
Aus dem Stahlwerk der Salzgitter AG stieg am Donnerstag gleich im doppelten Sinne Rauch auf: schwarzer Rauch, weil ein riesiger Schrotthaufen auf dem Gelände aus zunächst unbekanntem Grund am Vorabend in Brand geraten war. Und symbolischer weißer Rauch, weil die Komplettübernahme der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg durch Salzgitter nun endgültig fix ist, wie das niedersächsische Unternehmen mitteilte.
Abgesehen von der zeitlichen Koinzidenz hatten beide Nachrichten nichts miteinander zu tun. Und doch: Brenzlich war die Situation rund um Deutschlands zweitgrößtes integriertes Stahlwerk HKM lange gewesen; auch eine Schließung hatte zeitweise im Raum gestanden. Durch die Einigung wird HKM zwar fortbestehen, jedoch bis 2028 rund die Hälfte seiner Produktionsmenge und rund zwei Drittel seiner Belegschaft verlieren.
Salzgitter-Chef Gunnar Groebler verspricht langfristige Zukunft
Mit dem nun geschlossenen Vertrag wird das Ruhrgebiets-Traditionsunternehmen eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Salzgitter AG, bei der das Land Niedersachsen größter Einzelaktionär ist und eine Sperrminorität hält. Bislang wurde HKM als Gemeinschaftsunternehmen geführt, mit Deutschlands größtem Stahlkonzern Thyssenkrupp Steel (TKSE) als größtem Anteilseigner (50 Prozent), Salzgitter als zweitgrößtem Teilhaber (30 Prozent) und dem französischen Röhrenhersteller Vallourec als kleinstem Gesellschafter (20 Prozent). Sowohl TKSE als auch Vallourec hatten schon lange angekündigt, sich vor dem Hintergrund der angespannten Lage auf dem Stahlmarkt aus dem Joint Venture zurückziehen zu wollen.
„Mit der Übernahme der Anteile der bisherigen Mitgesellschafter stehen wir in voller Verantwortung an einem Traditionsstandort der Stahlindustrie, den wir mit einer konsequenten Ausrichtung auf die grüne Transformation in eine langfristige Zukunft führen wollen“, sagte Salzgitter-Chef Gunnar Groebler. Im Grundsatz hatten sich die bisherigen Eigentümer schon Anfang Februar auf die Eckpunkte dieser Lösung verständigt. Das „Closing“ und der Übergang der Geschäftsanteile solle noch an diesem Donnerstag vollzogen werden, hieß es nun.
„Ein schwerer, aber notwendiger Schritt“
Ursprünglich hatte dies schon Anfang Juni stattfinden sollen, doch die Detailverhandlungen hatten sich in die Länge gezogen. Groebler sprach von „komplexen Gesprächen“ und einer „großen Bedeutung des Ausgangs für die Mitarbeitenden“, daher habe Sorgfalt Vorrang vor dem Tempo gehabt. Marie Jaroni, Vorstandsvorsitzende von Thyssenkrupp Steel, sprach von einem wichtigen „Meilenstein für alle Beteiligten“. HKM werde schon Ende 2028 die Stahllieferungen an Thyssenkrupp Steel einstellen, statt wie bisher geplant Ende 2032. Dies sei wichtig, um die „strategische Neuaufstellung“ von Thyssenkrupp Steel umzusetzen. TKSE will im Zuge eines umfangreichen Sanierungsprogramms bis zum Jahr 2030 rund 11.000 Stellen streichen oder auslagern und Stahlmengen reduzieren; die Trennung von HKM ist fester Bestandteil dieses Plans.
Doch wie ebenfalls schon in Grundzügen bekannt war, ist die Übernahme durch Salzgitter auch für HKM selbst mit harten Einschnitten verbunden. Die Belegschaft von derzeit rund 3000 Mitarbeitern soll auf rund 1000 schrumpfen. „Ohne diesen schmerzhaften Stellenabbau hätte die Salzgitter AG die alleinige Übernahme nicht vollziehen können“, heißt es aus Niedersachsen. „Dies ist ein schwerer, aber notwendiger Schritt“, sagte Birgit Dietze, die im Salzgitter-Vorstand das Personalressort führt. „Die kommenden Veränderungen werden verantwortungsvoll und grundsätzlich sozialverträglich gestaltet.“
Weiter hieß es, die bei HKM produzierte Rohstahlmenge solle bis Ende 2028 von derzeit vier Millionen Tonnen Stahl auf rund zwei Millionen Tonnen pro Jahr sinken. Salzgitter plant, die beiden in die Jahre gekommenen HKM-Hochöfen durch einen Elektrolichtbogenofen (EAF) zu ersetzen. Darin entsteht der Stahl auf klimafreundlichere Art und Weise als auf der Hochofenroute. Der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen fördern den EAF, der nach jetziger Planung der größte Deutschlands werden soll, mit insgesamt 200 Millionen Euro.
Stillschweigen über die finanziellen Details
Ein Sprecher der Gewerkschaft IG Metall bezeichnete die Tatsache, dass 2000 Stellen bei HKM abgebaut werden, als „bedauerlich“, ließ aber erkennen, dass auch die Arbeitnehmerseite die Einigung im Grundsatz akzeptiert. Es sei „positiv, dass der Standort erhalten bleibt mit immerhin rund 1000 gut abgesicherten Arbeitsplätzen“.
Über die finanziellen Details des Übergangs von HKM an Salzgitter sei Stillschweigen vereinbart worden, hieß es von den Beteiligten. Alle drei bisherigen Eigentümer – auch Salzgitter selbst – zahlten „eine Art Mitgift“ für HKM, um den Umbau des Werks finanzieren zu können und den Stellenabbau sozialverträglich zu gestalten, sagte ein Salzgitter-Sprecher lediglich. Die Auswirkungen der HKM-Übernahme auf die Umsatz- und Ergebnisprognose von Salzgitter werde das Unternehmen gemeinsam mit seinen Halbjahreszahlen in der zweiten Augustwoche benennen, heißt es in der Mitteilung.
