Weiße Fassaden, große Fenster und eine weitläufige Sicht aufs Meer. Eileen Gray baute den Rückzugsort in Roquebrune-Cap-Martin 1929 für den fünfzehn Jahre jüngeren Jean Badovici, Chefredakteur der Zeitschrift „L’Architecture Vivante“. Die irische Designerin taufte ihr erstes Haus, das einem gestrandeten Passagierschiff ähnelte, auf den Namen E.1027 – eine Verschlüsselung ihrer beider Initialen. Versteckt sollte es sein und auf keinen Fall der von Le Corbusier propagierten „Wohnmaschine“ ähneln.
Die Autodidaktin, die einer wohlhabenden adeligen Familie entstammte, finanzierte es selbst, obwohl die Beziehung vor der Fertigstellung in die Brüche ging. Ohnehin ermöglichte ihr ihre Herkunft ein Leben in Unabhängigkeit. Die drei Häuser ihres Œuvres waren ein Neubau, ein Aufbau und ein Ausbau. Eigenständiger sind ihre Möbelentwürfe, die erst zu Grays Lebensende in Serienproduktion gingen.

„Ein Zimmer, das nur für Albträume und Schlaflosigkeit geeignet ist.“ So abwertend kommentierte ein Kritiker ihren Schlafzimmerentwurf von 1923, der im 14. Salon de la Société des Artistes Décorateurs in Paris präsentiert wurde. Viele Jahrzehnte später dokumentierte die Versteigerung des „Serpent-Sessels“ aus dem Besitz von Yves Saint Laurent für 21,9 Millionen Euro eine Wertschätzung, die Gray zeitlebens verwehrt blieb, was nicht zuletzt auch mit egomanischen Männern wie Le Corbusier zu tun hatte. Dass Badovici den Großarchitekten irgendwann in seine Villa einlud, erwies sich als Fehler, denn Le Corbusier ertrug es nicht, dass einer Frau, die bisher Teppiche, Beistelltische und Leuchten entworfen hatte, dieses Gesamtkunstwerk gelungen war, zumal in einem Stil, den er für seinen eigenen hielt. Als sie auszog, malte er bunte Fresken nackter Frauen auf die weißen Wände. Gray bezeichnete die Aneignung als Vandalismus und verlangte, er solle die Wände zurückstreichen. Le Corbusier baute stattdessen direkt hinter E.1027 seine Holzhütte Le Cabanon, womit er der Konkurrentin die Aura des Geländes streitig machte.
Lange unterschätzt und vergessen, herrscht an filmischen und literarischen Auseinandersetzungen mit Gray inzwischen eigentlich kein Mangel, angefangen beim Standardwerk „Eileen Gray: Her Life and Work“ ihres Freundes Peter Adam bis zu Jennifer Goffs Biographie „Eileen Gray, Her Work and Her World“. Die Kuratorin der Eileen-Gray-Sammlung im Nationalmuseum von Irland glänzte durch eine detektivische Recherche. Denn geplagt von Zweifeln und mangelnder Anerkennung vernichtete Gray selbst einen Teil ihres Werks.
Die Galerie von Jean Désert
Beide Biographen beschrieben Gray als Einzelgängerin und berichteten von ihrer Bisexualität, den Rekordpreisen bei Auktionen und Le Corbusiers Rivalität. Indem sie die Schriftsteller, Maler, Philosophen, Designer und Architekten erwähnten, mit denen Gray in Kontakt stand, arbeiteten sie auch die vielen Strömungen heraus, auf die sie reagierte. Ganz zu schweigen von der mondänen Klientel, die in ihrer 1922 unter dem männlichen Pseudonym Jean Désert gegründeten Galerie einkaufte.
Auf diese Fülle an Begegnungen verzichtet Charlotte Kerner in ihrer handlichen Biographie, bei der es sich um eine erweiterte Fassung von „Die Nonkonformistin“ von 2002 handelt. Die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren nicht realisierten Projekte, von Arbeiterwohnungen über eine Ferienanlage bis hin zu einem Kulturzentrum, kommen nur am Rande vor. Die Autorin zitiert lieber Peter Adam und sucht nach dem menschlichen Faktor, wenn sie von den Liebschaften der Studentin und angehenden Geschäftsfrau erzählt, nächtlichen Barbesuchen und dem Eintauchen in lesbische Frauenzirkel nach Kriegsende – fast als handelte es sich um eine Romanfigur. Reflektierter gelingen Kerner die Abschnitte über Grays innovative Arbeitsweise. Auch die Passagen über die Zusammenarbeit mit Badovici sind überzeugend mit dessen Wirken verwoben. Er hatte sich früh für Gray eingesetzt und sie gedrängt, auch zu bauen, statt ihre Zeit mit Möbeln zu vergeuden.
Kerners Buch ergänzt die Literatur über Gray, setzt aber keine neuen Maßstäbe. So erhellend die Einblicke in ihre zurückgezogene Existenz im Alter, ihren trockenen Humor über die zunehmende Gebrechlichkeit und die Frustration über die viel zu späte Wiederentdeckung im Einzelnen sind, so wenig überzeugen gegen Ende die selbstbezüglichen Reiseschilderungen der Autorin auf den Spuren ihrer Heldin.
Charlotte Kerner: „Pionierin der Moderne“. Die Architektin und Designerin Eileen Gray. Eine Biografie. E.A. Seemann Verlag, Leipzig 2026. 272 S., Abb., geb., 26,– €.
