Während die frühe Morgensonne unter dem wolkenbedeckten Himmel hervorblickt, öffnen Mario Russo und seine Angestellten die Café-Türen. „Wir müssen alle an morgen denken, aber ohne zu vergessen, heute zu leben“, heißt es in Federico Fellinis Film „La dolce vita“, nach dem der Eisladen benannt ist. Viel von dieser Lebensphilosophie scheint sich auch im Alltag des Cafés wiederzufinden. Inhaber Russo begrüßt seine Stammgäste mit Vornamen. Den Eisdielenbesitzer kennen hier fast alle im Frankfurter Stadtteil Oberrad – und er kennt sie. Samt ihrer Lieblingssorten.
Doch nicht nur die familiäre Atmosphäre macht das Café besonders. Der gebürtige Italiener sieht es als Herausforderung, Frankfurter Spezialitäten als Eis zu kreieren. Dabei macht er auch nicht vor Grüne-Soße-Eis Halt. Weil auf den Feldern des ländlich geprägten Stadtteils die sieben Kräuter für die Grüne Soße wachsen, habe diese Idee nahegelegen, sagt Russo. „Grüne Soße kennt man sonst auf Schnitzel oder Kartoffeln – warum nicht auch in süßer Form“, wischt er Zweifel beiseite.

Er behauptet von sich, der Erste in Frankfurt gewesen zu sein, der es mit dieser – zugegeben etwas speziellen – Eissorte versucht habe. Im Jahr 2015, als er sie erstmals neben altbekannten Sorten wie Erdbeere oder Schokolade angeboten habe, seien die Kunden aber noch nicht für Experimente dieser Art bereit gewesen, sagt Russo. Also legte er die Rezeptidee beiseite. Vorerst. Bis die Presse über die damals besonders im Frankfurter Nordend bekannte Eisdiele Christina berichtete, die angeblich Pionierarbeit an der Eismaschine geleistet habe und zuerst mit der Idee, die sieben Kräuter der Grünen Soße in ein Milcheis zu geben, aufwartete. Stammgäste der kleinen Oberräder Eisdiele lasen den Artikel und beschwerten sich zuerst bei dem Medienhaus – und später bei Russo. Her mit dem Grüne-Soße-Eis! Gepackt bei der Eismann-Ehre, gehört die Sorte seither zum festen Sortiment. Besonders Kinder scheinen diese ungewöhnliche Kombination aus Milcheis und Kräutern zu mögen. Für einen jungen Kunden, der immer Grüne-Soße-Spaghettieis bestelle, habe er sogar eigens eine Kartoffelpresse angeschafft, wie Russo sagt. Die Kräuter des Eises würden die handelsübliche Spaghettieispresse sonst verstopfen. Und auch wenn das Grüne-Soße-Eis selbst nicht zu den Favoriten des Eismachers zählt, weiß er, es schmackhaft zu machen. Es schmecke aufregend neu – und doch seltsam vertraut.
Den Gästen gefällt so viel Experimentierfreude. Und Russo gefällt das Spiel mit ungewöhnlichen Zutaten. Er ist bereit, neue Wege zu gehen und dafür auch mal in einer Sackgasse zu landen. „Man kann mit allem Eis machen und alles ausprobieren. Ob es dann gegessen wird, ist eine andere Sache“, sagt er. Handkäs-Eis beispielsweise habe sich nicht durchgesetzt. So richtig überrascht scheint Russo davon nicht. Dafür schaffen es Sorten wie Frankfurter Kranz, Mispelchen oder Apfelwein regelmäßig in den Verkauf.

Dass ausgerechnet ein Süditaliener Frankfurter Spezialitäten in Eis verwandelt, erscheint zunächst ungewöhnlich. Für Mario Russo liegt darin aber ein Stück Heimat. Er lebt seit 40 Jahren in Oberrad. „Ich bin hier länger als in Italien“, sagt er. Im Alter von 16 Jahren ist er damals nach Deutschland gekommen. Hier habe er sich eine Familie aufgebaut – nicht nur seine eigene, sondern auch im Laden. „Meine Angestellten sind wie eine Familie. Wir arbeiten alle sehr eng zusammen.“
Arbeiten in einem Eiscafé – der Traum vieler Kinder. Einfach weil das Gute so nahe liegt. Aber es ist ein Knochenjob. Russo und sein Team sind permanent auf den Beinen. Eis machen, Eis verkaufen, Gäste bedienen, gute Launen verbreiten. Ruhezeiten gibt es kaum. „Die aktuelle wirtschaftliche Lage macht mir wirklich Sorgen“, sagt Russo. Viele Produkte seien teurer geworden. Und trotzdem müsse jede Preissteigerung gut überlegt werden. Denn Eis ist auch für viele Kunden längst zum Luxus geworden. „Wir machen alles selbst, deshalb können wir die Preise relativ stabil halten. Ich möchte einfach in Ruhe arbeiten und leben, nicht reich werden“, sagt er. 1,90 Euro müssen Kunden derzeit für eine Kugel zahlen.
Im Laufe des Vormittags füllt sich das Café. Man kennt sich, man grüßt sich, bei manchen weiß Russo schon, was sie bestellen werden, ohne dass sie es sagen müssen. Vielleicht spiegeln genau solche Momente das süße Leben wider, nach dem das Café benannt ist: Es ist ein Ort, an dem Nachbarn auf einen Espresso vorbeischauen, sich begegnen. Ein Ort, an dem Kinder willkommen sind und der Alltag für einen kurzen Moment pausiert. Für alle – nur nicht für Mario Russo und sein Team. Denn Eis verdient keine langen Wartezeiten.
