
Wer ein altes Haus bewohnt, bewohnt auch seine Geschichte. Den vor Generationen entworfenen Grundriss, die von längst verstorbenen Familien aufgeteilten Zimmer, den mit betagten Bäumen und Hecken bepflanzten Garten. Die Menschen, die vor einem hier lebten, sind verschwunden, aber sie haben ihre Spuren hinterlassen, am abgegriffenen Handlauf, der Scharte im Türrahmen, dem schiefgelaufenen Parkett. Die ursprüngliche Farbe kommt unter der Übermalung wieder zum Vorschein, der schräg in den Fensterrahmen geschlagene Nagel lässt sich nicht mehr herausziehen. Das frühere Dasein hat sich in den Räumen abgelagert, die Ruhe, der Ärger, die Arbeit, das Glück. Vielleicht haben die Toten ihr Wohnrecht gar nicht aufgegeben. Was, wenn sie eines Tages zurückkehren?
In Lutz Seilers Gedicht „der aufenthalt“ kommen sie abends vom Bahnhof, verbitterte Schattengeister mit vor Ärger „geballten fäusten“. Im Jenseits haben sie keine Ruhe gefunden, viel zuviel haben sie noch vor, bereuen ihr unnützes Dahindämmern, die „vergeudete zeit“. Und nehmen sich, was ihnen zusteht, das vor Jahren eingemachte Obst, das hausgeschlachtete Fleisch, den Alkohol, die Schokolade, die Zigaretten. Nichts davon wäre ohne sie da, alles geht auf sie zurück. Sie machen es sich vor dem Fernseher gemütlich, sie sind wieder daheim.
Die unablässige Nähe der Vorgänger
Seiler kennt die Wiedergänger genau. Wie auch die Geschichte des Hauses, das er in Wilhelmshorst bei Potsdam bewohnt. In dem Band „Im Kieferngewölbe“ erzählt er davon, wie er im Oktober 1995 zum ersten Mal das leerstehende Gebäude erkundete, sich über den Kohlenbunker Zugang verschaffte, den mit Staub überzogenen toten Marder im Kellerbad fand, durch Waschküche und Vestibül ins Esszimmer und hinauf in die Schreibstube unterm Dach gelangte: „Im Haus schien es kälter zu sein als draußen, der Atem kondensierte. Dem Klang meiner Stimme durch die leeren Räume folgend, glaubte ich, man müsse eher leise gehen und sprechen. Als reiche schon der Widerhall über dem auf die Dielen genagelten Linoleum, die Stimmen der früheren Bewohner zu lockern in den Wänden.“
Zu ihnen gehört der Schulrektor und Schriftsteller Bernhard Hoeft, der die Villa 1923 erbauen ließ. Seine Romane und Erzählungen sind vergessen, aber seine Abschriften haben die im Krieg verbrannten Briefe Leopold Rankes gerettet. Beim Einmarsch der Roten Armee kam er ums Leben, sein Haus wurde zur Kommandantur und Unterkunft für Umsiedler. 1954 zog der Dichter Peter Huchel ein, von hier aus redigierte er mit seinen Mitarbeitern die Zeitschrift „Sinn und Form“, hier draußen, im Abseits, blieb er auch wohnen, als er 1962 von der Ostberliner Akademie der Künste entlassen wurde und isoliert und bespitzelt ausharren musste, bis er 1971 endlich ausreisen durfte. Das Haus am Hubertusweg übergab er seinem Freund Erich Arendt, der hier bis 1984 lebte, Gedichte schrieb und die moderne spanische Lyrik ins Deutsche übersetzte. Nach der Wende übertrug Monica Huchel das Anwesen dem Verein, der die Erinnerung an das Werk ihres Mannes pflegen und den Ort durch Lesungen und Veranstaltungen mit neuem Leben füllen sollte: das bis heute von Lutz Seiler geleitete Peter-Huchel-Haus.
Eine Anlaufstelle für Schriftsteller und Schriftstellerinnen, für Bewunderer und Freunde war die Villa schon vorher gewesen. Auch wenn es einige Mühe kostete, hinaus in die märkische Einöde zu fahren, vor allem nach dem Mauerbau und nach Huchels Verbannung. Wolf Biermann, Günter Kunert, Reiner Kunze, Heinrich Böll, Max Frisch und etliche andere kamen zu ihm, vom Nachbarn aufgeschrieben und von der Stasi registriert. In Peters Huchels Gedicht „Exil“ kommen diese Besucher nicht vor, hier wagen sich nur noch die Erscheinungen der Natur in seine Nähe: „Am Abend nahen die Freunde, / die Schatten der Hügel. / Sie treten langsam über die Schwelle, / verdunkeln das Salz, verdunkeln das Brot / und führen Gespräche mit meinem Schweigen.“ Erich Arendt führte die Tradition des offenen Hauses fort, versammelte junge Autorinnen und Autoren um sich, erzählte von seinen Reisen, hütete den Geist des Ortes.
Wer als Dichter ein solches Haus bewohnt, bewohnt schließlich auch seine Gedichte. Und muss sich einlassen auf die unablässige Nähe der Vorgänger, denen „von alters her“ nicht nur die Leberwurst und die Pflaumen, sondern auch „jedes wort“, „jeder gute satz“ gehören. Die wie Huchel ihre Verse vor sich hinraunen, „bis die notwendigen – die hellen und die dunklen – Vokale die Grundstimmung der Seele ausdrücken“. Was hilft gegen die Aufdringlichkeit der Toten? Wohl nur die Vorstellung, selbst ein Gast an diesem Ort der Stimmen und der Schrift zu sein. Und irgendwann für die Wintersaison von Dezember bis März zurückkehren zu können.
Lutz Seiler: „der aufenthalt“
eines abends kamen
die toten meines hauses
vom bahnhof zurück. Einer
nach dem anderen, mit
geballten fäusten, erinnernd
an tulpen in ihrer
nachtverschlossenheit, erinnernd an die
im langen totsein
vergeudete zeit. von alters her
gehörte ihnen alles: jedes wort, gleich
von den lippen, jeder gute
satz, wie immer
die hausschlachtene leberwurst, die
eingekochten pflaumen, dazu
alle zigaretten & was
an alkohol greifbar war. unentwegt
sahen sie fern, aßen schokolade (in rauhen
mengen) & raunten
verse vor sich hin. eines abends
kamen die toten meines hauses
vom bahnhof zurück. es war dezember &
ihr nächster zug ging erst im märz
Lutz Seiler: „im felderlatein“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 102 S., geb., 22,- €.
Von Matthias Weichelt ist zuletzt erschienen: „Der verschwundene Zeuge. Das kurze Leben des Felix Hartlaub“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 232 S., geb., 20,- €.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber
