunächst im Aufzug stecken und stürzen dann hinab. Als sich die Aufzugtüren öffnen – ganz ohne verschmitzte Blicke –, scheint die Welt um sie herum plötzlich mit Weichzeichnern überpinselt, und auch ihre Smartphones funktionieren nicht mehr. Die Jungs müssen realisieren, dass sie im Jahr 1995 gelandet sind. Ihr Ziel für die Dauer des Films lautet also: „Zurück in die Zukunft“ zu gelangen.

Auf diese offensichtlichste Referenz des Films nehmen sie sogar selbst Bezug und dozieren fast schon über den Kultfilm aus dem Jahr 1985. Die Stelle offenbart eine der größten Schwachstellen von „Back to the 90s“: Denn obwohl der Film sich eindeutig an eine Zielgruppe richtet, die sich noch einen „Bravo“-Starschnitt der Elevator Boys an die Zimmertür hängen würde, wirkt er in seiner Ansprache unentschlossen. Zum genannten Wettbewerb soll eine Frau mit dem Namen Robinson kommen – es dürften aber nicht viele Jugendliche sein, die die Anspielung auf den Film „Die Reifeprüfung“ aus dem Jahr 1967 verstehen. Und finden es ausgerechnet jüngere Zuschauer lustig, wenn eine Figur in den Neunzigerjahren in bester Dad-Joke-Manier vom Zukunftswort „Cloud“ auf „geklaut“ schließt?
Vielleicht ist der Film auch absichtlich so gestrickt, dass er sich erst vollständig verstehen lässt, wenn Teenager ihn zusammen mit ihren Eltern schauen und einander Kuriositäten der Popkultur aus unterschiedlichen Jahrzehnten erklären. Wie oft das tatsächlich vorkommt, sei dahingestellt. Die meiste Freude beim Anschauen bereitet jedenfalls die Neunziger-Nostalgie, die der Film verbreitet. Dafür sorgen Songs wie „Macarena“ und der Titelsong „1995“, den Gary Barlow, Gründungsmitglied der britischen Boyband Take That, geschrieben hat. Tritt die Gruppe 5G am Ende beim Wettbewerb auf und legt – ganz ohne Proben – eine Darbietung hin, mit der sie den Boybands der Neunziger und der vergangenen Jahre in nichts nachsteht, wünscht man sich zwar immer noch keine Fortsetzung. Kurzweilig ist der Film aber allemal.
