Dem Kind ist der schräg eingeparkte rote Fiat zuerst aufgefallen. Die weiße Parkplatz-Markierung parallel zur Straße ist dem Fahrer offenbar Anlass zur Revolte gewesen: Das Auto steht auf der Fläche im 45-Grad-Winkel. Vielleicht ein Fahranfänger, vielleicht ein Scherzbold. „F-UN“ steht auf dem Nummernschild, wahrscheinlich nur ein Zufall, über den wir lachen können. Noch. Denn die auffallend schlechte Flächennutzung des unbekannten Parkers bleibt bestehen, Woche für Woche, unverändert.
Da hat jemand offenbar weder Lust auf Umparken noch auf Autofahren. Aber weil in Frankfurt nicht jeder überall dauerparken darf, schon gar nicht ohne Anwohnerparkausweis, klemmt irgendwann der erste Strafzettel unter dem Scheibenwischer. Weitere Wochen verstreichen. Die amtliche Mahnung verschwindet, das Auto nicht.

In einem Stadtteil wie diesem, in dem auch Anwohnerparkplätze nur noch in Erbfolge vergeben werden können, breitet sich langsam Missvergnügen aus. Die Nachbarn fangen zu reden an. Die Neugier wächst. Wer ist bloß dieser stoische Fahrverweigerer? Immer öfter werfen Passanten beim täglichen Gang vorbei am roten Fiat einen Blick ins Innere des Wagens, als könnte man dort mehr über den renitenten, aber unbekannten Besitzer erfahren. Ein Parkschein aus dem Automaten auf dem Armaturenbrett signalisiert wenigstens die Bereitschaft zur Regeltreue. Er gilt allerdings für einen ganz anderen Standort in der Stadt und ist nun auch schon seit Monaten abgelaufen. Immerhin hat hier jemand im Grundsatz das Konzept der Parkraumbewirtschaftung verstanden – wenn auch eher in einem historischen Kontext.
Auf dem Rücksitz liegt ein Badezimmerschränkchen, der Spiegel ist zerbrochen. Wollte hier jemand Sperrmüll entsorgen? Oder war er auf dem Weg zur Reparatur? Aber wie kann man es wochenlang ohne Spiegel im Bad aushalten? Und wo ist nun der ganze Klimbim untergebracht, der früher in dem Schränkchen aufbewahrt wurde?
Das Kind, die mitfühlende Seele, stellt sich ganz andere Fragen: Warum holt denn bloß niemand die beiden großen Säcke Katzenfutter aus dem Auto? Werden sie nicht mehr gebraucht? Oder sind – hoffentlich – noch alle Vorratsschränke voll davon, und ist die Katze wohlauf? Der Ärger über den dauerbesetzten Parkplatz wirkt neben so viel Mitgefühl fast schon peinlich und wird fortan schamhaft unterdrückt. Aber auch die Suche nach abgemagerten Katzen im Viertel bleibt ohne Erfolg.
Nach Monaten und einem zweiten ignorierten Strafzettel schaltet das Ordnungsamt einen Gang hoch. Nun klebt ein orangeroter Zettel am Fenster auf der Fahrerseite, die „Aufforderung zur Entfernung eines Kraftfahrzeugs“. Das Auto müsse sofort entfernt werden, sonst drohten eine Strafe von 1000 Euro und das Abschleppen des Autos. So steht es dort, als wolle man vor allem die Nachbarn beruhigen, dass nun endlich Bewegung in die Sache kommt – und die Hoffnung keimt, dass ein Stellplatz an der Straße frei wird, und die Suchenden am Abend wieder etwas bessere Chancen in der Parklotterie haben.
Doch es bleibt bei der dringend klingenden Aufforderung des Ordnungsamts. Sie klebt auch die nächsten zwei Monate unberührt und wirkungslos an der Scheibe. Bei Wind und Wetter. Vielleicht hat jetzt auch das Amt alle Hoffnung fahren lassen.
Doch an einem Sommermorgen, etwa fünf Monate nach seinem Auftauchen, ist der rote Fiat plötzlich verschwunden. Abgeschleppt oder doch auf eigenen Rädern davongefahren? Keiner hat etwas gesehen oder gehört. Der Platz ist wieder frei und wird sofort zurückerobert. Und doch fehlt nun plötzlich etwas Vertrautes, ein die Nachbarschaft verbindendes Rätsel, das nun auf immer ungelöst bleiben wird.
