Der Arzt, der Philip Emde per Kaiserschnitt auf die Welt holte, schnitt dem Baby aus Versehen in die Wange; als Tröster schenkte er ihm ein großes Steiff-Lamm. So sei die Leidenschaft des Künstlers für Stofftiere entstanden, erzählen die Galeristen der Elektrohalle Rhomberg in Salzburg, die Emde ihre Ausstellung zur Festspielzeit widmen. Über die Jahre hinweg trug Emde eine umfangreiche Sammlung von Kuscheltieren zusammen.
In seinem Werk spielen diese Ateliergenossen Hauptrollen: Tiger, bunte Elefanten, doppelköpfige Panther, Frösche oder Hunde verteidigen in seiner ruppigen, pastosen Malerei das Spiel – auch im Erwachsenenleben – „als schöpferische Form der Welterfahrung“. Mitten in der Industriehalle steht eine Metallkonstruktion. Dort turnen Jocko-Affen in allen Größen: Kleine Exemplare hocken betrachtend vor abstrakten Bildern. Nun sind Affen als Identifikationsfiguren für Betrachter oder die Künstler selbst in der Kunstgeschichte keine Seltenheit, aber Emde lässt deren ironische oder sentimentale Untertöne genauso beiseite, wie die bizzare bis unheimliche Anmutung, die etwa Mike Kelley seinen ausladenden Plüschtierinstallationen verlieh. (4200 bis 95.000 Euro)
Mit Hinhören zu einem ganz neuen Körpergefühl
Ein paar Schritte weiter mischt in Salzburg der Großgalerist Thaddaeus Ropac das Gewerbegebiet im Stadtteil Schallmoos mit Kunst auf. In seiner Halle dort ist Not Vital ist zu Gast, der mit surrealistischen Ergebnissen dem menschlichen Körper, vor allem dem eigenen, und seinem Verhältnis zur Umwelt zu Leibe rückt. Riechen und Hören stuft er besonders hoch ein. Jedenfalls wachsen seinen Selbstporträts aus Edelstahl mal fünf Ohren und mal drei Nasen im Gesicht, und seine inneren Ohrgewinde formte Vital vergrößert in weißem Marmor nach, was Erinnerungen an das Graben von Tunneln im Schnee vor dem Elternhaus des gebürtigen Engadiners aufgreifen soll. Aus dem laufenden Jahr stammen Selbstbildnisse auf Leinwand, auratisch aus tiefdunklem Grund aufscheinende Ovale. (ab 160.000 Euro)

Den Hauptsitz der Galerie Ropac, die Villa Kast mit ihrem wunderbaren Blick auf den Mirabellgarten, bespielt Sean Scully mit neuen Gemälden aus der Serie „Wall of Light“, zu der ihn vor Jahren Licht- und Schattenspiele auf Mauern von Maya-Ruinen auf Yucatán anregten. Scully schichtete Farbe mit breiten, lockeren Pinselstrichen auf. Die Malweise dieser Bilder lässt an Mauerwerksverbände aus „Farbziegeln“ denken, in deren Spalten hellere Töne leuchten. Scully sagt dazu, die Wand sei eine Barriere, „aber was ich tue, ist, sie aufzulösen. Es ist metaphysisch, transformativ“. (Gemälde ab 675.000 Dollar, Aquarelle 50.000 )

Mit ihrem Angebot legen sich sämtliche Galerien und Kunstinstitutionen Salzburgs während der Festspielwochen ganz besonders ins Zeug. Das Museum der Moderne auf dem Mönchsberg ehrt das Spätwerk des im April nur wenige Wochen nach Ausstellungseröffnung verstorbenen Wahl-Salzburgers Georg Baselitz. Unten in der Altstadt zeigt das Rupertinum frühe grafische Arbeiten des Künstlers. Mit Riesenköpfen von Jaume Plensa wurde der Residenzplatz voriges Jahr zu einem temporären Forum für Großplastiken gekürt. Aktuell nehmen Carmen und Elektra, Othello, Turandot, Figaro und Don Giovanni dort Aufstellung. Stephan Balkenhols je zwei Meter messende und farbig gefasste Opernfiguren aus Bronze wandern später in die Sammlung Würth.
Scheinromantik vor und hinter Glas
In der Oper zu Hause ist Philipp Fürhofer: Nicht nur in Amsterdam, Kopenhagen oder London engagiert man den gefragten Bühnenbildner, mit „La Gioconda“ war er auch schon in Salzburg präsent. Dort stellt die Galerie Ruzicska die zweite, ebenso wichtige Seite im Werk dieses Schöpfers von „Illusionsmaschinen“ vor. Nichts anderes sind ja Bühnen mit ihren flüchtigen Dramen – genauso wie Fürhofers Bildkästen, in denen Licht für Szenenwechsel sorgt. Kaum hat man einen menschlichen Körper auf der Glasoberfläche des Guckkastens ausgemacht, gibt im Innern aufleuchtendes Licht den Blick auf eine prächtige Landschaft frei. Die Zaubermittel dieser Spektakel heißen Hinterglasmalerei, LED-Röhren und Spionspiegel. Räume lässt der 1982 geborene, in Berlin lebende Philipp Fürhofer auch in seinen Gemälden entstehen. (Kästen ab 21.000 Euro, Gemälde ab 48.000)

Was geschieht, wenn Landschaft als Stimmung erlebt und atmosphärisch verdichtet in Malerei umgesetzt wird? Peter Krawagnas Bilder zeigen es. Auf Reisen übersetzt der 1937 geborene Künstler seine Eindrücke in zarte, von Gestus und Farbkonstellationen getragene Kompositionen. Zu Preisen ab 6000 Euro bietet sie die Galerie Welz an. Kombiniert wird die Schau mit Bronzeplastiken von Andreas Urteil. Mit seinen als „Knorpelfiguren“ bekannten, vereinfachten Menschenbildern erntete der Schüler von Fritz Wotruba, der selbst an der Wiener Akademie lehrte, noch vor seinem frühen Tod internationale Anerkennung. (4400 bis 270.000 Euro)

An der diesjährigen Salzburger Sommerakademie gab Mojé Assefjah einen Malereikurs, der auch deshalb viele Teilnehmer anzog, als die Künstlerin den Umgang mit dem heute selten eingesetzten Malmittel Eitempera lehrte. Ihre Bilder mit breiten, temperamentvollen Farbschlingen und -schlaufen evozieren starke Tiefenwirkung und speisen sich aus Erinnerungen und Naturwahrnehmung. „Loops in Time and Space“ titelt die Ausstellung der aus Iran stammenden, in München lebenden Künstlerin bei Mario Mauroner. (3100 bis 22.500 Euro)
Sie waschen nicht nur die Hände in Unschuld
In dessen Galeriehaus am Ignaz-Rieder-Kai harmonieren Assefjahs Loops bestens mit Skulpturen von Koloman Wagner. Den Physiker inspirierte das physikalische Konzept des Raum-Zeit-Kontinuums zu Skulpturen, denen Musikpartituren, eigene und fremde, zugrunde liegen. So verschmilzt der Künstler in den aus Tausenden Holz- oder Steinabschnitten geschichteten Raumkurvaturen Musik und Bewegung. Auf der jüngsten Art Karlsruhe konnte er viele Werke Wagners vermitteln, so Mauroner, er bietet sie zu Preisen von 6700 bis 28.000 Euro an. Seinen Standort in der Residenz füllte der Galerist mit seinem Programmschwerpunkt „Spanish Icons“, unter anderen mit Carmen Calvo, Antoni Tàpies und Juan Uslé.
In der Peter Frey Gallery läuft die Spülmaschine. Eugenio Merino, auch er Spanier, belud sie zum „Weisswaschen“ mit Tellern, die Porträts der 32 reichsten Menschen der Welt zeigen, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Sergey Brin, Donald Trump und ihresgleichen (28.000 Euro). Merino ist bekannt für politische Satire, mit seiner Figur von Diktator Franco im frostigen Coca-Cola-Automat landete er vor Gericht. Die immer wieder mit Füßen getretene „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ gravierte er in hochwertigen Schuhsohlen ein, einzeln zu haben für 2800 Euro, die Edition von 32 kostet 25.000 Euro.

Alle Galerienausstellungen laufen bis mindestens 29. August, einige darüber hinaus.
