Am 12. Juli 1906 wurde der elfeinhalb Jahre zuvor zu lebenslanger Haft verurteilte und degradierte vormalige Hauptmann Alfred Dreyfus von der höchsten französischen Justizinstanz, dem Kassationsgericht, in allen Anklagepunkten freigesprochen, derer zwei Prozesse 1894 und 1899 ihn für schuldig befunden hatten. Emmanuel Macron hat den 12. Juli jetzt zum nationalen Gedenktag „für Alfred Dreyfus, für den Sieg von Gerechtigkeit und Wahrheit, gegen Hass und Antisemitismus“ ernannt.
Gemeinsam mit dem neuen Pariser Bürgermeister, Emmanuel Grégoire, wird Frankreichs Präsident heute eine Ende der Achtzigerjahre geschaffene Statue, die erst in den Tuilerien, dann in einer Grünanlage am Boulevard Raspail gestanden hatte – zwei Orte, die nichts mit Dreyfus zu tun haben –, an ihrem neuen und hoffentlich definitiven Standort einweihen: auf der Île de la Cité, vor dem Kassationsgericht.
Die Dreyfus-Affäre – in Frankreich schlicht „l’Affaire“ genannt – endete indes nicht am 12. Juli 1906. Bereits am Folgetag wurde der Berufssoldat wieder in die Armee integriert – aber in einem weit niedrigeren Dienstgrad als dem, der ihm aufgrund seines Dienstalters zugestanden hätte. Ein erneutes Unrecht, dem bald ein weiteres folgte: Bei der Überführung der sterblichen Überreste von Émile Zola, des heute bekanntesten unter den illustren Verteidigern des Hauptmanns, in das Pantheon 1908 feuerte ein Antisemit zwei Schüsse auf Dreyfus ab und verletzte ihn am Arm. Wenig später wurde der Täter freigesprochen.
Noch Mitterrand wehrte ein Gedenken an Dreyfus ab
Nach dem Tod des Hauptmanns 1935 – wiederum an einem 12. Juli – gerieten „l’Affaire“ und ihr Namensgeber in Vergessenheit. Nicht ganz von selbst: Die Obrigkeit half nach. Das Vichy-Regime hegte, man möchte sagen: naturgemäß, einen erbitterten Hass auf Dreyfus, seine Nachkommen und alle, die den Geist des „dreyfusisme“ verkörperten. Dreyfus’ Witwe Lucie überlebte unter dem Decknamen „Madame Duteil“ in einem Kloster; die Archive des Hauptmanns wurden durch seinen Sohn Pierre dem republikanischen Leiter der Nationalbibliothek anvertraut – der sie versteckte und 1945 restituierte, als er aus der Deportation ins KZ Buchenwald zurückkehrte. Doch Dreyfus’ Schwester Alice und seine Enkelin Madeleine wurden in Auschwitz ermordet. Letztere war Mitglied der Résistance, wie mehrere Familienmitglieder ihres Alters.

De Gaulle ließ nach der Etablierung der Fünften Republik dann alle Filme über „l’Affaire“ zensieren; erst nach seinem Tod lief 1975 ein erster Streifen zum Thema im Fernsehen. Mitterrand verwahrte sich, ebenfalls im Namen einer Staatsräson, die „Schandflecken“ aus dem roman national zu bannen, gegen jegliche „Reuebezeugung“ vonseiten der Armee, ja gegen jede offizielle Geste. Doch nahm unter seiner Präsidentschaft eine hauptsächlich durch Historiker getragene Bewegung Aufschwung, deren vorläufigen Höhepunkt der heutige Gedenktag bildet – in Erwartung einer allfälligen Pantheonisierung, über die seit 2006 diskutiert wird.
Ziel war und ist es, Dreyfus als Hauptakteur der „Affaire“ wiedereinzusetzen. Diese Eigenschaft hatten ihm zum Teil sogar illustre Geister und zeitweise Kampfgenossen wie Jean Jaurès oder Charles Péguy abgesprochen. Letzterer schrieb 1910, der Hauptmann sei „wider Willen als Held, wider Willen als Opfer, wider Willen als Märtyrer eingesetzt“ worden, eine „dreifache Investitur“, ja „Salbung“, derer sich Dreyfus – „unzureichend, unterlegen, unfähig“ – nicht würdig erwiesen habe. Eine Charakterisierung, die der Schriftsteller Maurice Blanchot 1984 als „absurd“ abtat, in einem Artikel, auf den sich Historiker wie Michael Burns, Vincent Duclert und Philippe Oriol berufen können, die Dreyfus ganz im Gegenteil als den „ersten dreyfusard“ porträtieren. Die 2024 erschienenen „Œuvres complètes“ bestätigen es: Der Hauptmann kämpfte sehr aktiv um seine Ehre, seine Freiheit, ja sein Leben.
Antidreyfusards, Antirepublikaner und Antisemiten
Aber auch um ein demokratisches Ideal, das weit über seine Person hinausging: Um Rechtsstaatlichkeit, um den Primat von Fakten über Fake News, um das, was wir heute „Antirassismus“ nennen. Hier nun wird die Sache brandaktuell. Der Schoß sei fruchtbar noch, schreibt Duclert, Autor der 2006 veröffentlichten Standardbiographie des Hauptmanns, in dem zum morgigen Gedenktag publizierten Band „Dreyfus, jour de gloire“ (Les Belles Lettres, Paris 2026. 198 S., 9,99 €).
Die geistige Linie der Antidreyfusards, der Antirepublikaner und Antisemiten vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, sei nicht erloschen. Wieder stünden die Grundprinzipien der Republik unter dem Beschuss selbst ernannter Patrioten, die Gerechtigkeit und Wahrheit aufs Gröbste misshandelten. Wer die Errungenschaften von 1906 feiere, müsse die Rechtsextremen von 2026 bekämpfen, „nicht aus politischen oder ideologischen Gründen, sondern um der Wahrheit und des Wissens willen“. Der Kampf beschränke sich auch nicht auf Frankreich; Duclert verweist so auf jüngere Entwicklungen etwa in Israel, Russland oder den USA. Und widmet sein (leider liederlich lektoriertes) Buch Anna Politkowskaja und Alexej Nawalny.
Dreyfus hatte das Einstehen für Gerechtigkeit und Wahrheit vorgelebt. Nach seiner Rehabilitierung setzte er sich nicht nur 1910 für einen schuldlos verfolgten Docker in Frankreich ein, sondern Mitte der Zwanzigerjahre auch für die Anarchisten Sacco und Vanzetti in den USA. Und nach Hitlers Machtergreifung für Flüchtlinge aus Nazideutschland.
