
Die letzte Aktion, bevor alle zu Boden sinken werden, vor Erschöpfung, vor Enttäuschung oder wegen beidem, gehört dem Mann, der auf den Namen Burn hört, Dan Burn oder besser: „Big Burn“. Der englische Verteidiger, 2,01 Meter groß, in der 111. Minute eingewechselt, um das Ergebnis über die Zeit zu bringen, gewinnt in der eigenen Hälfte ein Kopfballduell, er brüllt und ballt die Fäuste.
Wenige Augenblicke später ist das Spiel vorbei, England steht nach zuletzt 2018 wieder im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft. Und auch wenn der entscheidende Mann, der beide Tore erzielt hat beim 2:1 gegen Norwegen, Jude Bellingham heißt und da schon auf der Bank sitzt, ist das ein passendes Schlussbild. Weil Dan „Big“ Burn auf den Punkt bringt, was die Mannschaft von Thomas Tuchel auszeichnet: Physis, Resilienz – und Fußball als „The Beautiful Game“, das schöne Spiel, nur in ausgewählten Momenten.
Gegen Norwegen gab es nicht viele davon, noch weniger als in den vorherigen Spielen. Es war auch nicht wie von vielen erwartet das Spiel, in dem sich alles um das Duell der „Neuner“ drehte, um Harry Kane und Erling Haaland, genau genommen drehte sich fast gar nichts darum.
Die neun Leben der Engländer
Auch Haaland sitzt schon auf der Bank, als die Norweger sich ein letztes Mal in die Riemen legen, erschöpft ausgewechselt in der Pause der Verlängerung, zermürbt von der Intensität, mit der die englischen Innenverteidiger John Stones und Marc Guehi ihn bearbeitet haben.
Es war vielmehr das Spiel, in dem man sich fragte, ob England eigentlich neun Leben hat bei dieser Weltmeisterschaft. Und somit vor dem Halbfinale am Mittwoch in Atlanta gegen Titelverteidiger Argentinien auch: Kann das so weitergehen? Dass man wirklich bis ins Endspiel kommen und das womöglich sogar gewinnen kann mit so viel Herz, aber so wenig Fußball.
Als Thomas Tuchel in der zum Pressekonferenzraum umfunktionierten Footballkabine im Stadion von Miami Platz nimmt, ist er hin und hergerissen: zwischen Herz und Kopf, zwischen dem, was ihn mit Stolz erfüllt, die Tugend seiner Mannschaft, „einfach nicht verlieren zu wollen“. Und dem, was ihn als Fußballtrainer beschäftigt. Als solcher wünsche er sich schon, „dass meine Mannschaft besser Fußball spielt“. Schneller, weniger schlampig.
Dieselbe Ja-aber-Haltung legt Tuchel auch an den Tag, als es um Kane und Bellingham geht. Jene beiden Spieler, mit denen es schon viel zu tun hat, dass die Engländer so weit gekommen sind, Kane sechs Tore, Bellingham sechs, England insgesamt dreizehn, nur eines hat ein anderer geschossen, Marcus Rashford zum 4:2 gegen Kroatien im ersten Gruppenspiel. „Unsere Angriffsformel ist simpel“, sagt Tuchel, „bring Harry und Jude zusammen, und sie erledigen den Rest.“ Und manchmal reicht eben auch einer.
Verlassen will und kann sich Tuchel darauf allerdings nicht. „Wir müssen auch andere Spieler hineinbringen“, sagt er. Weil man sich auch auf etwas anderes nicht verlassen kann: Dass der Spieler namens Luck im englischen Team immer so dabei ist wie am Samstagabend.
Beindruckender Bellingham
Es läuft die zweite Minute der Nachspielzeit in der ersten Hälfte in Miami. Einerseits ist es beeindruckend, Bellingham zu sehen, wie er mit einer Mischung aus Instinkt und Intensität genau den richtigen Weg in den Strafraum nimmt, wie er seinen Gegenspieler Torbjörn Heggem abschüttelt, wie dann, als er schießt, jeder im Stadion schon weiß, dass sich gleich das Netz ausbeulen wird.
Weil es Dinge gibt, die dieser Jude Bellingham, 23 Jahre alt und in der Nationalmannschaft vielleicht in der Form seines Lebens, mit einer Selbstverständlichkeit erledigt, die Tuchel später nur mit einem Wort einordnen wird: „Weltklasse.“
Ein Ball direkt aus dem Himmel
Aber vorausgegangen ist diesem Treffer auch das große Kuriosum und der große Konfliktfall dieses Abends. Der Ball, der nach Meinung der Norweger ein Seil der Aufhängung der Spidercam berührt hat beim Abstoß von Torhüter Örjan Nyland. Nyland selbst reklamiert das, nachdem der Ball zum 1:1 im Tor liegt, Haaland reklamiert es, auch Stale Solbakken, der Trainer. Er sagt später: „Der Ball ist direkt aus dem Himmel heruntergekommen.“
Wenn man die Videobilder in der Vergrößerung sieht, meint man das auch zu sehen: Wie der Ball einen Knick in der Flugbahn macht, was ihn unvermittelt steiler zu Boden fallen lässt, so dass ein Engländer ihn aufnehmen und zu Bellingham weitergeben kann.
Der Internationale Fußball-Verband (FIFA) teilt noch während des Spiels mit, dass es auf der Grundlage der Daten einen solchen Kontakt nicht gegeben habe. Tuchel weist später darauf hin, dass der Chip ja, wie man wisse, auch eine Haarberührung registriere. Aber denken sich Spieler auf dem Platz so etwas aus?
Aus Sicht der Norweger, die durch einen spektakulären Schuss von Andreas Schjelderup in der 36. Minute in Führung gegangen sind und dem Sieg auch danach lange näher scheinen, wäre es jedenfalls eine bittere Pointe. Dass ausgerechnet eines der technischen Geräte, die für nahezu grenzenlose Beobachtung des Spiels sorgen, im Weg gestanden haben könnte, und es keines der vielen anderen, die für nahezu grenzenlose Überwachung sorgen sollen, erfasst hat, weswegen es auch keine unmittelbare Überprüfung gab. Solbakken, der mit seinem Team diese Weltmeisterschaft bereichert hat, zeigt sich als großer Verlierer, als er sagt, dass man akzeptieren müsse, dass so etwas zum Spiel dazugehöre.
Engländer mit viel Glück
Es ist nicht das einzige Glück für die Engländer an diesem Abend. Sie können froh sein, dass die Norweger nicht das zweite Tor nachlegen, als Martin Ödegaard, in Sachen Einfluss auf dem Platz eigentlich Sieger im Duell der Zehner mit Bellingham, Alexander Sörloth freispielt, der aber nicht den richtigen Moment findet, entweder zu schießen oder Haaland zu bedienen.
Sie haben Glück, dass Haaland ein bisschen zu intensiv zu Werke gegangen ist, kurz bevor der Ball in der 55. Minute wirklich zum zweiten Mal im englischen Tor liegt, weshalb der französische Schiedsrichter Clement Turpin es nach Ansicht der Videobilder wieder einkassiert.
Und sie haben auch Glück, dass der ansonsten gute Torwart Nyland den Ball bei einem Schuss von Morgan Rogers nach vorne prallen ließ, so dass Bellingham in der dritten Minute der Verlängerung zum zweiten Mal zur Stelle ist.
„Yeah, well, whatever“
Nach diesem Spiel unter Saunabedingungen, bei über 30 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit, bei dem man nie so recht wusste, ob die Spieler absichtlich Kräfte schonen oder ob sie wirklich nicht mehr konnten, wird Tuchel ganz am Ende gefragt, ob seine Spieler nun noch zwei Mal können würden. „Sie müssen“, sagt er nur. Über sich selbst hat er vorher schon den schönen Satz gesagt: „I feel very alive in these moments“, er fühle sich in diesen Augenblicken sehr am Leben.
Eine schöne Geschichte eigentlich, wenn ausgerechnet Tuchel, der manchmal schon wie eingeschlossen in seinem Kopf gewirkt hat, nun den Eindruck erweckt, als sei die Intensität dieser WM sein Elixier. Weit weniger begeistert allerdings klang Bellingham, als er auf die Kritik seines Trainers an der fußballerischen Darbietung angesprochen wurde. „Yeah, well, whatever“, begann er seine Antwort, was so viel bedeutet wie: Na, wenn er meint.
Man könnte das auch so zusammenfassen: Besser Fußball spielen müsste Tuchels Mannschaft für eine richtig gute Geschichte vielleicht schon. Aber ob sie sich das von ihm so gerne sagen lässt, ist nochmal eine andere Frage.
