Im Mittwochscafé duftet es nach Apfelkuchen. Die Tische stehen dicht an dicht, auf den Tellern liegen Kuchenstücke, daneben stehen mit Kaffee gefüllte Tassen. Wer dort zum ersten Mal hinkommt, erfährt die Adresse nicht über einen Aushang, sondern nach einer Anmeldung per Mail oder Telefon. Aus Sicherheitsgründen nennen die Verantwortlichen den Ort des Treffpunkts nur nach Anmeldung. In Zeitungsartikeln soll er nicht genauer beschrieben werden, aus Angst vor antisemitisch motivierten Angriffen.
An diesem Nachmittag sind besonders viele Menschen gekommen, Überlebende der ersten Generation, ihre Kinder und Enkel. Der Treffpunkt für Holocaustüberlebende in Frankfurt ist an diesem Tag voll besetzt. Für viele Besucher ist er wie ein zweites Wohnzimmer, ein Raum, in dem Erinnerungen ihren Platz haben und die Gegenwart trotzdem leicht sein darf.
Der Treffpunkt gehört zu mehr als zwanzig psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Er richtet sich an Überlebende der Schoa und ihre Angehörigen. Sie finden dort ein wöchentliches Café, Gesprächsangebote, Gedächtnistraining, Malkurse und Hilfen im Alltag. Treffpunktleiterin Esti Petri beschreibt den Treff als „niederschwelliges Angebot“. Viele Menschen kämen zunächst wegen der Malkurse und dem kreativen Programm, sagt sie. Die Hemmschwelle sei dann geringer, auch über Belastungen zu sprechen.
„Viele tragen das Trauma ihrer Eltern oder Großeltern weiter in sich“
„Oft kommen Besucherinnen oder Besucher während unserer Kurse und sagen, kannst du mir zeigen, wie ich das auf meinem Handy einstelle“, erzählt Petri. Aus solch einer Frage wird dann manchmal ein längeres Gespräch über Formulare, Arzttermine oder Einsamkeit. Erst kommt das Malen, dann der Kaffee, dann die Frage, wie man mit einem Brief der Behörden umgeht.

Die Wände hängen voller Bilder, gemalt von Frauen und Männern aus der ersten und zweiten Generation. Petri weist darauf hin, dass eines der Bilder von einer Frau gemalt wurde, die am 7. Oktober 2023 in Israel war und ihre Erlebnisse in Farbe verwandelt hat. Andere Werke stammen von inzwischen verstorbenen Besuchern und bleiben als Spur ihrer Leben im Raum.
An diesem Nachmittag ist Hessens Landtagspräsidentin Astrid Wallmann in den Treffpunkt gekommen. Sie hatte im April mehr als achtzig Überlebende und Angehörige der zweiten Generation in den Landtag eingeladen, der Besuch in Frankfurt knüpft daran an. Wallmann spricht über den Antisemitismus, der sich wieder offen zeigt.

Es habe antisemitische Ressentiments zwar immer gegeben, sagt sie, nur seien sie früher versteckt gewesen. Heute trauten sich Menschen, sie offen zu äußern. Sie schäme sich dafür. Wenn Synagogen Polizeischutz benötigen und Kinder nicht mehr unbefangen mit Kippa auf die Straße gehen könnten, sei das ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. Wer Antisemitismus sehe, habe die Pflicht, einzugreifen und dürfe nicht die Augen verschließen.
An einem der Tische sitzt Rabbi Andrew Steiman. Früher kam er regelmäßig mit seiner Mutter in den Treffpunkt. Sie war eine Überlebende des Holocausts, vor 15 Jahren ist sie gestorben. Nun kommt Steiman allein in das Café und erzählt Witze auf Jiddisch. „Die Gemeinde ist für mich wie eine Erweiterung der Familie“, sagt er. „Viele hier tragen das Trauma ihrer Eltern oder Großeltern weiter in sich.“
Steiman spricht von einer Umbruchzeit, in der viele Jüdinnen und Juden retraumatisiert werden. Hassmails, Drohungen, Beschimpfungen gehören für ihn inzwischen zum Alltag. In der Henry-und-Emma Budge-Stiftung, einem jüdisch-christlichen Pflegeheim in Frankfurt-Seckbach, in dem er als Seelsorger arbeitet, mussten Schranken und Kameras installiert werden. Das Geld, sagt er, hätte er lieber für die Pflege der Bewohner ausgegeben.
Polinas Familie kam aus der Ukraine nach Deutschland
Zwischen den Kaffeetassen sitzt Polina. Sie ist 68 Jahre alt und in der Ukraine geboren, ihr Nachname soll in diesem Artikel nicht genannt werden. Sie kam 1998 nach Deutschland, ihr Vater hatte den Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit seiner Großmutter überlebt. „Wir haben ein System entwickelt, nicht darüber zu sprechen“, sagt Polina. In der Ukraine sei der Antisemitismus stark gewesen, deshalb sei die Familie gegangen. Sie arbeitete später bei der Deutschen Bahn. Dass der Judenhass in Deutschland wieder zunimmt, beobachtet sie mit Sorge. Der Treffpunkt aber gibt ihr Halt. Sie besucht mit ihrer Mutter regelmäßig das Gedächtnistraining. „Ich bekomme hier viel Unterstützung bei privaten Problemen. Das ermutigt mich.“

Unter den Gästen ist auch Gerta, 1941 in Czernowitz geboren. Heute gehört die Stadt zur Ukraine. Ihre Eltern sprachen mit ihr offen über das, was ihnen widerfahren ist. „Du musst wissen, was passiert ist“, sagten sie. Sie erzählt von einer Stadt, in der viele Nationalitäten und Religionen nebeneinander lebten, von jüdischen Ärztinnen und Geschäftsleuten, von einem Vater, der in einer Bank arbeitete. Nach der Besetzung durch die mit Hitler verbündeten Rumänen trugen Jüdinnen und Juden den gelben Stern. Ihr Vater wurde in ein Lager nach Moldawien gebracht, die Mutter blieb allein zurück, schwanger. Schwangere Jüdinnen lebten gefährlich, die SS erschoss viele, um keine weiteren jüdischen Kinder zuzulassen. Eine rumänische Nachbarin half ihrer Mutter, auch bei der Geburt. Später bewunderten andere sie dafür, schwanger geblieben zu sein. Für die Tochter wirkt das wie ein „Akt des Widerstands“.
Ihre Familie überstand Ghetto und Lager. Der Vater kehrte abgemagert und krank nach Hause zurück, seine Tochter sah ihn zum ersten Mal. „Mein Vater war die bessere Hälfte meines Lebens“, sagt sie. Er lehrte sie, nicht zu hassen, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Beide Eltern blieben Optimisten und waren dankbar für das Leben in Freiheit. Später gelang der Familie die Ausreise nach Israel, noch später zog Gerta mit ihrem Mann nach Frankfurt. Sie fand Freundinnen und Freunde, fühlte sich sicher. „Bis vor Kurzem, als das wieder aktuell geworden ist“, sagt sie über den Antisemitismus. Sie besucht den Treffpunkt einmal pro Woche, im April war sie auch im Landtag dabei. „Man darf nicht vergessen“, sagt Gerta.
Die Verbindung zu anderen Orten und Zeiten zeigt sich auch in den Biografien der zweiten und dritten Generation. Imrich Donath, Honorarkonsul der Slowakischen Republik in Frankfurt, kommt regelmäßig mit seiner Frau. Seine Eltern überlebten die Konzentrationslager. Sein Vater versteckte die Torarolle der Gemeinde im Keller, neben Silber und Kristallglas. Plünderer nahmen das Silber, die Pergamentrolle ließen sie liegen. Später gelangte die Tora nach Bad Homburg, heute liegt sie in der Gedenkstätte Theresienstadt. Donath spricht von Verantwortung. In dem Wort stecke auch „Antwort“, sagt er. Die zweite und dritte Generation müsste Antworten auf Fragen geben, die die heutige Generation nicht mehr zu stellen wisse.
