Eine Karriere im Sport beginnt mit Vorbildern. Erst ist es der große Bruder, die große Schwester. Später sind es die Stars der Szene. Wen Tadej Pogačar einst als Vorbild hatte? Wahrscheinlich Eddy Merckx, den unersättlichen Dauersieger und Solofahrer. Den „Kannibalen“, der nicht viele Radrennen gewinnen wollte, sondern alle.
So ist heute auch Pogačar. Das ist ein Problem. Nicht für ihn, sondern für seine Konkurrenten bei der Tour de France, dem Rennen, um das sich alle Räder drehen. Da pedalieren die armen Gegner nun gegen einen jungen Eddy, der so überlegen ist, wie es der legendäre Belgier war. Sie fahren zwar im selben Rennen, aber nicht in derselben Liga. Sie fahren immer nur in eine Sackgasse.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ein Vorschlag zur Güte: Pogačar sollte sich, solange es noch keine intergalaktische Champions League für Wattmonster gibt, an Magnus Carlsen orientieren, einem neuen Vorbild: dem GOAT des königlichen Schachspiels. Carlsen war seit 2013 Schachweltmeister und verteidigte seinen Titel viermal. Dann hatte er keine Lust mehr auf die Weltmeisterschaft. Der Titelkampf reizte ihn nicht mehr, die monatelange, stupide Vorbereitung, immer wieder dasselbe Theater. Und die Gegner? Einfach zu schwach. Also trat er nicht mehr an.
Seit 2023 lässt er die anderen die Weltmeisterschaft unter sich ausspielen. Dass Carlsen nach wie vor der Größte ist, steht nicht infrage. Er spielt weiter. Nur nicht mehr immer und überall. Er taucht bei ausgewählten Turnieren auf, setzt sich ans Brett und erinnert die amtierenden und ehemaligen Weltmeister daran, dass ein solcher Titel nicht zwingend bedeutet, der beste Spieler der Welt zu sein.
Ein Sieger mit schweren Beinen und schlechten Tagen
Das wäre doch auch ein Modell für Pogačar: Er müsste nicht mit dem Radfahren aufhören. Er könnte sich im Frühjahr bei einem Klassiker zeigen, vielleicht noch mal im Herbst. Flandern und Lombardei. Oder Lüttich und San Sebastián. Ein-, zweimal kurz die Beine sprechen lassen, die Konkurrenz sortieren und anschließend wieder verschwinden. Und vor allem könnte er die Tour de France den anderen überlassen.
Plötzlich gäbe es wieder mehrere Favoriten. Fahrer müssten nicht länger nachrechnen, wie viel Zeit sie heute wieder auf Pogačar verloren haben, sondern wie sie die Tour gewinnen können. Angriffe wären keine verzweifelten Bewerbungen um den zweiten Platz mehr. Die Gesamtwertung würde wieder von Sekunden diktiert und die Rennleitung müsste auch nicht mehr ständig überlegen, ob sie Pogačars Zeiten am Berg nicht mehr in Listen eintragen, sondern gleich an die Europäische Weltraumorganisation weiterleiten sollte. Die Fans bekämen den Wettkampf zurück und einen ganz gewöhnlichen Sieger. Einen mit manchmal schweren Beinen und schlechten Tagen.
Pogačar muss ja nicht gleich übertreiben und Carlsen auch kopieren, wenn der das Schachspiel komplett verändert. Er spielt ja am liebsten nicht mehr die klassische Version, sondern die alte Fischer-Variante, die heute Freestyle Chess heißt. Dabei werden die Figuren auf der Grundlinie ausgelost, sodass es nicht mehr nur auf auswendig gelernte Zugfolgen ankommt, sondern auf immer neue Herausforderungen.
So weit muss Pogačar nicht gehen. Er muss nicht auch noch Rennen organisieren, bei denen die Räder ausgelost werden. Motto: Heute fahren wir nicht Rennrad, sondern Mountainbike, BMX, Gravel, Fatbike, Klapprad oder was es sonst noch so gibt. Wäre allerdings auch ganz lustig.
