Seit April 2025 trägt ein Bundesministerium seine Zuständigkeit für Raumfahrt auch im Namen. Natürlich wurde in Deutschland auch schon davor Raumfahrtpolitik betrieben. Die Bundesrepublik gehörte 1962 und 1963 zu den Gründungsmitgliedern der Vorläuferorganisationen der Europäischen Weltraumbehörde ESA, startete 1969 einen eigenen Satelliten und hatte 1983 ihren ersten Astronauten; der erste Deutsche im All war fünf Jahre zuvor Sigmund Jähn aus der DDR gewesen.
Trotzdem war Deutschland ein Nachzügler im All. Und das nicht trotz der Tatsache, dass der erste von Menschen gebaute Apparat den Saum des Weltraums von deutschem Boden aus erreichte, sondern gerade deswegen. Denn das war eine V2-Rakete, entworfen von Wernher von Braun und gestartet am 3. Oktober 1942 in Peenemünde. Es war ein Testflug für die neuartige Kriegswaffe, von der bis Kriegsende rund dreitausend Stück eingesetzt wurden. Die Zahl der dadurch getöteten Menschen, zumeist Zivilisten, wurde noch übertroffen von der Zahl der Zwangsarbeiter, die bei der Produktion der Rakete umkamen.
Der Schatten von Peenemünde
Damit ist kaum verwunderlich, dass sich „Raketenantriebe“ unter den Themenfeldern findet, zu denen das alliierte Kontrollratsgesetz No. 25 in Deutschland jegliche Forschung untersagte. Das Verbot bestand bis 1955, als das Inkrafttreten der Pariser Verträge den Besatzungsstatus Deutschlands beendete. Doch während die zuvor gleichfalls verbotene Kernforschung sogleich wieder aufgenommen und noch im selben Jahr ein eigenes Bundesministerium für Atomfragen gegründet wurde, war das beim Thema Weltraum und Raketen anders. Das hatte nicht nur personelle Gründe. Wernher von Braun und sein Kernteam hatten sich 1945 den Amerikanern ergeben und arbeiteten seither für die U.S. Army. Einige aus dem weiteren Kreis seiner Mitarbeiter waren in die Sowjetunion gebracht worden, durften aber bis 1953 zurückkehren, auch nach Westdeutschland.
Dort hatte sich aber nur eine kleine Gruppe von Forschern in der französischen Zone mit dem Weltraum befasst und Instrumente gebaut, die ohne viel Publicity 1954 auf zwei französischen Forschungsraketen flogen. Bundeskanzler Konrad Adenauer wollte mit derlei zunächst nichts zu tun haben. Über dem Thema lag noch immer der Schatten von Peenemünde. „In der Bundesrepublik steht man nicht nur vor der Schwierigkeit, dass Weltraumforschung sehr viel Geld und wissenschaftliche Kapazität kostet, sondern auch vor dem psychologischen Problem, dass Raketen ihr Grundelement sind“, hieß es noch 1961 in einer Denkschrift für die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Der Atomminister vermied das Wort „Weltraum“
Dabei wehte 1961 bereits ein völlig anderer Wind. Er blies von Westen. 1958 war die NASA gegründet worden und bündelte nun die amerikanischen Weltraumanstrengungen unter ziviler Flagge. Im September 1959 besuchten zwei NASA-Vertreter Deutschland und boten hiesigen Forschern an, ihre Instrumente zur Erforschung des erdnahen Weltalls auf amerikanischen Raketen und Satelliten zu fliegen. Nur: Forschungsstätten, um solche Instrumente zu entwerfen und zu bauen, gab es so gut wie keine. Trotzdem zeigte man sich vor allem in der Max-Planck-Gesellschaft interessiert. Deren prominenteste Persönlichkeit, Werner Heisenberg, hatte gute Beziehungen zur Politik. Am letzten Werktag des Jahres 1959 traf er sich mit Siegfried Balke, Minister für Atomfragen in der dritten Regierung Adenauer, zu einem Gespräch über Deutschlands Einstieg in die Weltraumforschung.
Die Zuständigkeit des Atomministeriums ergab sich aus dessen faktischer Funktion als Bundesforschungsministerium, das es, da Wissenschaft als Ländersache definiert war, unter diesem Namen zunächst nicht geben durfte. Aber sie war nicht unumstritten. Bis 1962 bemühten sich mehrere Ministerien um Mitsprache in Raumfahrtfragen, vor allem die für Verkehr und Verteidigung. Um seine Kabinettskollegen nicht übermäßig zu ärgern, vermied Balke daher das Wort „Weltraum“ und sprach lieber von „Extraterrestrischer Forschung“. Diese Bezeichnung wurde dann auch für die 1960 in Garching bei München eingerichtete Forschungsstelle der Max-Planck-Gesellschaft verwendet. Aus ihr ging 1963 das Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik (MPE) hervor.
Europäischer Aufbruch und erstes Scheitern
Dem MPE wuchs in der frühen Geschichte der bundesdeutschen Raumfahrt auch insofern eine Schlüsselstellung zu, als sein Leiter Reimar Lüst zu einer zentralen Figur gemeinsamer europäischer Anstrengungen im All wurde. Denn die NASA-Manager hatten 1959 nicht nur Deutschland bereist. Zugleich hatten europäische Wissenschaftler mit der Gründung des CERN im Jahr 1954 schon gelernt, wie man effektiv Ressourcen bündelt. Dies führte 1962 zur Gründung einer European Space Research Organisation (ESRO), deren erstes Satellitenprogramm Lüst zusammen mit einem britischen Kollegen entwarf. Im Jahr darauf wurde eine European Launcher Development Organisation (ELDO) ins Leben gerufen, mit dem Ziel des Baus einer europäischen Trägerrakete.
Die ELDO litt allerdings an einem Geburtsfehler. Großbritannien hatte in den Fünfzigerjahren mit Entwicklung und Bau einer mit flüssigem Sauerstoff betankten Mittelstreckenrakete namens Blue Streak begonnen. Als sich aber die Einsatzreife von Feststoffraketen abzeichnete, wurde Blue Streak 1960 kurzerhand gestrichen. England saß damit auf einer halb fertigen Rakete und versuchte die Investitionen nun dadurch zu retten, dass man propagierte, daraus die erste Stufe einer europäischen Rakete zu machen. Dies war ein maßgeblicher Impuls zur Gründung der ELDO, die nun nicht nur an den Schwierigkeiten des Umbaus eines eigentlich für andere Zwecke konzipierten Systems scheiterte, sondern auch an Entscheidungsstrukturen, die nicht geeignet waren, nationale Eitelkeiten zu überwinden.

Der erste erfolgreiche europäische Satellit wurde daher 1968 auf einer amerikanischen Rakete gestartet. Dieser Forschungssatellit hatte aber noch keine deutschen Instrumente an Bord. Am MPE setze Reimar Lüst zunächst vor allem auf suborbitale Raketenflüge. Die passten besser zu den wissenschaftlichen Interessen an seinem Institut und ließen sich mit geringerem Aufwand und in dichter Folge durchführen.
Der erste deutsche Satellit Azur startete 1969. Er war allerdings kein ESRO-Projekt, sondern eine Kooperation des Bundesministeriums für wissenschaftliche Forschung mit der NASA. Dieses Ministerium war 1962 aus dem Atomministerium hervorgegangen und trug zum ersten Mal das Wort „Forschung“ im Namen. Das „wissenschaftlich“ sollte die Zuständigkeit für Grundlagenforschung markieren und von Technologieentwicklung abgrenzen, für die das Wirtschaftsministerium die Zuständigkeit beanspruchte.
„Symphonie“ – ein heilsames Trauma
Im selben Jahr kam es auch zu einer Grundgesetzänderung, welche die Kompetenzen des Ministeriums stärkte und ihm abermals einen neuen Namen bescherte: Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft. Für die Raumfahrt war diese Reform der großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) nur indirekt relevant, da sie seit Balkes Zeiten unbestritten Bundessache war. Wichtiger war, dass die große Koalition die Zusammenlegung mehrerer Einrichtungen ermöglichte, die in verschiedenen Bundesländern ansässig waren. Mit der neuen Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) hatten nun die NASA und die Raumfahrtbehörden anderer europäischer Länder endlich einen nationalen deutschen Ansprechpartner, der nicht zuletzt im Kontext der Probleme bei der ELDO vermisst worden war. Aus der DFVLR wurde 1989 das heutige DLR.
Die ELDO stellte 1973 ihre Arbeit ein, übertrug ihre Aufgaben an die ESRO und fusionierte mit dieser zwei Jahre später zur ESA. Die europäische Trägerrakete war nach mehreren Fehlstarts gescheitert. Aber noch bevor die ESA ihre Arbeit aufnahm, wurde deutlich, dass Europa seine eigene Rakete nicht nur als ein politisches Symbol brauchte. Die DFVLR und ihr französisches Pendant hatten einen Nachrichtensatelliten namens Symphonie entwickelt, der auf der ELDO-Rakete hätte starten sollen. Das war nun nicht mehr möglich, also flogen die beiden gebauten Symphonie-Satelliten 1974 und 1975 auf einem amerikanischen System – mit der Auflage, dass sie nicht kommerziell genutzt werden durften, denn die USA wollten ihr Monopol im Satellitenfunk behalten. Aus Symphonie 1 und 2 wurden zwei 600 Millionen D-Mark teure Sendeantennen für Bildungsfernsehen.
Der Zwang zur Raumfahrt
Diese Erfahrung war entscheidend für einen neuen Anlauf zu einem eigenen europäischen Zugang zum All, der 1979 mit dem ersten Start der Ariane 1 von Erfolg gekrönt war – und zwar von einem durchschlagenden. Die hohe Zuverlässigkeit der europäischen Raketen und ein für die meisten Zielorbits ideales Startgelände in Französisch-Guayana machten den Anbieter der Ariane 1984 zum Marktführer für kommerzielle Satellitenstarts. Diese Spitzenstellung ging erst 2017 an Elon Musks SpaceX verloren.
Die Raumfahrt war in den Siebzigerjahren zu einer industrie- und sicherheitspolitischen Schlüsseltechnologie geworden. Dies – und überhaupt die gestiegene Bedeutung von Großtechnologien – führte 1972 zur Einrichtung eines eigenen Bundesministeriums für Forschung und Technologie neben dem für Bildung und Wissenschaft, eine Trennung, die bis 1994 bestand.
Die Raumfahrt wurde unter allen nachfolgenden Regierungen engagiert gefördert. Das hatte Gründe: Raumfahrt ist ein Querschnittsthema, sie betrifft neben der Wissenschaft auch die Industrie, die Sicherheit, die Kommunikation und inzwischen auch die Klimafrage. Die Verteilung raumfahrtrelevanter Standorte in Deutschland auf mehrere Bundesländer würde im Fall von Kürzungen föderalen Widerstand provozieren. Am wichtigsten aber: Die internationale und insbesondere die europäische Vernetzung, verbunden mit der Tatsache, dass sich Raumfahrtprojekte nur verwirklichen lassen, wenn langfristige Verpflichtungen eingegangen werden, zwingt jede Regierung zum Engagement.
Wie langfristig die Verpflichtungen sein können, illustriert der Einstieg Europas – und damit Westdeutschlands – in die bemannte Raumfahrt. Bereits 1969 hatte die NASA die Europäer eingeladen, an den Vorarbeiten zum Space Shuttle teilzunehmen, und im Dezember 1972 – im Monat der Gründung des neuen Technologieministeriums – beschlossen die Minister der ESA-Staaten die Entwicklung des Spacelabs, eines Weltraumlabors für die Ladebucht eines Shuttles.
Im Gegenzug hatte die NASA Mitfluggelegenheiten für europäische Astronauten angeboten. Dass ein Deutscher zumindest unter den Kandidaten für die erste Spacelab-Mission sein würde, war auch insofern zu erwarten gewesen, als der Hauptauftragsnehmer des mit dem Bau beauftragten europäischen Firmenkonsortiums ein Unternehmen am Standort Bremen war. So kam Ulf Merbold im November 1983 ins All – als erster von bis heute elf Deutschen, die entweder als ESA-Astronauten oder national über das DLR an Missionen im Erdorbit teilnahmen. Hinzu kommen Sigmund Jähn und Rabea Rogge, die 2025 einen Flug einer SpaceX-Kapsel mitmachte. Die Beteiligung Europas am Artemis-Programm der NASA dürfte früher oder später einen Deutschen auch auf den Mond bringen.
