
Der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer gliedert sein Glyphosatgeschäft in Amerika in ein neues Unternehmen aus. Die Tochtergesellschaft Ruveon bleibt Teil des Konzerns und hat ihren Sitz ebenfalls in St. Louis im Bundesstaat Missouri, wo auch der amerikanische Saatgutkonzern Monsanto herkommt, den Bayer einst für 63 Milliarden Dollar übernommen hat.
Die Ausgliederung habe das Ziel, „das Geschäft optimal auf die spezifischen Anforderungen des US-Marktes auszurichten“, teilte Bayer mit. Das Glyphosatgeschäft in anderen Ländern bleibt weiterhin Teil der klassischen Agrarsparte des Leverkusener Konzerns.
Mit dem Schritt will Bayer die Rechtsrisiken rund um das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel weiter eindämmen. Der Vorstandsvorsitzende Bill Anderson hatte angekündigt, das Risiko bis Ende des Jahres „signifikant zu reduzieren“. Die Trennung des Glyphosatgeschäftes könnte man auch als ein Signal in Richtung der Investoren verstehen, dass dieser Bereich vom restlichen Kern Bayers unabhängig wird. Was wiederum für die Bewertung der Aktie relevant sein könnte und es dem Unternehmen erleichtert, sich schneller von Glyphosat zu trennen, falls das nötig werden sollte.
In den Rechtsstreitigkeiten rund um die angeblich krebserregende Wirkung von Glyphosat hatte Anderson in der Vergangenheit schon mehrfach damit gedroht, Glyphosat in den USA vom Markt zu nehmen, wenn es keine sichere Perspektive gebe, um das Mittel zu vertreiben. Das Pflanzenschutzmittel kommt allerdings sonst nur aus China in die USA, was zu Abhängigkeiten führen könnte. Anderson spielt die Karte der Versorgungssicherheit schon lange offensiv aus und hat die Landwirte hinter sich.
Auch Trump findet Glyphosat wichtig
Und auch den Präsidenten der Vereinigten Staaten: So hatte Donald Trump per Dekret glyphosatbasierte Pflanzenschutzmittel als elementar für die nationale Sicherheit eingestuft. Dadurch werden die Produktion und der dafür notwendige Abbau von Phosphatgestein im „Defense Production Act“ aufgenommen. Dieser verpflichtet die heimische Industrie, Güter für die nationale Verteidigung oder für andere Engpässe zu priorisieren und zu produzieren. Das gibt Glyphosat eine ganz neue Bedeutung.
Andererseits gibt es in den USA auch jenseits der Rechtsrisiken für Bayer Herausforderungen rund um Glyphosat. Der Patentschutz ist längst abgelaufen, und der Preisdruck aus Asien ist hoch. Glyphosathaltige Produkte sind für Bayer wichtig, aber sie stehen nur für rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz. Wie viel Anteil die USA daran haben, ist nicht bekannt. Die gesamte Agrarsparte erlöste 2025 knapp 21,6 Milliarden Euro. „Als eigenständige Einheit kann Ruveon agiler handeln und damit den spezifischen Wettbewerbsdynamiken in dem durch Generika geprägten Markt besser begegnen“, heißt es in der Mitteilung.
Der Druck aus China ist hoch
Wegen Glyphosatimporten chinesischer Unternehmen fordert Ruveon von der Regierung Antidumping- und Ausgleichszölle, wie aus Anträgen an das US-Handelsministerium und die US-Außenhandelskommission hervorgeht. In einem offenen Brief auf seiner Internetseite schreibt das Unternehmen von einer „räuberischen Praxis“ von chinesischen Glyphosatherstellern, die gestützt durch staatliche Subventionen versuchten, einheimische Hersteller zu unterbieten „und sie letztendlich vom Markt zu verdrängen“. Neben der Preisgestaltung, dem Vertrieb und der Produktion sind solche Lobbyaufgaben künftig in der neuen Gesellschaft gebündelt.
Die Ausgliederung des Glyphosatgeschäfts ist der nächste Schritt eines Fünfjahresplans für die Agrarsparte, die wettbewerbsfähiger werden soll. Dabei entwickelt das Unternehmen etwa neues Saatgut und Pflanzenschutzmittel, es will die Kosten senken und mit innovativen Produkten die Margen steigern. Das soll die Abhängigkeit von Glyphosat auch reduzieren.
Die Deutsche Bank geht in einer neuen Studie davon aus, dass die Glyphosat-Rechtsrisiken zunehmend beherrschbar erscheinen und auch zu erwarten sei, dass sich das operative Geschäft Bayers besser entwickele. Daher stellen die Analysten gar nicht mehr die Frage, ob Bayer sein Geschäft irgendwann aufspalte, sondern nur, wann und in welcher Form. Die Studienautoren kalkulieren mit einem aktuellen Abschlag von 20 Prozent auf den Aktienkurs Bayers, weil das Unternehmen sich in einer Konglomeratsstruktur befinde. Dahinter steht die Erwartung, dass die Sparten eines Unternehmens an der Börse einzeln mehr wert sind als in der Summe.
Analysten sehen Abspaltung der Agrarsparte als Möglichkeit
Neben einem Verkauf der Konsumentensparte mit den rezeptfreien Produkten wie Aspirin können die Deutsche-Bank-Analysten sich auch vorstellen, dass Bayer seine Agrarsparte ohne den Glyphosatbereich abspaltet. Für dieses Szenario sehen die Analysten einen möglichen Kurs von 84 Euro, aktuell kostet eine Aktie etwas mehr als 52 Euro. Die Deutsche Bank hob aber am Donnerstag auch ihr Kursziel für Bayer auf 60 Euro an und änderte die Empfehlung von „Halten“ auf „Kaufen“. Der Aktienkurs von Bayer lag am Donnerstag mehr als sechs Prozent im Plus.
Die Aktie wird derzeit von der Hoffnung getragen, dass die milliardenschwere Belastung durch Glyphosat für Bayer zu einem Ende kommen kann. Mehr als zehn Milliarden Euro hat das Unternehmen schon bezahlt und rechnet mit Belastungen in ähnlicher Größenordnung.
Vor einer Woche hatte der Supreme Court, das höchste amerikanische Gericht, im Sinne Bayers geurteilt. Und damit Tausenden Klagen wegen angeblich unzureichender Krebs-Warnhinweise die Grundlage entzogen. Davon verspricht sich Bayer auch weniger zukünftige Klagen. Jetzt wartet das Unternehmen noch auf die gerichtliche Zustimmung zu einem Vergleich in Höhe von 7,25 Milliarden Dollar, der die noch offenen 67.000 Klagen weitgehend beilegen soll.
