Es sagt viel über Alexander Ruß aus, dass er seinen Arbeitsplatz als „ganz schön kuschelig“ bezeichnet. Die meisten würden wohl sagen: Es ist kaum auszuhalten vor lauter Hitze. Aber der 44 Jahre alte Oberfranke arbeitet in der Glasindustrie, da ist man hohe Temperaturen gewohnt. Außerdem, sagt er relativierend, sei es an anderen Stellen der Produktion noch heißer. Unbestritten. Schmelzwannen, wo das Glas herkommt, das nach mehreren Stationen und Produktionsschritten bei Alexander Ruß ankommt, werden rund 1500 Grad heiß.
So gesehen ist der Beschäftigte von Heinz Glas, einem mehr als 400 Jahre alten Familienunternehmen im thüringisch-bayerischen Grenzgebiet, noch gut dran. Trotzdem nähert er sich seinem Arbeitsplatz nur mit dicken Handschuhen und Stulpen an den Unterarmen. Die Glasgefäße, die an seiner Maschine in Reih und Glied ankommen – je nach Typ mehrere Dutzend oder mehrere Hundert in der Minute –, sind immer noch mehrere Hundert Grad heiß und eine ständige Gefahr für Verbrennungen; die Maschinen, die sie formen und transportieren, ebenso. Die gleichfalls vom Unternehmen gestellten Sicherheitsschuhe, die Latzhose und das T-Shirt, alles in Schwarz, sind Standard für einen Industriearbeitsplatz. Die stabile Kappe ist es nicht. Aber die Haare versengen hier auch schneller als andernorts.
Sicherheit in der Industrie – das kennt er auch anders
Zur Hitze kommt der Lärm, aber auch den nimmt Ruß stoisch hin. Gespräche am Arbeitsplatz sind kaum möglich, die vielen Maschinen rattern ohne Unterlass. Die meisten von ihnen laufen 24 Stunden am Tag, Woche für Woche. Stillstand ist selten vorgesehen, er ist für Unternehmen störend und teuer. Ohne Gehörschutz – Kopfhörer oder Ohrstöpsel – geht niemand hierher. Ein Kunststück, dass sich Ruß und seine Kollegen trotzdem verständigen können, indem sie ihren Schutz sehr kurz und sehr vorsichtig lösen, um Botschaften auszutauschen. Ausführlich erzählen kann Ruß erst in der Kantine, sie ist kühl, schnörkellos eingerichtet und wird an diesem warmen, aber nicht mehr so heißen Sommertag von rund einem Dutzend Kollegen besucht. Die halbstündigen Pausen an seinen Arbeitstagen verbringt er immer hier, sagt Ruß. Sie reichten aus, um viel zu trinken, fünfeinhalb bis sechs Liter am Tag, immer nur Wasser.
Ruß stammt aus der Gegend, und er hat in seinem Berufsleben schon so viel mitgemacht, dass er nicht auf die Idee käme, die Bedingungen an seinem Arbeitsplatz zu hinterfragen. Hier, im Landkreis Kronach zwischen Erfurt und Coburg, gibt es viel Industrie. Und nicht überall ist die Lage so stabil wie bei der im Jahr 1622, also im Dreißigjährigen Krieg, gegründeten und in 13. Generation von Carletta Heinz geführten Heinz Glas GmbH in Kleintettau. Seine Lehre – Industriemechaniker, Fachrichtung Produktionstechnik – hat er bei einem Autozulieferer abgeschlossen, aber dem ging es am Ende so schlecht, dass er ihn entlassen hat. Danach wechselte Ruß in die traditionsreiche, Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Porzellanfabrik Tettau, es musste ja weitergehen. Die gibt es heute gar nicht mehr, denn Porzellan aus China war billiger und die Fabrik bald am Ende.
Auch Glasherstellung ist hierzulande ein labiles Geschäft geworden, aber Heinz hat eine Sonderstellung. Das Unternehmen ist international einer der begehrtesten Hersteller von Parfümflakons. Bringen Mode- oder Luxuskonzerne neue Düfte auf den Markt, lassen sie die kleinen, zumeist kunstvollen Fläschchen mit ihren diversen Farben und Formen von Heinz fertigen. So kommen Lifestyle, Ästhetik und die Verführung der Düfte mit dem guten alten deutschen Mittelstand zusammen.

Ruß war Anfang, Mitte zwanzig, als er erlebte, dass Fleiß und Können allein nicht zwangsläufig berufliche Stabilität bedeuten. „Eine blöde Zeit“, sagt er rückblickend. Die in Deutschland oft skizzierte und befürchtete De-Industrialisierung hat er am eigenen Leib erlebt. Er habe das Gefühl, dass die goldenen Zeiten vorbei seien. Bei Heinz Glas, seinem dritten Arbeitgeber, ist er seit 15 Jahren, und wenn es nach ihm geht, wird er noch lange bleiben. Er liebe seine Arbeit, sagt er schwärmerisch. Die von ihm zumeist gewählte Frühschicht von 5.45 bis 13.45 Uhr, die gelegentliche Arbeit am Wochenende, seine Abteilung mit vier Leuten und einem Chef, die Bezahlung: Er sei zufrieden, Heinz Glas ein guter Arbeitgeber. „Und ich kann vergleichen.“ Um 4.40 Uhr ist er heute Morgen aufgestanden und mit dem Auto die paar Kilometer zur Arbeit gefahren. Er würde gerne mit dem Fahrrad kommen, zumal er Hobby-Radler ist, aber oben am Rennsteig werden gerade so viele Windräder gebaut, dass die Straßen voll sind von schweren Lkw. Das sei ihm zu gefährlich.
Über sein Gehalt spricht Ruß weder mit der Presse noch mit Kollegen. Das bringe doch nichts, findet er. Er ist Mitglied der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, und weil Heinz ein tarifgebundenes Unternehmen ist, kommt auf seinem Gehaltszettel an, was die IG BCE verhandelt hat. Weihnachtsgeld als 13. Monatsgehalt ohnehin, ein zweites Urlaubsgeld von knapp 500 Euro ebenfalls. Die Bemerkung, dass es für ein Haus, das er sich in seinem 300-Einwohner-Heimatort ganz in der Nähe gekauft hat, und eine insgesamt vierköpfige Familie – seine Kinder sind fünf und zehn Jahre alt – offenbar reicht, kommentiert er trocken: aber nur weil seine Frau ebenfalls arbeite, unweit der Heinz-Fabriken, 35 Stunden in der Woche.
Das schwere Tragen als Hypothek
Spürbar nachdenklich wird er eigentlich nur, wenn es um die Frage geht, wie lange er seinen Beruf ausüben kann. Er ist ein sogenannter Umspanner und Transporteur am Übergang der noch sehr heißen Glasgefäße zu ihrer Kühlung. Das Glas wurde bis hierhin gepresst, geblasen und geformt, seine jeweilige Temperatur und Formbarkeit sind eine Wissenschaft für sich. Ruß kontrolliert die Maschinen, verfolgt deren Einstellung, Leistung oder Fehlleistung auf kleinen Bildschirmen, zieht Muttern nach. Aber regelmäßig muss er für den Weitertransport der kostbaren Fracht auch sogenannte Einschieberleisten austauschen, gut zwei Meter lang und zwanzig Kilo schwer. „Ich frage mich schon, wie lange ich das machen kann.“ Er werde ja auch nicht jünger. Die Diskussionen, ob die Rente nun frühestens mit 63 oder mit 67 oder gar mit 70 beginnen dürfe, treiben ihn um. Und er hat das Gefühl, dass diejenigen, die einer längeren Lebensarbeitszeit das Wort reden, mitunter sehr leicht mit höheren Jahreszahlen bei der Hand sind.
Er hat so oder so noch mehr als zwanzig Jahre vor sich. Würde er sie bei Heinz Glas verbringen, wäre ihm das recht. Das Unternehmen ist stabil, es hat allein in Kleintettau 1000 Beschäftigte und ganz in der Nähe – in zwei Werken in Piesau und Spechtsbrunn auf thüringischer Seite – weitere 600. Global sind es rund 4000 Beschäftigte in Produktions- und Vertriebsststandorten in Europa, Asien und Südamerika.
Aber auch die Glasindustrie hat es in Deutschland nicht leicht, sie ist enorm energieintensiv, und Energie ist teuer. So auch der Strom, mit dem die Schmelzwannen heute erhitzt werden; Gas-befeuerte Wannen gibt es seit zwei Jahren nicht mehr, es ist die Handschrift von Carletta Heinz, die Nachhaltigkeit zum Unternehmensziel erklärt hat. Mit ihr an der Spitze hat es in den vergangenen Jahren keine Entlassungsrunden wie in anderen Unternehmen und Branchen gegeben, Werksschließungen ohnehin nicht. Alexander Ruß,hat schon anderes erlebt und muss nicht lange überlegen, um zu sagen: „Ich fühle mich relativ sicher hier.“ Was will er mehr.
