Nicht einmal 20 Zentimeter sind es noch. So niedrig lag der Pegel des Rheins an der Engstelle Kaub bei Bingen noch nie. Der alte Negativrekord vom Dürrejahr 2018 ist damit unterschritten. Deutschlands wichtigste Wasserstraße, über die jährlich 80 Millionen Tonnen Güter transportiert werden, ist fast stillgelegt. Die Schiffe, die die Strecke noch befahren können, befördern nur noch einen Bruchteil ihrer sonst üblichen Ladung. An Donau und Elbe sieht die Lage nicht besser aus.
Das trifft die Unternehmen an den Flussläufen hart. Große Chemie- und Stahlwerke sind auf die Lieferungen per Schiff angewiesen. Sie müssen die Produktion drosseln und für die verbliebenen Transporte deutlich mehr bezahlen. Das werden auch die Autofahrer merken, weil die Raffinerien ebenfalls weniger Nachschub als sonst bekommen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das zeigt: Die Binnenschifffahrt ist unverzichtbar. Sie transportiert zwar nur sieben Prozent der Güter, während die Straße mit 70 Prozent dominiert. Aber für wichtige Rohstoffe ist sie der günstigste und umweltfreundlichste Weg. Die Massen, die manche Unternehmen benötigen, können Schiene und Straße gar nicht übernehmen. Ein normales Binnenschiff transportiert so viel Ladung wie 150 Lkw. Die Autobahnen würden kollabieren, wenn sie das schultern müssten.
Keine Kapazitäten auf Schiene und Straße
Auch die Schiene hat keine Kapazitäten frei. Der Neubau von Strecken für den Güterverkehr würde Jahrzehnte dauern und ist politisch kaum durchsetzbar. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade die rechtsrheinische Trasse am Mittelrhein für Monate komplett gesperrt ist, um sie zu sanieren. Es rächt sich, dass bei der Zeitplanung nicht an die Schifffahrt gedacht und die Sanierung der Gleise ausgerechnet ins zweite Halbjahr gelegt wurde, in dem die Gefahr für Niedrigwasser höher als im ersten ist.
Selbst wenn ein kleiner Teil verlagert werden könnte, dann nur zu höheren Kosten, die am Ende die Unternehmen und die Verbraucher tragen müssten. Schon jetzt rechnen Ökonomen damit, dass die Inflation wegen des Niedrigwassers steigt. 2018 verursachten die geringen Pegelstände volkswirtschaftliche Schäden von 2,4 Milliarden Euro.
Nur eine Vertiefung hilft, aber die dauert noch lange
Es ist daher nicht mehr als ein Alibi, was der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger als Notfalllösung präsentiert. Sonntagsfahrverbote für Lkw aufheben, Baustellen auf Autobahnen und an Kanalschleusen verschieben, mehr Züge fahren lassen: Das wird die ausfallenden Schiffsladungen nicht ersetzen können. Die Politik will Handlungsfähigkeit zeigen, aber sie wird das Problem damit nicht einmal ansatzweise mildern können. In den kommenden vier Wochen wird sich daran wohl nichts ändern, weil der Wetterbericht keine ergiebigen Regenfälle vorhersagt.
Jetzt rächt sich, dass die Bundesregierungen die Binnenschifffahrt seit Jahren vernachlässigen. Die Milliarden und die Aufmerksamkeit fließen in die Schiene, der Ausbau der Wasserwege stockt seit Langem. Dabei wäre am Rhein schon mit wenigen Maßnahmen viel gewonnen. Die Vertiefung der Fahrrinne an einigen Engstellen würde bei Niedrigwasser viele Transporte ermöglichen, die jetzt ausfallen. Der Ausbau stand schon 1992 im Bundesverkehrswegeplan, geschehen ist seitdem nichts. Die ganze Rheinvertiefung wird wohl nicht vor 2040 fertig. Lange Planungszeiten, noch länger als bei der Schiene, kommen hinzu.
Die Dürre im Sommer 2018 hat die Vertiefungspläne nicht beschleunigt. Sie hat nur einen Aktionsplan hervorgebracht, der immerhin jetzt hilft, Prognosen für die Wasserstände der kommenden Wochen zu erstellen. Das erleichtert die Planung der Unternehmen, sie können frühzeitig die Lager füllen. Viel mehr aber auch nicht. Die Beschleunigungskommission, die der damalige Verkehrsminister Volker Wissing 2022 ins Leben rief, brachte keine greifbaren Ergebnisse.
Es wird weiter viele Niedrigwasserphasen geben, das bringt der Klimawandel mit sich. Und sie werden noch lange erhebliche negative Folgen für die Industrie haben, denn es gibt zu wenige Schiffe, die mit Niedrigwasser klarkommen, und die Vertiefung wird auf sich warten lassen. Wichtig ist daher, ihr wenigstens jetzt volle Priorität einzuräumen und die Finanzierung sicherzustellen.
