
Sie habe für Umzüge etwas übrig, sagte Ulrike Kolb, als sie im Herbst 2009 ihre Rückkehr nach Berlin plante: „Das hat etwas Belebendes.“ In Frankfurt hatte die Schriftstellerin lange gelebt, war zur Journalistin und Autorin geworden, in Berlin lebten ihre Mutter, ihre Tochter und ihre Enkel. Also ging es Anfang 2010 in die deutsche Hauptstadt, die Kolb gut kannte. Das Umherziehen zwischen Main und Spree hatte sie schon in den Sechzigerjahren trainiert, zwischen Ehe, Ausbildung und Zweitstudium.
Zur Welt gekommen war sie am 14. Juli 1942 in Saarbrücken als Tochter eines Süßwarenfabrikanten. Auf ihre Identität als Saarländerin war sie zeitlebens stolz. „Ich bin keine richtige Deutsche, ich bin eine Sarroise“, schrieb sie 2021 in ihren Erinnerungen. Als Jugendliche besuchte sie ein Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde im Schwarzwald, sie malte, spielte Theater, las, vertiefte sich in die deutsche Geschichte und die Verbrechen der Nationalsozialisten. Später studierte sie Kunst und Kunstgeschichte in ihrer Heimatstadt und Sprachen in Paris und Cambridge. In Berlin schloss sie aber auch eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin ab. 1967 kam ihre Tochter zur Welt, Kolb half ihrem damaligen Mann in seiner Anwaltskanzlei.
Ein zweites Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie führte sie anschließend auch nach Frankfurt. In beiden Städten arbeitete sie in Kinderläden, am Main ließ sie sich schließlich dauerhaft nieder und blieb drei Jahrzehnte.
Von den frühen Achtzigerjahren an arbeitete sie als Journalistin, schrieb für den „Pflasterstrand“, die „Frankfurter Rundschau“ und den Rundfunk. Als Schriftstellerin debütierte sie 1984 mit der Erzählung „Die Rabe“, die von einer Frau handelt, die aus der Routine in die Abwechslung aufbricht. Es folgten Romane wie „Idas Idee“ (1985), „Schönes Leben“ (1990) und „Eine Liebe zu ihrer Zeit“ (1995). Erinnerungen und der Standort der einzelnen Person in ihnen wurden ihr Thema, vom Gedenken an den Holocaust über das deutsch-jüdische Verhältnis bis zur Familiengeschichte.
Nach Berlin folgte ihr 2010 ihr Partner, der Frankfurter Architekt Hubertus von Allwörden. Nach dem Roman „Yoram“ (2009) erschienen auch der Roman „Die Schlaflosen“ und der Band „Erinnerungen so nah“ im Göttinger Wallstein Verlag, der seine Autorin nun als „Erzählerin der großen Erinnerungszusammenhänge“ würdigte: „Ihr mitreißender Humor, ihr in den Sechzigerjahren in Frankfurt geschulter kritischer Blick und ihre freundschaftliche Zugewandtheit werden uns fehlen. Wir haben eine Autorin und eine Freundin verloren.“
Allwörden starb am 21. Juli im Alter von 95 Jahren. Wie jetzt bekannt wurde, ist Ulrike Kolb ihm wenige Tage nach ihrem 84. Geburtstag bald darauf gefolgt.
