
Die Halle elf im Stammwerk von Volkswagen in Wolfsburg ist ausgeräumt, ein Drittel der Fläche ist bestuhlt, an der Stirnseite ein Podium mit Rednerpult. Gegen 9.30 Uhr reihen sich Vertrauensleute der IG Metall in einer fast 60 Meter langen Schlange auf. Die Gewerkschafter halten Plakate mit Slogans wie „Respekt ist keine Verhandlungssache“ und „Unsere Jobs sind nicht eure Bilanzkorrektur“ in die Höhe. Mehr als 10.000 VW-Beschäftigte verfolgen die Versammlung in und vor der Halle.
Links neben dem Rednerpult sitzen die Vertreter des Betriebsrats um Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo, rechts daneben Konzernchef Oliver Blume mit VW-Markenvorstand Thomas Schäfer. Teilnehmer berichten zudem, dass der Betriebsrat für die Unternehmensvertreter geräuschdämpfende Ohrstöpsel ausgelegt hat, die aber weder Blume noch Schäfer trotz lauter Rufe und schriller Pfiffe auf der Betriebsversammlung am Stammsitz des Traditionsunternehmens nutzen.
Gesamtbetriebsratschefin greift Konzernchef an
Der Gesamtbetriebsrat des schwer angeschlagenen Autoherstellers kämpft gegen einen weiteren Stellenabbau und die Schließung von vier deutschen Werken. Vor einer möglicherweise entscheidenden Aufsichtsratssitzung am 4. September haben die Arbeitnehmervertreter deshalb neun Betriebsversammlungen angesetzt. Den Auftakt machten am Dienstag Wolfsburg und Braunschweig. In den nächsten Tagen folgen Veranstaltungen in den Werken in Emden, Zwickau, Salzgitter und Hannover.
Den Ton setzt Gesamtbetriebsratschefin Cavallo in ihrer Rede sehr schnell, indem sie Konzernchef Blume scharf angreift. „Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten“, sagt die Arbeitnehmervertreterin nach Berichten von Teilnehmern. Cavallo kritisiert neben den Sparplänen vor allem auch die Kommunikation des Volkswagen-Vorstands, der seine Mitarbeiter im Ungewissen lasse.
VW-Vorstand nennt Lage „mehr als kritisch“
Am Tag vor den Betriebsversammlungen in Wolfsburg und Braunschweig hatte die Arbeitnehmervertretung das Ergebnis einer Umfrage veröffentlicht, der zufolge die Beschäftigten die Informationspolitik von Volkswagen als ihr größtes Ärgernis noch vor der Sorge um ihre Arbeitsplätze einstuften. Es war eine Reaktion auf ein Video-Interview im Intranet von VW, in dem Blume am Freitag noch einmal gewarnt hatte, dass die Lage „mehr als kritisch“ sei. Die operative Marge von 3,8 Prozent reiche bei Weitem nicht aus, um neue Technologien, Produkte und Fabriken zu finanzieren. Volkswagen müsse einfacher und schlanker werden.
Cavallo fordert konkrete Details zu den neuen Einsparplanungen. Schon vor Monaten hat VW den Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland beschlossen. Nun könnten der Aussage Blumes zufolge global weitere 50.000 Arbeitsplätze hinzukommen. Zudem stellt der Hersteller die Zukunft der deutschen Standorte in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm infrage. Aktuell gibt es nach Unternehmensangaben keine Folgebelegung der Werke, die über die jetzige Belegung hinausgeht, die Produktion in den vier Fabriken würde also Anfang der 2030er-Jahre enden.
Cavallo fordert konkrete Details zu den neuen Sparplänen
„Statt zu sagen, wie es ist, lässt man das Personalwesen mit dem groben Rechenschieber mal einen Kostenplan theoretisch herleiten und landet dann bei der plakativen Zahl der 50.000 zu streichenden Stellen“, sagt Cavallo. Weder erläutere das Unternehmen, wie viele dieser Arbeitsplätze auf das Inland und Ausland entfielen, noch welche Marken, Regionen und Gesellschaften im Fokus ständen oder was mit der Arbeit geschehen solle, die dort bisher geleistet werde. „Aber eines sagt man: 50.000 wären es ohne Veränderung der Arbeitskosten“, erklärt Cavallo weiter. „Das ist wieder so ein sprachlicher Tarnumhang. Und wenn man den wegzieht, steht da: Liebe Beschäftigte, wenn ihr es ab morgen für die Hälfte der Bezahlung macht, wollen wir nur 25.000 rausschmeißen.“
In einem auf der Betriebsversammlung verteilten Flugblatt weist der Betriebsrat die Argumentation zurück, dass VW wegen der hohen Fabrikkosten in Deutschland in Schieflage geraten sei. „Die Fabrikkosten machen für VW nur ungefähr ein Siebtel der Gesamtkosten eines Autos aus. Und von diesem Siebtel entfallen wiederum nur zwei Drittel auf die Personalkosten“, heißt es in dem Blatt, das der F.A.Z. vorliegt. „Daraus ergibt sich, dass selbst die völlig utopische Halbierung des VW-Haustarifs ein Fahrzeug nur ungefähr fünf Prozent billiger machen würde.“
Betriebsrat kündigt Widerstand gegen Werksschließungen an
Cavallo kündigt erbitterten Widerstand gegen die Schließung der Fabriken in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm an. Sie seien „integraler Bestandteil“ von VW. „Volkswagen ist kein Konzern rein nach kapitalistischen Spielregeln, er gehört wegen seiner Geschichte auch uns, den Beschäftigten“, sagte die Gesamtbetriebsratschefin. „Unser Vertrauen in diesen Konzernvorstand, insbesondere auch in dessen Vorsitzenden Oliver Blume, ist beschädigt. Noch nicht irreparabel. Aber beschädigt.“
Auch IG-Metall-Chefin Christiane Benner hatte das Vertrauensverhältnis zu Blume am Wochenende als „gestört“ bezeichnet. „Was das Management hier macht, ist ein beispielloser Angriff auf die eigene Belegschaft. Fabriken in ohnehin strukturschwachen Regionen wie die in Emden und Zwickau zur Disposition zu stellen, das ist Wahnsinn“, sagte Benner im Interview mit der F.A.S. „Aufgabe der Konzernführung ist es, das Licht am Ende des Tunnels aufzuzeigen und nicht nur auf die Lampen eines möglicherweise entgegenkommenden Zuges zu deuten.“
Blume: „Etwa die Hälfte“ des Stellenabbaus in Deutschland
Konzernchef Blume verwies in seinen Ausführungen vor den Mitarbeitern darauf, dass die auf den Weg gebrachten Maßnahmen nicht ausreichten, „um unsere Zukunft aus eigener Kraft zu finanzieren. Wir müssen Komplexität reduzieren, unsere Strukturen konsequent verschlanken und Kosten senken.“ Dabei sei sowohl die Komplexität bei den Modellen und Ausstattungsvarianten als auch die Konzernstruktur mit weit mehr als 2000 einzelnen Tochtergesellschaften gemeint. In einem ersten Schritt gehe es nun um die Kosten außerhalb der direkten Autoproduktion wie Management, zentrale Verwaltung, Entwicklung und Vertrieb.
Die Hälfte des neuen Anpassungsbedarfs verortet Blume in Deutschland. „Die häufig genannte Zahl von rund 50.000 Stellen weltweit ist dabei keine Zielgröße. Sie ist eine theoretische Rechengröße – abgeleitet von unseren Kosten“, erläuterte der VW-Chef nach Angaben von Teilnehmern. „Heute liegen wir rund 30 Prozent über dem Durchschnitt vergleichbarer Unternehmen.“ VW setze beim Personalabbau „so weit möglich“ auf Freiwilligkeit, sprich: Renteneintritte, einvernehmliche Lösungen, natürliche Fluktuation, keine Neueinstellungen und Altersteilzeit, die das Unternehmen für weitere Jahrgänge öffnen will.
In den nächsten sechs bis zwölf Monaten wolle VW „belastbare Perspektiven“ für alle Standorte schaffen. „Für Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm können wir heute noch keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre darstellen“, erklärte Blume. „Das heißt aber nicht, dass Werksschließungen beschlossen sind. Sie sind immer die letzte und teuerste Lösung.“
Mehr Klarheit über die Zukunft der vier Fabriken könnte es am 4. September geben, wenn sich der Aufsichtsrat trifft, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Sicher ist das allerdings nicht. In der vorherigen Sitzung im Juli konnten sich die Kontrolleure nicht einigen, und zwölf Aufsichtsratsmitglieder stimmten gegen das vom Vorstand vorgestellte Sparprogramm.
