Herr Enzersdorfer-Konrad, Bitpanda ist in der Finanzbranche ein bekannter Name, im breiten Publikum aber noch nicht jedem geläufig. Was ist Bitpanda – eine Kryptobörse, ein Broker, ein Fintech?
Bitpanda ist Europas größtes Kryptowährungsunternehmen, gegründet im Jahr 2014 in Wien mit der Idee, das Investieren in Bitcoin und andere digitale Assets so einfach wie möglich zu machen – und das für jedermann. Über die Jahre haben wir uns weiterentwickelt und bieten unseren Kunden heute neben mehr als 700 Kryptowährungen auch Aktien und ETF an.
Wie verdient Bitpanda Geld?
Wir sind eine Investment- und Trading-Plattform, die klassisch über Handelsgebühren verdient, aber auch über zusätzliche Services wie Staking, das ist eine Art Zinszahlung, bei der Kunden ihre Kryptowährungen für sich arbeiten lassen.
Sie selbst kommen aus der klassischen Bankenwelt und haben bei der Raiffeisen Landesbank gearbeitet. Was hat Sie im Jahr 2015 zu Krypto geführt?
Ich war immer technologieaffin und habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass dieses Thema unreguliert außerhalb des Systems steht? Ich war überzeugt, dass der Tag kommt, an dem Krypto ganz selbstverständlich Teil des Finanzsystems wird, weil es nichts anderes ist. Kryptowährungen sind eine Hochrisikoanlageklasse mit entsprechend hohen Renditechancen. Und die zugrunde liegende Blockchain-Technologie bietet weit mehr Anwendungsfälle für Finanzdienstleistungen. Dass beides zusammenwächst, sehen wir heute. Ich bereue den Schritt nicht.
Wie schlägt Bitpanda sich gerade wirtschaftlich?
Der Geschäftsverlauf im ersten Halbjahr 2026 war für uns zufriedenstellend. Auch wenn sich das Retail-Kryptotrading im Fahrwasser geopolitischer Spannungen abgeschwächt hat, haben wir im B2B-Geschäft deutlich zugelegt. Hier sehen wir auch für das zweite Halbjahr eine andauernd gute Entwicklung. Zudem haben wir in Aktien und ETF diversifiziert, was sich in unserem Umsatzmix auszahlt.

Wer kauft eigentlich Kryptowährungen?
Das ist eine der interessantesten Fragen überhaupt.
Und die Antwort überrascht viele. Man erwartet den jungen, technikaffinen Spekulanten. Und ja, rund ein Drittel unserer Kunden ist weniger als dreißig Jahre alt. Das sind Menschen, die mit kleinen Beträgen – zehn, zwanzig, fünfzig Euro – einsteigen wollen, ausprobieren, lernen. Die Einstiegsbarriere ist denkbar niedrig. Ich kann ab einem Euro anteilig in Bitcoin investieren, und zwar rund um die Uhr, an sieben Tagen der Woche. Rund zwanzig Prozent unseres Handelsvolumens entfallen auf das Wochenende. Das gibt es an traditionellen Börsen nicht.
Und die anderen zwei Drittel?
Etwa ein Drittel sind Menschen zwischen dreißig und fünfzig Jahren, die sich in der Vermögensaufbauphase befinden und bewusst auch risikoreiche Anlageklassen beimischen. Was aber wirklich überrascht: Ein weiteres Drittel unserer Kunden ist älter als fünfzig Jahre alt. Manche sind sechzig, manche siebzig Jahre alt. Das hat uns lange beschäftigt.
Diese Menschen sind in der Vermögenserhaltungsphase. Sie investieren nur einen kleinen Teil ihres Vermögens in Krypto, tun es aber – zur Diversifizierung, zur Streuung im Risikoprofil und manchmal auch, um Schwankungen anderer Anlageklassen auszugleichen.
Das klingt zunächst kontraintuitiv, hoch volatile Assets für ältere Anleger?
Es kommt auf den Anteil an. Wer zehn Prozent seines Vermögens in Krypto steckt, handelt anders als jemand, der drei Prozent beimischt. Und ich glaube, viele ältere Anleger verstehen das sehr genau. Sie sehen Krypto ähnlich wie Gold, als Diversifikation, als etwas, das sich nicht im Gleichklang mit dem Rest des Portfolios bewegt. Es ist kein Risk-off-Asset, das stimmt. Aber es gibt auch keine Eins-zu-eins-Korrelation mit den Aktienmärkten. Es bewegt sich anders, fühlt sich anders an. Und genau das kann in einem gut aufgestellten Portfolio seinen Platz haben.
Was raten Sie grundsätzlich: Wie viel Krypto gehört ins Portfolio?
Krypto ist eine Anlageklasse, die man beimischen kann. Und nach meiner Einschätzung auch sollte. Je nach individuellem Risikoprofil. Viele Marktbeobachter sprechen von drei bis fünf Prozent des Gesamtportfolios. Das ist keine Anlageempfehlung, sondern eine Orientierung. Es geht darum, einen Betrag einzusetzen, den man im Notfall auch verlieren kann – oder zumindest lang genug aussitzen kann. Denn die entscheidende Eigenschaft von Krypto ist das Volatilitätsprofil. Es kann schnell nach oben gehen, aber auch zwischenzeitlich stark fallen. Wer das Geld nächste Woche braucht, ist falsch aufgestellt. Wer einen langen Anlagehorizont hat, kann mit dieser Volatilität umgehen.
Was bedeutet das konkret für jüngere Anleger?
Für junge Menschen, die langfristig sparen wollen, ist die Logik relativ klar: Wer glaubt, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen strukturell an Bedeutung gewinnen, weil die Technologie eingesetzt wird, weil mehr Menschen daran partizipieren wollen und weil das Angebot begrenzt ist, der kann davon ausgehen, dass der Preis langfristig tendenziell steigt. Der Trend der vergangenen zehn Jahre zeigt genau das. Aber auch hier gilt: Es gibt Rücksetzer, teils drastische, und wer jung ist und einen langfristigen Horizont hat, kann diese Schwankungen grundsätzlich besser aushalten als jemand, der demnächst in den Ruhestand geht und sein Portfolio entspart.
Sagen wir es so: Wer mit siebzig Jahren noch Krypto kauft, sollte sich sehr genau überlegen, welchen Anteil er dabei einsetzt. Und er sollte dieses Geld als Beimischung betrachten, nicht als Kerninvestment. Das ist dieselbe Logik wie bei hoch volatilen Aktien. Wenn jemand Anfang siebzig ist und kurz vor der Entnahmephase steht, ist eine starke Gewichtung in volatilen Assets keine kluge Strategie, egal ob Krypto oder Wachstumsaktien mit sehr hohen Bewertungen.
Welche Kryptowährungen eignen sich überhaupt für ein Portfolio – und wie unterscheiden sich die verschiedenen Coins in ihrem Charakter?
Man sollte grundsätzlich drei Kategorien unterscheiden.
Bitcoin ist digitales Gold. Das Angebot ist absolut begrenzt, die Nachfrage steigt langfristig, und die Angebots-Nachfrage-Kurve ist das einzige Preisbildungsprinzip. Das erklärt den strukturell steigenden Trend der vergangenen Jahre.
Es gibt Kryptowährungen wie Ethereum oder Solana, hinter denen echte Technologienetzwerke stehen. Diese Blockchains werden aktiv genutzt, zum Beispiel für die Tokenisierung von Vermögenswerten im Banken- und Finanzumfeld. Wer in diese Token investiert, partizipiert indirekt an der Nutzung des Netzwerks. Je mehr Menschen das Netzwerk verwenden, desto höher die Nachfrage nach den Token.
Es gibt Community- oder Spaßprojekte mit wenig bis keiner Substanz dahinter. Das muss man klar sagen.
Nach Marktkapitalisierung dominieren die großen Titel.
Das ist genau wie bei den Aktien. Bitcoin, Ethereum, Solana, Ripple – die Top-5- bis Top-10-Coins machen überproportional viel Handelsvolumen aus. Den sogenannten Longtail kleinerer Coins gibt es auch, der ist aber eher mit Pennystocks zu vergleichen, mit hoher Volatilität, niedrigem Preis, kleiner Marktkapitalisierung. Das ist ein anderes Spiel mit anderen Risiken.
Wie informiert sind die Menschen, die zu Ihnen kommen? Kaufen die meisten verstehend oder auf Hörensagen?
Die Hälfte unserer Kunden hat noch nie zuvor am Kapitalmarkt investiert. Nicht in Aktien, nicht in ETF, sie beginnt aber mit Kryptowährungen. Das klingt aus Risikoperspektive zunächst irrational. Aber der eigentliche Grund ist die niedrige Einstiegsbarriere. Diese Menschen beginnen mit kleinen Beträgen, probieren aus, lernen. Krypto wird für viele zum ersten Zugang zu Finanzmärkten überhaupt. Und wer sich einmal damit beschäftigt hat, interessiert sich dann häufig auch für andere Anlageklassen. Es ist ein interessanter Lernpfad.
Und wer ist der ideale, der informierte Kryptoinvestor?
Für mich ist das jemand, der erstens nur Kapital einsetzt, das er aussitzen kann, also weder sein Gesamtvermögen noch einen Großteil davon. Zweitens jemand, der das Volatilitätsprofil versteht: Krypto kann morgen zehn Prozent billiger sein. Das ist kein Versagen der Anlageklasse, das ist ihr Charakter. Drittens jemand, der einen langen Zeithorizont mitbringt. Und viertens – und das sage ich auch in Bezug auf KI-gestützte Anlageberatung – jemand, der sich nicht blind auf Empfehlungen verlässt, egal ob sie von einer App, einem Freund oder einem Sprachmodell kommen. Das Thema Halluzinationen und Informationsqualität ist bei KI-Systemen noch immer ein ernstes Problem.
Sie haben die KI angesprochen. Bitpanda hat einen MCP-Connector entwickelt, über den KI-Systeme direkt auf das Portfolio eines Kunden zugreifen können. Wie funktioniert das?
Wir haben keinen eigenen KI-Assistenten gebaut. Wir stellen unsere Plattform über ein standardisiertes Protokoll – das Model Context Protocol (MCP) – für externe KI-Anwendungen wie Claude oder ChatGPT zur Verfügung. Ein Kunde kann sich bei Bitpanda einen API-Schlüssel ausstellen lassen, ihn seinem KI-Assistenten hinterlegen, und die KI kann dann mit Zustimmung des Kunden auf das Portfolio zugreifen, es lesen, Informationen aufbereiten und sogar Trades ausführen. Das ermöglicht ganz neue Anwendungsfälle.
Jeden Morgen ein personalisiertes Update der Marktneuigkeiten, basierend auf den eigenen Assets, mit einer Einschätzung zur aktuellen Portfoliogewichtung. Individuell, automatisiert und ohne dass wir als Plattform jeden einzelnen nützlichen Fall bauen müssten.
Greift da nicht die KI in Anlageentscheidungen ein, die der Mensch treffen sollte?
Das ist die Kernfrage. Und ich glaube, die Antwort liegt im Wort „Unterstützung“. KI kann heute sehr gut Informationen aufbereiten, Muster erkennen, personalisieren. Aber die finale Entscheidung sollte der Mensch treffen. Wir selbst setzen im Kundenservice bewusst auf eine menschliche Komponente. Und dies nicht, weil die Technologie es nicht könnte, sondern weil das Vertrauen der Kunden es verlangt. Und das gilt noch mehr, wenn es um Anlageentscheidungen geht.
Banken bauen dieses Vertrauen seit Generationen auf. Glauben Sie, dass Krypto in fünf Jahren ein Standardprodukt der Volksbanken und Sparkassen ist?
In Österreich hat Raiffeisen das schon. Kunden können direkt aus dem Onlinebanking heraus Bitcoin kaufen. Und wir sehen interessante Effekte dabei. Wer sich ohnehin schon für Krypto interessiert, geht zu einer Plattform wie Bitpanda. Aber es gibt eine andere Gruppe, Menschen, die interessiert sind, aber den Aufwand scheuen, woanders hinzugehen. Die warten darauf, dass ihre Bank es anbietet, weil dies das höchste Maß an Vertrauen und Komfort bedeutet. Genau diese Menschen greifen dann zu. Wird Krypto der große Umsatztreiber einer Sparkasse sein? Nein. Aber trägt es zum Ergebnis bei? Ja. Und das Kundenverhalten ist real.
Sie versorgen schon eine Reihe von Banken mit der Technologie dafür, darunter auch die LBBW und N26. Warum sind die Banken nicht einfach selbst ins Kryptogeschäft eingestiegen?
Weil sie es mehr als zehn Jahre ignorieren mussten. Solange Krypto nicht klar reguliert war, konnten Banken das Thema aus Compliance- und Risikogründen nicht anfassen. Jetzt, da die europäische Regulierung – MiCA für Kryptowerte, MiFID-II-konforme Strukturen – Klarheit geschaffen hat, fehlt schlicht das Wissen. Wir bringen zwölf Jahre Erfahrung mit, die Technologie ist gebaut, und wir sind in Deutschland und Europa selbst reguliert. Wir können mit Banken auf Augenhöhe sprechen, nicht als unregulierter Software-Lieferant, sondern als lizenzierter Partner.
Stichwort Regulierung: MiCA, das europäische Regelwerk für Kryptomärkte – ist das Hilfe oder Bremsklotz?
Absolute Hilfe. Ich war von Anfang an ein großer Befürworter von Regulierung, und das sage ich nicht nur aus strategischem Kalkül. Anlegerschutz funktioniert nur, wenn alle nach denselben Regeln spielen. Wenn der eine in der Karibik sitzt, der andere in Südostasien und ich in Europa, ist ein fairer Markt schlicht nicht möglich. MiCA schafft erstmals einen einheitlichen Rahmen für ganz Europa. Für uns als Unternehmen, das von Beginn an auf Regulierung gesetzt hat, ist das ein Wettbewerbsvorteil. Aber vor allem ist es gut für die Kunden.
Wann kommt denn nun der Börsengang von Bitpanda?
Bitpanda ist eine erfolgreiche, stark wachsende Investment- und Trading-Plattform. Wir prüfen fortlaufend alle Optionen, um das Unternehmen weiterzuentwickeln. Zu diesen Optionen gehört auch ein möglicher Börsengang. Darüber hinaus kommentieren wir Gerüchte und Spekulationen nicht.
Eine letzte Frage, Herr Enzersdorfer-Konrad: Wie hoch ist der Kryptoanteil in Ihrem eigenen Portfolio?
