Da fiel jemand doch sehr heraus aus den Üblichkeiten, das war früh schon erkennbar. Als ein Reporter der Frankfurter Rundschau 1974 ein Seminar an der Freien Universität Berlin miterlebte, staunte er über das »schelmenhafte Lachen« und die »melodisch eindringliche Stimme« des stramm linksradikalen Dozenten. Und er wunderte sich über dessen Auftritt unter seinen Studenten: »Lethen ist kein Indoktrinateur, kein Demagoge, eher eine Mischung aus Domprediger und Sonderpädagoge.«
Helmut Lethen war damals Mitglied der maoistischen Splitterpartei KPD-AO – aus der er ein Jahr später wegen »Versöhnlertum« ausgeschlossen wurde – und versuchte auch ansonsten, die Germanistik, die Pädagogik und die Verhältnisse zu revolutionieren. 1967 hatte der Student Lethen mit seinen Kommilitonen in Berlin vor der Deutschen Oper gegen den Schahbesuch protestiert, Benno Ohnesorg wurde dabei erschossen. 1968 sprengte er mit anderen Studenten unter dem Motto »Schlagt die blaue Blume tot/ Macht die Germanistik rot« die Eröffnung des Deutschen Germanistentags an der FU. Da hatte Lethen bereits seinen aufsehenerregenden Aufsatz in der linken Theoriezeitschrift alternative geschrieben, in dem er Theodor W. Adorno Verfälschungen am Werk von Walter Benjamin bei dessen Edition nachwies. Hier tüftelte offensichtlich jemand gerne an geistigen Sprengsätzen herum.
