Dabei ist Kemferts Buch plausibel aufgebaut. Vom Dieselskandal über die Energiekrise, Deutschlandticket und Verbrennerverbot bis hin zum Heizungsgesetz zeichnet sie die größten medialen Aufreger der vergangenen Jahre nach. Und an einigen Stellen legt sie den Finger in die richtigen Wunden, etwa wenn es um den Kampfbegriff „Technologieoffenheit“ oder das hohe Ausmaß an klimaschädlichen Subventionen geht. Einen Punkt hat die Energieökonomin auch, wenn sie die vielen Milliarden für den Industriestrompreis kritisiert, der als „befristete Notmaßnahme“ den Status quo stabilisiere, statt Anreize für Effizienz oder Innovation zu bieten.
Überzeugende Vision des Energiesystems
Überzeugend wirkt ihr Werk immer dann, wenn sie ihre Vision skizziert, wie ein auf hohen Anteilen erneuerbarer Energien basierendes intelligentes europäisches Stromsystem einmal aussehen könnte: Elektroautos werden zu mobilen Speichern; Wärmepumpen, Waschmaschinen, Klima- und Industrieanlagen flexibel gesteuert. Nicht nur Lithium-Ionen-Batterien speichern Strom, auch Pumpspeicherkraftwerke und Power-to-X-Anlagen, die Strom in Wasserstoff oder Wärme umwandeln, werden wichtiger und im System möglicherweise mit neuen Technologien wie Redox-Flow-, Natrium-Ionen- oder Eisen-Luft-Batterien kombiniert. Und grenzüberschreitend wird Strom noch stärker europäisch gehandelt.

Kemfert muss sich allerdings auch in diesem Buch den Vorwurf der Schönfärberei gefallen lassen. Oft macht es sich die Energieökonomin zu einfach – etwa wenn sie suggeriert, dass sich „jeder investierte Euro“ in die energetische Sanierung von Häusern auszahlt, dabei aber ausblendet, dass viele Hausbesitzer die hohen Kosten trotzdem nicht stemmen können oder wollen. Oder wenn sie behauptet, dass deutsche Ingenieure natürlich weiter gebraucht werden, „nur eben für Batterien und Ladeinfrastruktur statt für Verbrenner“. Und dass „Arbeitsplätze in der Energiewende“ oft besser bezahlte Tätigkeiten bieten, die höhere Qualifikationen erfordern. Den Zehntausenden gut bezahlten Ingenieuren, denen in der Automobilindustrie gerade der Rauswurf droht, dürften diese Aussagen wie Hohn vorkommen.
Wie hilfreich sind günstige chinesische Solarmodule?
An manchen Stellen widerspricht Kemfert sich auch selbst. Etwa wenn sie an einer Stelle beklagt, dass Deutschland heutzutage „Solarprodukte teuer importieren“ muss, weil die Produktion von Solarmodulen aus Ostdeutschland fast vollständig nach Asien abgewandert ist, um später dann zu bejubeln, wie stark die Kosten in den vergangenen Jahren (chinesischen Herstellern sei Dank …) gesunken sind. Und dann behauptet, dass erneuerbare Energien nicht durch geopolitische Krisen gestört werden könnten. Wenn China einmal auf die Idee kommen sollte, den Export von Solarmodulen zu verbieten – wovon im Moment nicht auszugehen ist –, wird sich Europa noch wundern.
Auch verkürzt Kemfert Sachverhalte an vielen Stellen in bedenklicher Weise. Plastisch wird das im Kapitel über den Ausstieg aus der Kernenergie. Natürlich sind keine „dramatischen Blackouts“ passiert, nachdem die letzten drei deutschen Kernkraftwerke (Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2) im April 2023 vom Netz gegangen sind. Und die Strompreise sind nicht „explodiert“. Zur Wahrheit gehört aber auch: Natürlich macht sich die fehlende Kapazität durch den sukzessiven Ausstieg aus Kohle- und Kernenergie am Strommarkt bemerkbar. Strom könnte mit mehr abgeschriebenen Kernkraftwerken am Markt in Deutschland (etwas) günstiger sein.
Unübersichtlich wird es dann im Kapitel über den Green Deal im Schlussteil des Buches, wo Kemfert zunächst konstatiert: „Schaut nach China und in die USA: Da läuft’s!“ Und damit suggeriert, dass US-Präsident Donald Trump auf Klimaschutz setzt, was doch einige Fragen offenlässt. Um dann einen sehr weiten Bogen zu schlagen vom Clean Industrial Deal über Merit-Order, Wasserstoff, Stromverbrauch von KI und amerikanisches Fracking-Gas bis hin zum Wunsch nach dem Erhalt „verbindlicher CO₂-Preise“. Das ist viel zu viel Stoff für so wenige Seiten. Als sie dann innerhalb weniger Seiten vom vermeintlichen Wundermittel, dem CO₂-Grenzausgleich CBAM („plötzlich rechnet sich Klimaschutz“), zur Kreislaufwirtschaft und dann zu den Nöten der energieintensiven Industrie springt, die als „jahrelanges Gejammer“ abgetan werden, bleiben Fragen zurück.
Mut machen ist gut, wichtig und richtig. Aber wenn man die Schmerzen der Transformation so sehr negiert wie Claudia Kemfert, muss man sich nicht wundern, wenn sich manche Leser in ihren Sorgen nicht ernst genommen fühlen.
Claudia Kemfert: Kurzschluss – Wie wir unsere Energiezukunft verspielen. Campus Verlag 2026, 264 Seiten, 26 Euro.
