„Es gab in der Stadt zwei Taubstumme“, so setzt Carson McCullers’ Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ein, „die man stets beisammen sah.“ Damit ist es rasch vorbei. Der eine, Spiros Antonapoulos, verhält sich immer exzentrischer und muss irgendwann in die Psychiatrie eingeliefert werden, der andere, John Singer, bleibt allein in der amerikanischen Kleinstadt zurück. Der etwa 450 Seiten lange Roman braucht zwölf Seiten, um zu diesem Punkt zu gelangen. So viel zum „stets“.
Freundschaft, Liebe, Fürsorge, wie immer man das Verhältnis zwischen den beiden Männern nennen will: Von außen betrachtet, und nur diese Weise der Betrachtung ermöglicht der Roman, ist es eine sehr einseitige Angelegenheit. Der unruhige Antonapoulos nimmt, John Singer gibt, und er bereinigt den Schaden, den sein Freund anrichtet, atmosphärisch wie materiell. Dass er dafür keinen Dank bekommt, nimmt er mit äußerlicher Gelassenheit hin, ebenso die Aggressionen, denen er ausgesetzt ist. Die Besuche in der Psychiatrie sind ihm ein Bedürfnis. So, wie sie ablaufen, sind sie ihm wahrscheinlich zugleich eine Qual.
Wenn man nur noch raus will aus der Enge der Stadt
Carson McCullers, geboren 1917 in Columbus, Georgia, schrieb diesen Roman, ihren ersten, mit Anfang zwanzig. Angesiedelt ist er in den Südstaaten, sie schöpft aus ihren Erfahrungen, und im Mädchen Mick, das sich immer stärker seines Wunsches bewusst wird, aus der Enge seiner Stadt auszubrechen, und im Klavierspiel eine Möglichkeit dazu erkennt, kann man durchaus Züge eines Selbstporträts sehen.

Aber das Buch ist weit mehr als ein verkappter Rückblick auf die Jugend der Autorin. McCullers entwirft mit einer unglaublichen Sicherheit ein Panorama der Südstaatengesellschaft, und ihr Interesse gilt dem Miteinander, das sich aus den einzelnen Figuren ergibt. Dabei spielt naturgemäß das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen eine große Rolle, die Frage, welche Möglichkeit es in diesem Kosmos gibt, eigene Wege zu gehen, aber auch der gar nicht mehr so ferne Krieg in Europa, zu dem sich die Amerikaner verhalten müssen.
Zugleich aber registriert die Autorin, die schon die ersten ihrer lebenslangen gesundheitlichen Einschränkungen erleidet, mit großer Präzision die Einsamkeit ihrer Protagonisten. Und das gerade dort, wo Begegnungen möglich sind, allem voran in der kleinen Bar, in der auch der stumme Singer regelmäßig anzutreffen ist. Das liegt nicht am fehlenden Willen zur Kommunikation, nicht daran, dass es kein Interesse am anderen gäbe. Aber die Hürden sind hoch, das anzusprechen, was schmerzhaft ist und die Grundlagen dieses Zusammenlebens infrage stellen würde. Und wo es, etwa für Mick und einen Jungen aus der Nachbarschaft, unerwartet zur körperlichen Intimität kommt, ist das Schweigen danach nur umso drückender.
Das Lebensthema der Autorin, die Einsamkeit nicht nur in der Liebe, prägt schon den ersten Roman. Später entfaltet es sich meisterlich verdichtet in ihrer Erzählung „Die Ballade vom traurigen Café“.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
