
Die 15 Salutschüsse machen gleich zu Beginn die Bedeutung des Anlasses klar. Sie gelten Generalleutnant Curtis Buzzard, der an diesem Vormittag in Wiesbaden das Kommando über SAG-U und NSATU an seinen Nachfolger übergibt und in den Ruhestand geht. Welches Gewicht das amerikanische Militär der Sache zumisst, wird aber auch durch das Abspielen der drei Nationalhymnen von Deutschland, den Vereinigten Staaten und der Ukraine und vor allem der Anwesenheit von General Alexus Grynkewich deutlich: Der Viersternegeneral ist der Oberkommandierende sämtlicher US-Truppen in Europa und Oberbefehlshaber der NATO in Europa – und er lässt es sich nicht nehmen, den Führungswechsel an der Spitze der beiden Einheiten selbst vorzunehmen.
Über die amerikanische „Security Assistance Group – Ukraine“, kurz SAG-U, und die „NATO Security Assistance and Training for Ukraine“, kurz NSATU, wird die gesamte militärische Hilfe des Westens für die Ukraine abgewickelt. Beide Kommandos haben ihre Hauptquartiere in der Clay-Kaserne am Rand der Landeshauptstadt, sie sind zusammen der zentrale Koordinierungsknoten für die Lieferung von Material und Waffen sowie die Ausbildung ukrainischer Soldaten.
In seiner Rede lobt Grynkewich die enge Zusammenarbeit der beiden Kommandos und kündigt ihre Verschmelzung im Lauf des nächsten Jahres unter ihrem neuen Kommandeur Generalleutnant Guillaume Beaurpere an. Dem Vernehmen nach soll dann auch ein europäischer Offizier das Kommando übernehmen. Die Zusammenlegung bedeute keine Verringerung des amerikanischen Engagements für die Ukraine, hebt General Grynkewich hervor. Vielmehr werde die Unterstützung der Alliierten für den ukrainischen Abwehrkampf auf diese Weise noch effektiver und stringenter.
„Das Wesen des Krieges verändert sich“
Von einer nachlassenden Bereitschaft zur Hilfe für die Ukraine, wie sie in Washington immer wieder zu spüren ist und mitunter vom Präsidenten und seinem Verteidigungsminister auch öffentlich kommuniziert wird, ist bei Grynkewich und den vielen anderen hochrangigen US-Offizieren, die an der Zeremonie zum Kommandowechsel teilnehmen, nichts zu spüren. Allenfalls in einem Nebensatz spricht der scheidende Kommandeur Buzzard von „unseren europäischen Partnern, die künftig mehr Verantwortung übernehmen werden“ – nur um dann hervorzuheben, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Alliierten auch für das US-Militär sei. „Dieser Konflikt zeigt uns, wie sich das Wesen des Krieges verändert – wir müssen davon so viel lernen wie irgend möglich.“
Die westliche Hilfe für die Ukraine im Abwehrkrieg gegen Russland ist von Anfang an zu einem substanziellen Teil in Wiesbaden organisiert und koordiniert worden. Gleich in den ersten Tagen des Krieges haben die Vereinigten Staaten von der Clay-Kaserne aus die ersten Lieferungen von Waffen und Material auf den Weg gebracht, den ukrainischen Streitkräften Aufklärungserkenntnisse und Satellitendaten zur Verfügung gestellt und Strategien für den Bodenkampf gegen die russischen Verbände erarbeitet. Auch die letztlich weitgehend gescheiterte Gegenoffensive der Ukraine im Frühjahr und Sommer 2023 wurde von Wiesbaden aus in enger Abstimmung zwischen amerikanischen und ukrainischen Befehlshabern konzipiert. Mehrfach ist deshalb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu Gesprächen in der Landeshauptstadt gewesen.
Zentrale Planungs- und Koordinierungsstelle in Wiesbaden
Inzwischen wird die „nichtoperative Unterstützung“ der Ukraine im Wesentlichen von NSATU ins Werk gesetzt. Die Aufstellung dieses Kommandos hatten die Staats- und Regierungschefs der 32 NATO-Mitgliedstaaten im Juni 2024 in Washington beschlossen. An der multinationalen Einheit sind alle Bündnismitglieder außer Ungarn sowie Australien und Neuseeland beteiligt, aus ihren Reihen kommen die mehr als 300 Soldaten im Wiesbadener NSATU-Hauptquartier. Mit Generalleutnant Beaurpere führt auch weiterhin ein amerikanischer Dreisternegeneral die Einheit.
Als zentrale Planungs- und Koordinierungsstelle der NATO ist NSATU für alle Waffenlieferungen und Ausbildungstätigkeiten des Bündnisses zuständig, die den ukrainischen Streitkräften zugutekommen. Das Hauptquartier hat im Kern vier Aufträge: erstens die Lieferung von militärischem Gerät. Zweitens die Wartung dieses Geräts und die Bereitstellung von Ersatzteilen und Munition. Drittens die Ausbildung ukrainischer Soldaten. Und viertens kümmert sich eine Abteilung, die Force Development Support Division, darum, die Ukraine mittelfristig an NATO-Standards heranzuführen und so interoperabel mit der Allianz zu machen.
Während rund die Hälfte der NSATU-Mitarbeiter in Wiesbaden stationiert ist, wurde der Rest des Personals auf eine NSATU-Abteilung im NATO-Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa in Belgien und auf drei logistische Knoten in Polen, der Slowakei und Rumänien verteilt.
Waffen, Geräte und Munition werden in Wiesbaden weder gelagert noch auf den Weg in die Ukraine gebracht. Auch ukrainische Soldaten werden nicht in der Clay-Kaserne ausgebildet. Das NSATU-Hauptquartier ist ein reiner Koordinierungsknoten. Die Logistik der Ukrainehilfe wird in Deutschland vor allem über den US-Stützpunkt in Kaiserslautern realisiert, beim Training von ukrainischen Truppen spielen die großen Übungszentren in Grafenwöhr und Hohenfels in der Oberpfalz die zentrale Rolle.
