
1. Kommen Sie viel zu spät. Stellen Sie sich seitlich vor die Leinwand, sodass es aussieht, als wären Sie gerade höchstpersönlich aus dem Trojanischen Pferd gefallen. Suchen Sie langsam, aber emsig mit den Augen alle Reihen ab. Wenn Sie Ihre Begleiter nicht finden, dann rufen Sie gehaucht: „Jeeeens? Aaaandi?“ Wenn Ihre Begleiter dann Sie bemerkt haben, winken Sie freudig und deuten mit ausladenden Gesten an, dass Sie jetzt nach oben kommen werden.
2. Machen Sie Ihren Einzug zur Prozession. In Reihe 11 angekommen, flüstern Sie jedem einzelnen Besucher, der ihretwegen aufstehen muss, zu: „Entschuldigung – danke.“ Es soll schließlich niemand den Eindruck bekommen, Sie wären unhöflich.
3. Lenken Sie vom Wesentlichen ab, und stoßen Sie, während Telemachos mit seiner Mutter Penelope um den Thron streitet, eine am Boden stehende Cola um, sodass sie sich über eine am Boden liegende Jacke ergießt, und hauchen Sie aufgebracht: „Oh nein!!! Oh nein!!! Entschuldigung!!! Ich hole Ihnen eine neue, okay???“ Diskutieren Sie ausschweifend mit der Betroffenen aus, ob Sie ihr eine neue Cola kaufen sollen, und suchen Sie derweil in Ihrer Tasche nach Taschentüchern, um den Boden zu wischen. Verheddern Sie sich dabei an einer am Boden liegenden Tasche, stolpern und legen Sie sich einmal allen zu Füßen, sodass fünf Leute sich darum bemühen müssen, dass Sie wieder hochkommen.
4. Begrüßen Sie Ihre Begleitung mit der Entschuldigung, dass auch Ihre eigene Herfahrt „die reinste Odyssee“ gewesen sei. Berichten Sie vom Schienenersatzverkehr. Von der S-Bahn, die endlich kam und so knallvoll war, dass man Sie mit dem Fahrrad nicht hineinließ. Von der nächsten S-Bahn, auf die Sie warten mussten, die aber wegen Gleisbauarbeiten nicht kam. Und von der Schlacht, die Sie mit den anderen Passagieren austragen mussten, damit man Sie mit Ihrem Fahrrad wenigstens hier einsteigen lässt.
5. Lassen Sie sich nun mit Haut und Haar auf den Film ein. Sagen Sie beim Anblick des Hundewelpen „Awwwww!“ Wenn dem Zyklopen ein Speer ins Auge gestochen wird, sagen Sie: „Aua, der arme Zyklon! Ein Speer im Auge, stell dir das mal vor! Das tut doch weh! Also, ich würde das nicht wollen!“
6. Halten Sie sich beim epischen Dröhnen und Donnern die Ohren zu und fragen Sie leise Ihre Nachbarn, ob jemand Ohropax dabeihabe.
7. Tun Sie so, als kennten Sie den Namen des Schauspielers, der den Titelhelden spielt, und sagen Sie zu Ihrem Sitznachbarn: „Ohne Bart gefällt mir Ethan Hawke besser!“
8. Fragen Sie den anderen Sitznachbarn: „Warum trägt Charlize Theron so ein dämliches Netzhemd? Will die noch in den KitKat-Club?“ Bestehen Sie auf einer Antwort – schließlich sind Sie gemeinsam hier!
9. Bringen Sie sich fachlich ein. Resümieren Sie bei Minute 160, dass alles ganz hervorragend ist, natürlich auch die schauspielerischen Leistungen. Machen Sie anschließend einen kleinen Schwenk und erklären Sie, dass der Film leider trotzdem für die Tonne sei, weil einem die Hauptfiguren vollkommen egal blieben. Das klingt differenziert und kostet nur wenige Minuten. Versuchen Sie mit Nachdruck, Ihre Monumentalfilm-begeisterten Freunde von Ihrer Meinung zu überzeugen.
10. Erinnerungen schaffen. Machen Sie während der Schlussschlacht ein paar Kinosessel-Selfies mit Ihrer Begleitung, um das schöne gemeinsame Erlebnis festzuhalten (wenn möglich, mit Blitz).
11. Verlassen Sie das Kino mit einem guten Gefühl. Wenn Jens und Andi jetzt schweigend neben Ihnen hergehen, wissen Sie: Mal wieder alles richtig gemacht. Und die eigentliche Heimreise hat gerade erst begonnen.
Kirstin Warnke ist Comedienne und Autorin. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Sei nicht so“ (2024).
