Ein Mann betritt das Büro einer Jugendamts-Mitarbeiterin in Finsterwalde im Süden Brandenburgs – er soll sie bedroht, beleidigt und schließlich ein Feuer gelegt haben. Vier Menschen kommen mit Verdacht auf eine Rauchvergiftung ins Krankenhaus. Was für ein Motiv hinter dem Angriff steckt, ist laut Polizei noch unklar. Der Brand in der Behörde der Kleinstadt wird zwar schnell gelöscht, doch der Schock sitzt tief.
Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdeliktes, wie der Sprecher der Polizei, Sascha Erler, sagte. Der Verdächtige, ein 35 Jahre alter Deutscher, wurde außerhalb des Gebäudes gefasst. Kriminaltechniker sicherten Spuren, andere Beamte vernahmen Zeugen.
Ministerpräsident reagiert auf Tat
Die brandenburgische Landesregierung reagierte entsetzt. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte in einem Instagram-Beitrag der Staatskanzlei: «Wer öffentliche Einrichtungen angreift, legt sich mit uns allen an. Gewalt und Einschüchterung sind durchs nichts zu rechtfertigen.» Den Mitarbeiterinnen wünsche er eine schnelle Genesung und viel Kraft, das Erlebte zu verarbeiten.
Sozialminister: «Ungeheuerlicher Vorgang»
Sozialminister René Wilke (SPD) verurteilte den Angriff und sagte: «Der ungeheuerliche Vorgang in Finsterwalde sollte uns alle zutiefst beunruhigen.» Er forderte zudem mehr Respekt für Behörden-Beschäftigte. «Wenn Bürgerinnen und Bürger unhöflich oder unverschämt, verbal verletzend und bedrohend auftreten, was in den vergangenen Jahren immer häufiger vorkam, dann hinterlässt das bei den Bearbeiterinnen und Bearbeitern Spuren», sagte Wilke. «Wenn, wie jetzt, physische Gewalt gegen Personen ausgeübt wird, dann ist ein Punkt erreicht, an dem wir alle einhalten sollten.»
Streit mit Mitarbeiterin eskalierte am Morgen
Nach dpa-Informationen wollte der Verdächtige mit einer Mitarbeiterin der Behörde über einen Fall sprechen. Laut Landkreis handelt es sich um das Jugendamt.
Ein Mann habe nach bisheriger Darstellung der Polizei kurz nach 8.00 Uhr am Morgen die Behörde betreten: Die Polizei nannte ihn «einen Kunden». Die Hintergründe des Streits seien Teil der Ermittlungen – weitere Auskünfte gebe es zunächst nicht. Es sei um Jugendbelange gegangen, hieß es lediglich aus dem Landkreis.
Brennbare Flüssigkeit dabeigehabt?
Ein Sprecher der Verwaltung sagte nach ersten Erkenntnissen, der Mann habe wohl einen Brandsatz dabeigehabt. Flüssigkeit sei in Flammen aufgegangen. «Es hat eine ordentliche Rauchentwicklung gegeben», so der Polizeisprecher.
Er wollte sich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht dazu äußern, wie der Brand verursacht wurde. Auch wo der Verdächtige wohnte, sagte die Polizei bislang nicht.
Die Feuerwehr betreute den Angaben zufolge 20 bis 30 Menschen. Die Landkreisverwaltung sprach von fünf verletzten Personen. Auch die Notfallseelsorge kam zum Einsatz.
Vize-Landrat: Mitarbeiter tief getroffen
Aus dem Landratsamt Elbe-Elster hieß es: «Kein Grund, keine Entscheidung rechtfertigt so einen Angriff auf Menschenleben.» Ein Ereignis wie dieses treffe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die gesamte Kreisverwaltung tief, teilte Dezernent und Kämmerer Roland Neumann mit, der zugleich stellvertretender Landrat des Kreises ist. Das Amt wurde evakuiert und bleibt vorerst geschlossen.
Gebäude für Untersuchungen weiter geschlossen
Der Dienstbetrieb am Standort Finsterwalde wurde vollständig eingestellt. Wann das Gebäude wieder für den Besucherverkehr geöffnet werden kann, hänge von den weiteren Untersuchungen und der Schadensbewertung ab, teilte die Verwaltung weiter mit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen psychologisch betreut werden.
Wo gab es bereits Angriffe in Behörden?
In Deutschland gibt es keine bundesweite Statistik zu gewalttätigen Übergriffen gegen Beschäftigte des gesamten öffentlichen Dienstes. Ausnahmen sind einzelne Gruppen wie die Polizei. Studien legen nahe, dass daneben vor allem Beschäftigte der Agentur für Arbeit in erheblichem Maße Beleidigungen, Beschimpfungen, Bedrohungen und – seltener – körperlichen Angriffen ausgesetzt sind.
In einigen Fällen war in der Vergangenheit wie in Finsterwalde Feuer im Spiel. In einem Finanzamt in Hannover wurde 2018 ein selbstgebauter, funktionstüchtiger Brandsatz entdeckt. Das Gebäude wurde geräumt, es gab keine Verletzten. Im selben Jahr übergoss ein mutmaßlich psychisch kranker Mann in Hamburg zwei städtische Mitarbeiter und einen Betreuer mit einer brennbaren Flüssigkeit, weil sie ihn in ein psychiatrisches Krankenhaus bringen wollten. Einer der Mitarbeiter starb.
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