Na, wen haben wir denn da?! Blauer Hosenanzug, wallendes brünettes Haar, eine Handvoll Begleiter um sich geschart. Genau, die Prinzessin von Wales kam nach Wimbledon, sah hierhin und dorthin und ging, ohne ein Auge auf die starken deutschen Tennisherren geworfen zu haben. Schade eigentlich, denn Ihre Hoheit verpasste so einiges, was sie ihren alten Tennisfreundinnen aus dem honorigen Londoner Queen’s Club hätte flüstern können.
Hätte sich Catherine auf den engen Court No. 12 gedrängt, wären ihr Jan-Lennard Struffs krachende Aufschläge aufgefallen. 45 Asse servierte der Warsteiner bei seinem Zweitrundenmatch gegen den Amerikaner Brandon Nakshima, das am Vorabend wegen Dunkelheit unterbrochen und am Donnerstagmittag fortgesetzt wurde. Struff bezwang den gesetzten Amerikaner 4:6, 7:6 (8:6), 7:6 (7:5), 6:7 (6:8), 7:6 (10:7) und trifft an diesem Freitag in der dritten Runde auf den Weltranglistenneunten Daniil Medwedew aus Russland.

Wäre die Prinzessin von Wales anschließend zum Court No.1 flaniert, statt sich der Sonne und den erfolglosen englischen Tennisprofis auszusetzen, dann hätte sie Alexander Zverevs Souveränität bestaunen können. Zumindest knapp zwei Stunden spielte der frisch gekürte French-Open-Sieger gegen den Franzosen Valentin Royer wie eine Tennishoheit und gewann 6:1, 6:3, 7:6 (7:3).
„Es ist schön, auf etwas leichtere Art zu gewinnen“
„Zweieinhalb Sätze lang habe ich ein fast perfektes Match gespielt“, lobte sich der Weltranglistendritte zu Recht selbst: „Dann habe ich ein bisschen die Konzentration verloren.“ So etwas passiert schon mal, wenn alles zu leicht von der Hand geht. Des eigentlich unnötigen Tiebreaks gegen den Franzosen, dem die Waffen fehlten, um zur Gefahr fürs Weiterkommen zu werden, entledigte sich der Hamburger wieder in gewohnter Manier.
Bei der anschließenden Siegerrede gab sich Zverev launig wie gewohnt, wenn er zwei erfolgreiche Arbeitsstunden hinter sich hat. „Es ist schön, auf etwas leichtere Art zu gewinnen“, sagte der Neunundzwanzigjährige: „Ich komme in ein Alter, in dem man Kraft sparen will.“
Morgen kann er die Beine hochlegen, am Samstag wartet dann im Amerikaner Marcos Giron einer, der sich in der Weltrangliste auch in anderen Gefilden aufhält als Alexander Zverev. Er ist Nummer 92. Dass das Tableau offen ist für den Grand-Slam-Champion, interessiert ihn nicht. Er habe in Wimbledon nur einmal gegen einen Top-Ten-Spieler verloren, ansonsten gegen mutmaßlich schwächere Profis. Sollte Zverev das nächste Match gegen Giro gewinnen und ins Achtelfinale einziehen, hätte er sein bislang bestes Ergebnis immerhin schon erreicht.
Struff trotzt den Widerständen
Apropos Alter und Ausruhen: Was soll der 36 Jahre alte Struff sagen, der mit Nakashima insgesamt 4:21 Stunden auf dem Platz stand und es auch bei der Fortsetzung am Donnerstag viel spannender machte. Nachdem er sein Aufschlagspiel zum 3:4 verloren hatte, schien das Match zu Ungunsten des Deutschen zu laufen. Doch zum allerletzten Zeitpunkt, als nämlich Nakashima zum Matchgewinn servierte, verwertete der Warsteiner erstmals einen Breakball. „Der war gut gespielt und sehr mutig“, sagte Struff: „Manchmal läuft es halt.“
Als der Satz in den Tiebreak ging, lag Struff nach 4:2-Führung plötzlich 4:7 zurück. Doch blieb er unter der prallen Londoner Sonne cool, gewann sechs Punkte in Folge und sicherte sich mit einer krachenden Vorhand den Einzug in die dritte Runde. Er freue sich auch, dass er nebenbei das Aufschlägerduell mit 43 zu 41 Assen gegen Nakashima gewonnen habe. Ein weiterer Matchgewinn, und er wäre in Wimbledon so weit wie nie zuvor. „Natürlich möchte ich jetzt zum ersten Mal einen Schritt in die vierte Runde gehen“, sagte Struff. Dafür will er dem Russen mit Respekt, aber ohne Flattern begegnen. Es brauche „den Glauben zu haben, ihn zu schlagen“.
Was die Prinzessin von Wales auch noch verpasst hat: Die Niederlage von Struffs Doppelpartner Yannick Hanfmann gegen den Russen Karen Chatschanow mit 3:6, 4:6, 4:6.
