
Das hatte sich Senator Rand Paul anders vorgestellt: Vor dem Republikaner saß zwar Anthony Fauci, den er nach eigener Aussage im Gefängnis sehen will. Aber der frühere Chefimmunologe der Vereinigten Staaten verweigerte vor dem Senatsausschuss für innere Sicherheit die Aussage. Er schätze die Rechenschaftspflicht vor dem Kongress, sagte Fauci am Mittwoch. Angesichts der „wahnwitzigen Besessenheit“ Pauls, ihn hinter Gitter zu bringen und ihn zu verleumden, werde er zum eigenen Schutz diesmal aber nicht aussagen. So blieb Paul nichts anderes übrig, als seine Theorien zu Faucis angeblich fahrlässigem Umgang mit der Corona-Pandemie im Eigenreferat vorzutragen.
Der Senator wirft dem früheren Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten vor, wissenschaftliche Forschung in China finanziert zu haben, die die Pandemie ausgelöst habe, und anschließend darüber gelogen zu haben. Fauci sei kein unbeteiligter Beobachter gewesen, behauptete Paul in der Anhörung, vielmehr habe es von Beginn an einen „Interessenkonflikt“ gegeben. Paul spielte dabei offenbar auf Partnerschaften der Vereinigten Staaten mit Laboren auf der ganzen Welt an, um den Ausbruch gefährlicher Infektionskrankheiten zu verhindern.
Der grundsätzliche Streit geht in Washington größtenteils entlang von Parteilinien: Die Republikaner, allen voran Donald Trump und das Weiße Haus, glauben an die Theorie, die Corona-Pandemie sei in einem Labor entstanden. Fauci und die meisten Demokraten sind dagegen der Überzeugung, das Virus sei natürlich von einem Tier auf den Menschen übertragen worden. Die Debatte über den Umgang mit der Pandemie hatte sich derart verschärft, dass Präsident Joe Biden Fauci 2024 als eine seiner letzten Amtshandlungen eine präventive Begnadigung aussprach.
Die Tagebücher belegen die Vorwürfe nicht
Die Debatte eskalierte in den vergangenen Tagen abermals, als der Ausschussvorsitzende Paul ohne Zustimmung der Demokraten in dem Gremium Hunderte Seiten des privaten Tagebuchs Faucis veröffentlichte. Für ihn fanden sich dort Beweise dafür, dass Fauci die Amerikaner über den Ursprung des Virus getäuscht habe.
Inszeniert sind die Dokumente auf der Website unter dem Titel „Tonys Diary“ in pinker „Schreibschrift“ und mit vermeintlichen Kritzeleien eines Virus, einer Spritze und eines Schlosses mit der Bemerkung „nicht öffnen“. Der Immunologe warf dem Senator in seiner kurzen Stellungnahme am Mittwoch denn auch vor, die Veröffentlichung der unzensierten Tagebucheinträge ziele nur darauf, ihn bloßzustellen und einzuschüchtern.
Tatsächlich lassen sich die schweren Vorwürfe Pauls gegen Fauci nicht durch Aussagen in dem Tagebuch belegen. Er behauptet etwa, Fauci habe öffentlich gesagt, die Pandemie sei nicht im Labor entstanden, habe privat aber anderes geglaubt. Das will er in einem Eintrag nach einer Telefonkonferenz mit führenden Wissenschaftlern im Februar 2020 lesen. Da schrieb der Immunologe in sein Tagebuch, man sei sich nicht über die Ursprünge der Pandemie einig gewesen: Nur zwei von zwölf Wissenschaftlern hätten geglaubt, das Virus sei auf natürlichem Wege entstanden.
Fauci genoss den plötzlichen Ruhm
Fauci selbst hatte immer wieder öffentlich hervorgehoben, er halte das für am wahrscheinlichsten – es gebe aber keine endgültigen Beweise. Über die Theorie zum Ursprung auf einem Markt in Wuhan schrieb Fauci im Januar 2020, Erkrankungen seien schon vor dem ausgemachten Datum festgestellt worden. Der Markt sei also nicht Quelle, aber „Verstärker“ gewesen. „Dennoch ist das Virus irgendwo von Tieren auf Menschen übergesprungen.“
Will man Fauci im Zuge der Tagebucheinträge einen Vorwurf machen, dann wohl den, wie sehr der Immunologe den plötzlichen Ruhm genoss, der ihm während der Pandemie mit mehr als einer Million toten Amerikanern zuteilwurde. Die Einträge des heute 85 Jahre alten Fauci schließen zahlreiche Beschreibungen ein, wie viel er gelobt, beachtet und eingeladen werde.
So schrieb er am 21. Mai 2020 etwa erst die weltweiten Todeszahlen auf, 234.100, und vermerkte dann: „Großer Artikel über mich auf dem Titel der Washington Post. Sehr schmeichelhaft. Die Lage mit meiner nationalen und internationalen Berühmtheit ist explosiv und wirklich unglaublich.“ Es sei nicht übertrieben zu sagen, dass er „eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Welt“ sei. An mehreren Stellen listete Fauci die Prominenz auf, die auf Partys mit ihm anwesend war.
Festgeschrieben ist dort auch, wie sich die Beziehung Faucis zu Präsident Trump veränderte. Als er ihn im Januar 2020 traf, war der Tagebucheintrag überschrieben mit: „Ein toller Tag heute“. Trump habe ihm gesagt, er sei ein „echt berühmter Typ“. Wenige Monate später hieß es noch, Trump sei zwar anstrengend, vertraue ihm aber vollkommen. Doch je unbeliebter die Einschränkungen wegen der Pandemie wurden, die Schulschließungen und Maskenpflichten, umso mehr wurde Fauci zum Sündenbock.
Im Wahlkampf 2020 nannte Trump ihn ein „Desaster“ und einen Idioten. Ende 2022 schrieb Fauci dann, er wisse, dass die rechte Blase von Verschwörungstheoretikern ihn hasse. Und er nahm nach den Kongresswahlen im selben Jahr schon Bezug auf Senator Rand Pauls Fokus auf ihn. Paul habe in Kentucky gewonnen, schrieb Fauci. Er habe in seiner Siegesrede mehrfach hervorgehoben, „dass die Untersuchung meiner Person das Erste sein wird, was er anpacken will“.
