Wir stehen an der roten Ampel. Lauter Radfahrer wollen über die Hauptstraße und hinüber auf den Radweg. Eine Startaufstellung, quasi Formel 1 auf zwei Rädern. Wer kommt am schnellsten weg, wenn die Ampel auf Grün springt? Wer macht Plätze gut? Wer geht als Führender in die erste Kurve? In unserem Fall ist es ein junger Mann, noch ein Jugendlicher, vielleicht 16 Jahre alt. Er erwischt den perfekten Start, was weniger an seiner Reaktionszeit liegt als an seinem Bike. Einem E-Bike.
Mit Motorunterstützung lässt er alle Bio-Radler hinter sich und saust davon. Gerade noch auszumachen: weißes Shirt, weiße Kappe, blitzsaubere Tennisschuhe. Alles sehr adrett. Auf dem Rücken einen schicken Rucksack, aus dem der Griff eines Tennisschlägers ragt. Der junge Mann ist offensichtlich auf dem Weg zum Training. Der Tennisklub ist keine 100 Meter entfernt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Da fährt die Frage mit: Warum düst man mit einem Elektrofahrrad zum Training? Ist das kein Widerspruch? Oder ist es einfach konsequent? Der moderne Mensch spart seine Kräfte ja gern für das Training. Alles davor ist Energieverschwendung. Früher gehörte der Weg zum Sport dazu. Man nahm das Fahrrad. Heute ist er eine lästige Anreise. Man fährt mit dem SUV ins Fitnessstudio und ärgert sich, wenn der Parkplatz direkt vor dem Eingang schon wieder besetzt ist. 30 Meter gehen? Vor dem Training? Um Gottes willen!
Drinnen läuft man zehn Kilometer auf dem Laufband. Das ist Sport, da macht man das. Jogger sind keinen Deut besser. Sie treffen sich auf einem Parkplatz am Wald, steigen aus ihren Autos und laufen los. Wären sie den Weg zum Treffpunkt gejoggt, wäre es zwar dieselbe Bewegung gewesen, aber eben doch nicht. Angestrengt wird sich nur, wenn Sport draufsteht.
Und was ist damit: Der Weg ist das Ziel! Ein altersmüder Satz, der früher sogar stimmte. Der Weg zum Sport war schon Sport. Man fuhr mit dem Rad zum Tennisplatz, lief zum Fußballtraining, das Aufwärmen begann vor der Haustür. Heute beginnt es nach dem Einchecken. Der Hinweg soll möglichst bequem und ohne Pulsanstieg sein. Anstrengung ist erst dann willkommen, wenn sie auf dem Trainingsplan steht. Der Weg ist das Ziel? Mag sein. Außer er führt zum Sport.
Ich habe einen Freund, der fährt ohne Weiteres 100 Kilometer mit dem Rennrad durch den Odenwald. Obwohl er gerade einmal einen Kilometer entfernt wohnt, kommt er mit dem Auto, wenn er mich besucht, Parkplatzsuche inklusive. Mit dem Fahrrad ist es ihm zu anstrengend. Die 100 Kilometer sind Sport. Der eine Kilometer ist es nicht.
Wie wäre ein Sänften-Service fürs Hyrox?
Der Golfsport hat dieses Prinzip perfektioniert. Dort fährt man mit dem Cart zum Abschlag, steigt aus, legt den Ball eigenhändig hin – was eigentlich schon eine Zumutung ist –, schlägt ihn und steigt anschließend wieder ein. Dann rollt man weiter zum nächsten Sportereignis, zum nächsten Schlag.
Konsequent zu Ende gedacht, fehlt nur noch ein Sänften-Service fürs Hyrox, jenen anstrengenden Trendsport, bei dem man Gewichte durch die Gegend zieht und Schlitten schiebt. Vier kräftige Träger könnten einen möglichst erschütterungsfrei bis an die Startlinie tragen. Man will schließlich frisch ankommen.
Jetzt aber genug geschrieben. Ab ins Gym. Ein bisschen Training nach Feierabend. Im Keller steht ja auch ein E-Bike, wenn ich mich recht erinnere. Nach all den Überlegungen zum Thema gleich mal draufgesetzt und abgedüst. An der roten Ampel den Formel-1-Start gewonnen, ausgeruht im Gym angekommen und schön trainiert: eine halbe Stunde Spinning und eine halbe Stunde Intervalle auf dem Radergometer. Das nenne ich konsequent.
