
Man stelle sich vor, es ist Diddeberjer Brunnekerb, traditionell am zweiten Wochenende im August, und kein namensgebendes Brünnlein plätschert. Der Diddeberjer Ebbelwei-König wird gekrönt, Frühschobbe und Gickelschlag werden turnusgemäß absolviert, das Kerbecafé backt sich die Finger wund – und im Brunnenbecken herrscht trockene Ödnis. Dieses Schreckensszenario drohte Wirklichkeit zu werden, weil die Stadt Hofheim so sehr sparen muss, dass sie sich den Betrieb der Brunnen in den Stadtteilen nicht mehr leisten kann. Zum Glück allerdings konnte das abgewendet werden, und der Ortsteil Diedenbergen atmet auf.
Nicht alle Helden tragen ein Cape, manche tragen einen Blaumann. Ein solcher ist Wolfgang Gräber vom WG Sanitär- und Heizungsbaubetrieb, der als ehrenamtlicher, städtisch bestallter Brunnenexperte die Verantwortung für die Brunnen in der Schulstraße in Marxheim, an der Evangelischen Kirche in Diedenbergen und in Langenhain übernommen hat. Für einen Testzeitraum von zwei Monaten kontrolliert der Brunnenexperte zweimal wöchentlich die allgemeine Funktion, entfernt Laub und schaut, dass auch alles so beständig fließt, wie die antiken Philosophen es bereits als Leitsatz formuliert haben. Damit nicht genug, auch Strom- und Wasserkosten trägt der Brunnenexperte, das sind pro Brunnen für zwei Monate immerhin 150 Euro.
Das Beispiel macht Schule, im Stadtteil Wildsachsen hat sich der Ortsbeirat bereit erklärt, nach dem Brunnen zu sehen. In Wallau und Lorsbach gibt es bereits Gespräche mit potentiellen Anwärtern. „Es handelt sich um ein Pilotprojekt“, sagt Hofheims Erster Stadtrat Daniel Philipp (Die Grünen). „Wir hoffen aber jetzt schon, es im kommenden Jahr fortzusetzen.“ Denn überraschender Geldsegen werde über Hofheim in absehbarer Zeit nicht hineinbrechen. Wer sich für dieses Ehrenamt interessiert und über eine entsprechende Qualifikation verfügt, kann sich beim Fachbereich Verkehrsplanung im Rathaus melden.
Ein weiteres Element der dekorativen Stadtgestaltung wurde in die Hände von Helden ohne Cape, aber mit Spaten gelegt. „Hofheim pflanzt – trotz leerer Kassen!“ ist das schöne Motto einer Aktionsgemeinschaft, die mit Spendern und Blütenpaten die Kosten für 1300 Pflanzen aufbrachte. Beteiligt sind diverse Vereine und Initiativen, gebuddelt haben Bürger sowie Jugendliche eines Hofheimer Sommercamps in Kübeln, rund um Brunnen und in Kästen auf öffentlichen Plätzen. Das Engagement war so groß, dass es sogar üppiger blühte als in den Vorjahren. Nach allgemeinen Angaben soll das gemeinsame Pflanzen durchaus Spaß gemacht haben, eine Fortsetzung ist auch hier vorgesehen. Hofheim hat zwar kein Geld, aber solange es derart tatkräftige Bürger hat, ist noch nicht alles verloren.
