
Es ist gegen Mittag, als der BMW am 30. Mai 2025 einen Motorroller überfährt und gegen einen Baum prallt. Auf dem Roller sitzen die 18 Jahre alte Do Ngoc Phuong Thuy, Spitzname Mina, und ihr Vater. Bei dem Unfall verliert die Tochter ihr Bein und eine große Menge Blut, nach einer Woche erliegt sie ihren Verletzungen. Der Vater überlebt. Fast fünfzehn Monate später ist der Baum zu einem Symbol für Zweifel an Gerechtigkeit in Vietnam geworden. Im Zentrum steht die Frage, ob sich der Fahrer dank seiner Machtposition aus der Affäre ziehen konnte.
Dabei schien bei den Ermittlungen zunächst alles seinen normalen Gang zu gehen. Den damaligen Berichten der vietnamesischen Presse zufolge fand die Polizei weder Drogen noch Alkohol im Blut des Fahrers, der aus unbekannten Gründen mit hoher Geschwindigkeit auf der Gegenfahrbahn unterwegs gewesen war. Von dem Fahrer veröffentlichten die Medien nur seine Initialen, das Alter von 64 Jahren und den Wohnort. Sie berichteten noch, dass die Polizei den Fall an die Ermittlungsbehörden von Hanoi weitergegeben habe.
Schnell verbreiteten sich Gerüchte, dass es sich um Nguyen Sy Cuong handele, einen ehemaligen Abgeordneten der vietnamesischen Nationalversammlung. Die Polizei bestätigte das nicht. Danach wurde es still um den Tod der jungen Mina. Bis im August 2026 auf der Social-Media-Plattform Threads Fragen zu den Ermittlungen auftauchten. Auf im Internet verbreiteten Videos soll zu sehen sein, wie die Ehefrau des Fahrers aus der Beifahrertür des Unfallautos aussteigt und sich vom Unfallort entfernt. Lam Thi Phuong Thanh war im April 2026 zur Kulturministerin in Vietnam ernannt worden. Laut „New York Times“ war das der Auslöser für das gestiegene Interesse an dem Fall.
Protest verlagert sich ins Internet
In den sozialen Medien vermuten manche, dass der Fall wegen der mächtigen Position des Paars von den Behörden unter den Teppich gekehrt wurde. An der Unfallstelle legten Mitte August junge Menschen Berichten kritischer vietnamesischer Auslandsmedien zufolge Blumen ab und befestigten Botschaften auf Zetteln und Bändern. Darin drückten sie ihre Trauer aus und forderten eine Untersuchung. Den Baum, der nach einer systematischen Durchnummerierung in der vietnamesischen Hauptstadt die Nummer 55 trägt, tauften sie zum „Baum der Gerechtigkeit“.
Doch die spontan errichtete Gedenkstätte blieb nicht lange erhalten. Kurze Zeit später wurde die Unfallstelle geräumt. Online verbreitete Videos sollen zeigen, wie Vertreter der Stadtreinigung die Blumen in einen Müllwagen stecken und dabei von Polizisten geschützt werden. Die Trauer verlagerte sich daraufhin ins Internet: Ein Threads-Nutzer richtete einen virtuellen Gedenkbaum ein, an dem die Nutzer digital Blumen niederlegen, Kerzen anzünden und Nachrichten hinterlassen können. Den virtuellen Baum haben mittlerweile Hunderttausende besucht.
Für Vietnam, wo die Kommunistische Partei der Meinungsfreiheit enge Grenzen setzt, sind das ungewöhnliche Unmutsäußerungen. Sie gehen über bloße Trauerbekundungen hinaus. In einer Zeit, in der Gen-Z-Proteste in Ländern Südasiens, Afrikas und Lateinamerikas Regierungen gestürzt oder in Bedrängnis gebracht haben, ist das eine gefährliche Entwicklung für autoritäre Regime wie Vietnam. Offenbar bricht sich an diesem Fall ein allgemeiner Frust über Korruption, Ungerechtigkeit und Intransparenz Bahn.
Fernsehbericht bestätigt die Identität des Fahrers
Zuletzt wurde der Druck anscheinend so groß, dass sich die Führung zu einer ungewöhnlichen Geste des Entgegenkommens entschloss. Ein Bericht des staatlichen Fernsehens bestätigte am Montag schließlich, dass es sich bei dem Fahrer um den ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten der Nationalversammlung, Nguyen Sy Cuong, handele.
Dem Sender zufolge hätten die Behörden den Fall geprüft und das Verfahren eingestellt. Der Fahrer habe zwar gegen Gesetze verstoßen, aber alles zugegeben und die Familie der Toten entschädigt. Die Familie habe beantragt, „ihn von der strafrechtlichen Verantwortung zu befreien“, hieß es weiter. Auch der Vater des Opfers meldete sich in dem Beitrag zu Wort, sein Gesicht wurde aber unkenntlich gemacht. Er bestätigte dem Sender, dass der Fall erledigt sei und sich seine Familie von dem Schock erholt habe. Sie wolle nun ihr normales Leben weiterführen.
Die jungen Vietnamesen forderte der Vater in dem Beitrag auf, „den Fall abzuschließen“ und sich „patriotisch“ zu zeigen. Sie sollten sich nicht „in die Machenschaften reaktionärer Akteure hineinziehen lassen“. Online wird seither gemutmaßt, der Mann sei zu der Aussage genötigt worden oder es handele sich gar nicht um Minas echten Vater. Seine Darstellung decke sich auffällig klar mit den Erklärungen der Behörden, denen zufolge „terroristische Organisationen und staatsfeindliche Akteure“ den Fall ausgenutzt hätten, „um Menschen im Internet aufzuhetzen und anzustacheln“.
Mittlerweile liegen Reportern zufolge am Baum „Nummer 55“ nur noch ein paar Blütenblätter auf dem Boden. Polizisten hindern Passanten daran, weitere Blumen und Botschaften abzulegen. Der Onlineprotest geht jedoch weiter.
