Ein bisschen Mut braucht es schon für den Spaziergang in die Südsee. Vom Darmstädter Marktplatz sind es nur ein paar Schritte, um in eine andere Welt zu kommen. Dort schaukelt ein altes Boot, die Bora Queen, im flachen Wasser. Kinder und Erwachsene gehen mit zögernden Schritten über schwankende und kippelnde Stege – und müssen aufpassen, dass sie dabei nicht nass werden. Denn immer wieder steigen Wasserfontänen über den Wegen auf. Mit diesem Spaziergang können die Gäste des Heinerfests am Freitag den ersten Nachmittag des Stadtfestes der Darmstädter beginnen.
Nebenan geht es sanft aufwärts. In den Gondeln des Riesenrads, die mit bayerischen Mustern in Weiß und Blau bemalt sind, dauert es nur ein paar Sekunden, um das Residenzschloss und seine verwinkelte Dachlandschaft von oben zu sehen. Nach ein paar Sekunden mehr kommt das Landesmuseum mit seinem Türmchen in den Blick und schließlich der Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe, dessen Dach sich wie die fünf Finger einer ausgestreckten Hand in den bedeckten Himmel reckt. In der anderen Richtung erhebt sich das Hochhaus der Hochschule Darmstadt aus dem Westen der Stadt.
Fest sollte Menschen nach dem Krieg Hoffnung geben
Die Buden und Fahrgeschäfte öffnen an diesem Donnerstag schon, bevor um kurz nach 18 Uhr im Biergarten auf dem Karolinenplatz die offizielle Eröffnungsfeier beginnt. Festpräsident Felix Hotz macht darauf aufmerksam, dass das Volksfest von einem Verein, dem Heimatverein Darmstädter Heiner, organisiert wird. Und dass der Verein, in dem Ehrenamtliche die Arbeit machen, auf Sponsoren angewiesen ist.

Als nächster ist Oberbürgermeister Hanno Benz (SPD) an der Reihe. „Dieses Jahr ohne Schlossgespenst“, sagt er. Mit dieser Bemerkung spielt der Rathauschef darauf an, dass das Fest nicht, wie es lange zur Tradition gehörte, im Glockenhof des Schlosses eröffnet wird. Denn der Schlosshof steht in diesem Jahr nicht zur Verfügung, die Ausgaben für die Sicherheit wären zu teuer gewesen. Benz beschwört die Gemeinschaft, für die das Volksfest stehe, das in der Nachkriegszeit erfunden worden sei, um den Menschen wieder Hoffnung zu geben. Heute noch entstünden auf dem Heinerfest Freundschaften, die ein Leben lang hielten. Namensgebend sind die „Heiner“, wie die echten Darmstädter genannt werden.
Bei der Eröffnung des Festes wird wie in jedem Jahr der Ehrentitel „Bekennender Heiner“ an eine Person vergeben, die sich um die Stadt verdient gemacht hat. In diesem Jahr geht die Auszeichnung an Anne Baumann, die beim Fußballclub SV Darmstadt 98 die Finanzen verantwortet.
Dann bekommt der Oberbürgermeister nochmal einen Auftritt: Nachdem er eine Schürze angezogen hat, bekommt er den Holzhammer für den Bieranstich in die Hand gedrückt. Vier Schläge braucht Benz. Dann kann das Heinerfest erst richtig losgehen, das bis Montag dauert und die ganze Innenstadt in Beschlag nimmt – vom Marktplatz über die Landgraf-Georg-Straße bis zum Mercksplatz.
