Zwischen den Bäumen ist die mehr als 100 Jahre alte Betonpiste kaum noch zu erkennen. Gäbe es nicht die kleine Besucherplattform mit einigen Informationen, würde man nicht ahnen, dass sich im Wald südlich von Rüsselsheim einst die erste Auto-Rennstrecke Deutschlands befand. „Konstruktiv ein Meisterwerk“, schreibt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz über den 1500 Meter langen Rundkurs im „Schwarzbuch der Denkmalpflege“, das am Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist.
Der Anlass für die Erwähnung der 1946 aufgegebenen Rennstrecke, die seit den Achtzigerjahren unter Denkmalschutz steht, ist wenig erfreulich. Die Stiftung nennt sie zwar ein „für die Geschichte der deutschen Automobilindustrie so bedeutendes und einzigartiges Zeitdokument“, führt sie aber in der Kategorie der gefährdeten Kulturdenkmäler. Aus ihrer Sicht übernehmen die zuständigen Stellen nicht ausreichend Verantwortung für das Denkmal. Es gehört den Stadtwerken Mainz, die auf dem Gelände Trinkwasser gewinnen. Ein Verein hatte sich in den vergangenen Jahren dafür eingesetzt, die ehemalige Rennstrecke wieder besser sichtbar zu machen. Da sie damit keinen Erfolg hatte, löste sich die private Initiative vor einigen Wochen frustriert auf. Das private Engagement sei „aufgerieben“ worden, kritisiert die Stiftung.
Exakte Zahlen über verlorene Denkmäler fehlen
Der Denkmalschutz habe in jüngster Zeit an Stellenwert verloren, sagte Stiftungsvorstand Steffen Skudelny bei der Vorstellung des Schwarzbuchs. Er kritisierte die in vielen Ländern, darunter auch Hessen, erfolgte Änderung der Denkmalgesetze. Damit werde die Rolle der Fachbehörden geschwächt. In Hessen soll das Landesamt für Denkmalpflege nur noch für besonders bedeutende Bauten und Bodendenkmäler zuständig sein, die kommunalen Denkmalbehörden – die nach Einschätzung der Stiftung oft personell unzureichend ausgestattet sind – sollen mehr Entscheidungsspielraum bekommen.
Die fehlende Fachlichkeit im Denkmalschutz führt laut Skudelny dazu, dass erhaltenswerte Bauten zu schnell aufgegeben werden. Exakte Zahlen hat die Stiftung nicht, da es keine Statistik gibt, in der abgebrochene Denkmäler vollständig erfasst werden. Nach eigenen Recherchen hat die private Organisation in Hessen 40 Verluste für 2024 ausgewiesen, 2025 sind demnach 37 Denkmäler verloren gegangen. Es verschwindet in Hessen also annähernd jede Woche ein schützenswertes Zeugnis der Vergangenheit.

Dazu zählt das sogenannte Glückshaus im Frankfurter Allerheiligenviertel. Das 1861 errichtete Gebäude, das zu Beginn des Ukrainekriegs durch eine große Friedenstaube auf der Fassade bekannt wurde, ist 2024 abgerissen worden, weil die Bausubstanz nicht mehr zu retten war. „Für alle Beteiligten ein trauriges Ergebnis“, heißt es im Schwarzbuch, in dem der Vorgang in der Kategorie „verloren“ ausführlich dokumentiert ist. „Das letzte Relikt, das von der Blütezeit dieses Straßenzugs in einem ganz besonderen Stadtteil erzählte, ist nun leider unwiederbringlich verschwunden“, heißt es dazu. Das Gebäude sei über Jahre hinweg ungehindert vernachlässigt worden.
Als weitere Verluste listet die Stiftung die Deichertsbrücke in Ober-Hambach, einem Stadtteil von Heppenheim, ein Fachwerkhaus in Elbtal im Kreis Limburg-Weilburg, eine Hofreite in Pohlheim im Kreis Gießen, eine Scheune in Dagobertshausen, einem Stadtteil von Marburg, und eine Villa in Wiesbaden auf. Meist werde der Abriss genehmigt, weil der Erhalt wirtschaftlich nicht zumutbar sei. Andere Gründe seien eine langjährige Vernachlässigung oder ein Verlust des Denkmalwerts durch nicht genehmigte Umbauten. Aber auch Brände und mutwillige Zerstörung spielten eine Rolle.
Zu den gefährdeten Objekten zählt die Stiftung neben der Opel-Rennbahn den Bahnhof in Frankfurt-Höchst, in dem die Halle seit einigen Monaten mit Stützen gesichert werden muss, sowie den Bethmannhof in der Frankfurter Innenstadt, von dem nur Teile erhalten werden sollen. Vom Abriss bedroht sind zudem das Rathaus in Bad Soden, die alte Kreisberufsschule in Homberg/Ohm sowie ein Eisenbahn-Viadukt in Wülmersen im Kreis Kassel.
Es gibt aber auch ein positives Beispiel aus Hessen: Dank der Initiative der Eigentümer wurde eine historische Scheune in Jossgrund-Burgjoss im Main-Kinzig-Kreis gerettet und umgebaut. In das Fachwerkhaus wurde unter anderem eine Sauna eingebaut. Die Stiftung spricht von einem „denkmalpflegerischen Meisterstreich“.
