
Vor ein paar Tagen erst hat Julia Jäkel eine angeblich weitverbreitete negative Grundstimmung im deutschen Journalismus moniert. „In den letzten Jahren hat sich ein Zynismus unter Medienschaffenden breitgemacht: ‚Hier ändert sich doch sowieso nichts mehr!‘“, sagte die einstige Chefin des Verlagshauses Gruner + Jahr im Interview mit dem Magazin „Journalist“.
Die Mitgründerin der Initiative für einen handlungsfähigen Staat warnte, dass „dieser negative Blick“ zu unausgewogener Berichterstattung führen könne. Etwa über den größten Modernisierungsschub seit Jahrzehnten, in dem sich Deutschland nach der optimistischen Wahrnehmung Jäkels jetzt schon befindet. Und der von Bürgern, die sie, Jäkel, bei Veranstaltungen erlebt, mit größtem Enthusiasmus mitgetragen werde.
Beiträge, die Konflikte und Probleme einer Lösung näherbringen
Es muss jedenfalls etwas in der Hamburger Luft liegen, womöglich weht der warme Wind des Optimismus an der Ericusspitze vom Gebäude der „Zeit“ herüber, die schon lange erkennbar – und den Zahlen nach zu schließen ziemlich erfolgreich – darum bemüht ist, ihre Leser in einer sich verdunkelnden Welt mit erfreulichen Botschaften bei der Abo-Stange zu halten. Denn nun bekennt sich auch der „Spiegel“ zu einem „lösungsorientierten Journalismus“. In einem Essay führt Redakteurin Susanne Beyer aus, dass Journalisten „manchmal auch absichtlich einer Sensations- und Angstlust nachgeben, weil sie damit mehr Aufmerksamkeit generieren können als mit der Botschaft, dass etwas in Ordnung sei“.
Im „Spiegel“ sollen daher künftig unter dem Motto „Spiegel Solutions“ Beiträge erscheinen, die Konflikte und Probleme einer Lösung näherbringen, anstatt die Gegensätze noch zu verschärfen. Es ehrt Beyer, dass sie es nicht bei einer allgemeinen Problembeschreibung belässt, sondern sagt, dass auch der „Spiegel“ „immer mal wieder der allgemeinen Tendenz zur Negativität erliegt“. Früher hätten wir zu diesem Satz vielleicht gesagt, dass es sich um die Untertreibung des Jahres handelt, aber ein solcher Satz will uns im neuen Zeitalter des konstruktiven Journalismus nicht mehr so leicht über die Lippen kommen.
Schauen wir lieber, inwieweit der „Spiegel“ seinen Ansatz mit Leben füllt. Den Auftakt macht ein Streit-, pardon, ein Solutionsgespräch zwischen der Klimaaktivistin Luisa Neubauer und dem CDU-Politiker Sepp Müller. Die beiden hauen sich dramaturgisch korrekt erst einmal ihre unterschiedlichen Standorte um die Ohren, um sich dann von zwei „Spiegel“-Redakteuren in friedlichere Fahrwasser hineinmanövrieren zu lassen. In der Sache findet bei näherem Hinsehen keine Annäherung statt, dafür im Ton. Was unter wohlerzogenen Menschen dann doch keine ganz große Überraschung ist.
Wir sind gespannt, ob der „Spiegel“ demnächst Vertreter weiter auseinanderliegender Positionen zu seinen Mediationsgesprächen einlädt. Viel wichtiger ist aber die Frage, ob sich der neue Ansatz auch auf die alltägliche Arbeit der Redaktion auswirkt oder ob „Solutions“ nur das Lagerfeuer ist, über das hinweg die Granaten aus dem Sturmgeschütz der Demokratie in Richtung Berliner Regierungsviertel fliegen.
Im Übrigen sei der Hinweis gestattet, dass Generationen von Journalisten einen lösungsorientierten Journalismus betrieben haben und betreiben: Sie berichten sachlich, mit der Wiedergabe der unterschiedlichen Positionen. Und publizieren eine Meinung, am besten klar formuliert und von Sachkenntnis getragen.
