Es war keine Übertreibung, als das Neu-Isenburger Anzeigeblatt im Sommer 1926 schrieb: „Unser Schwimmbad ist ein Kind der Not.“ Denn eine Erfolgsgeschichte war es erst in zweiter Linie. Noch Mitte der Zwanzigerjahre hatte die Stadt mit den Spätfolgen der Hyperinflation zu kämpfen. Immer noch herrschten dort Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Keine andere Kommune im damaligen Volksstaat Hessen oder der angrenzenden Provinz Hessen-Nassau hatte vergleichbar hohe Arbeitslosenzahlen. In erster Linie sollte das Waldschwimmbad diese Not überwinden, als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
Das ist etwas Ungewöhnliches. Zwar entstanden zu dieser Zeit in ganz Deutschland die modernen Freibäder, wie man sie heute kennt: mit meist zwei Schwimmbecken und Sprungtürmen, beheiztem Badewasser und einer großen Liegewiese – allerdings war das im Allgemeinen ein Zeichen dafür, dass die Krisen überstanden waren. Politisch wie wirtschaftlich hatte sich die Weimarer Republik Mitte der Zwanzigerjahre gefestigt. Statt in der Hyperinflation Not zu leiden oder politische Kämpfe auszutragen, konnten die Menschen eine Rückkehr ins Private feiern. Auch sonst zeigen sich am Freibad zentrale Entwicklungen jener Zeit: zunächst die fortschreitende Verstädterung, gegen die das Freibad einen Kontrapunkt setzte – eine Bademöglichkeit in Stadtnähe –, dann die sogenannte Lebensreformbewegung, die unter anderem regelmäßigen Sport als gesundheitsförderlich pries, und schließlich auch die Demokratisierung Deutschlands, mit der nun breitere Bevölkerungsschichten in den Fokus rückten, insbesondere durch das Frauenwahlrecht.
Arbeiter benötigen nur elf Wochen für Bau des Freibades
In Neu-Isenburg dagegen dauerte die Krise an. Statt eine wirtschaftliche Stabilisierung auszudrücken, sollte das Waldschwimmbad diese Stabilisierung erst noch herstellen. Städtebaulich wären neue Straßen oder Wohnungen notwendiger gewesen. Um diese zu bauen, hätte man allerdings Facharbeiter einsetzen müssen. Bei einem Freibad war das anders. Erde auszuheben, Beton zu mischen und zu transportieren – das konnten auch ungelernte Arbeitskräfte, die sogenannten Notstandsarbeiter.
Dass man diese „Notstandsarbeiter“ einsetzen wollte, brachte auch der Stadt gleich mehrere Vorteile. Zum einen senkte es die Sozialausgaben, zum anderen brachte es einen umfangreichen staatlichen Zuschuss und sogar ein zinsgünstiges Darlehen über 80 Prozent der Baukosten. Davon schreibt die Neu-Isenburger Historikerin Heidi Fogel in ihrer Festschrift: „Seit 100 Jahren ein Lieblingsort. Das WaldSchwimmbad Neu-Isenburg. 1926-2026“.

Am 12. April 1926 begann der Bau. Nach einigen Überlegungen hatte man sich für einen Standort im Osten Neu-Isenburgs entschieden, nahe dem Wasserwerk. Das brachte Vorteile für die Zu- und Ableitung des Badewassers. Dass das Baugrundstück außerdem bereits der Stadt gehörte, sparte weitere Kosten. Im Zwei-Schicht-Betrieb errichteten sodann zehn Fach- und 70 Notstandsarbeiter das Waldschwimmbad in nur elf Wochen. Die Einweihung am 27. Juni 1926 feierte die Stadt als ein Großereignis: Zum Programm gehörten ein Festumzug, Musik und Gesang, Wasserspiele und Lampion-Schwimmen, Vorführungen lokaler Sportvereine und ein Feuerwerk. 9300 Eintrittskarten wurden am Tag der Eröffnungsfeier verkauft, 25 Pfennig für Erwachsene und zehn Pfennig für Kinder. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 13.000 Menschen lässt sich sagen: Fast ganz Neu-Isenburg nahm an der Eröffnung teil.
Entsprechend euphorisch liest sich der Bericht des Neu-Isenburger Anzeigeblatts: „Wie gefällig ruht der Blick auf der bewegten Wasserfläche, deren Abschluß von dem tempelartig wirkenden Sprungturm gebildet wird, und welch freundliches Bild bieten die Garderobe- und Umkleideräume in ihrer Farbenbuntheit und geschmackvollen Architektur.“ Mit seinen beiden Schwimmbecken, unterteilt in Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken, acht Schwimmbahnen, mehreren Sprungtürmen zu einem, drei und fünf Metern sowie einer weitläufigen Liegewiese und einem Spielgelände war das Waldschwimmbad sowohl für die Freizeit als auch für Sportwettkämpfe geeignet, eines der modernsten Freibäder im damaligen Deutschland.
Das Neu-Isenburger Anzeigeblatt nannte dabei auch die Vorlage, an dem man sich beim Bau orientierte: das Frankfurter Stadionbad. Dieses war erst im Jahr zuvor eröffnet worden. „Jedoch wurden bei unserem Becken mancherlei technische Verbesserungen, die sich aus den in Frankfurt a.M. gesammelten Erfahrungen ergaben, angebracht“, hieß es im Neu-Isenburger Anzeigeblatt. Im zweiten Betriebsjahr wurden eine Heizung und eine Wasseraufbereitungsanlage nachgerüstet, um die Temperatur stabil zu halten, vor allem aber, um der Algen- und Bakterienbildung entgegenzuwirken. Das dafür erforderliche neue Gebäude umfasste außerdem ein Restaurant sowie Wohnungen für den Wirt und den Bademeister. Der höhere Standard schlug sich nur moderat im Preis nieder: Lediglich Erwachsene zahlten von der zweiten Badesaison an fünf Pfennig mehr für ihren Eintritt. Das Restaurant entwickelte sich indes zu einem beliebten Ort für Tanzabende, Konzerte und Vereinsfeiern. Für Besucher aus den umliegenden Orten wurde 1930 sogar ein Pendelbusverkehr eingerichtet.
Waldschwimmbad wird zum Sperrgebiet
Das Waldschwimmbad erfüllte damit in hohem Maße, was man sich davon erhofft hatte: Es stabilisierte die wirtschaftliche Situation, schuf einen Begegnungsort für alle Mitglieder der Stadtgesellschaft und zeigte damit ebenfalls, dass sich die Demokratie allmählich festigte. Das entsprach genau dem Ziel des damaligen Bürgermeisters, Wilhelm Arnoul. Stehen schon die beiden Schwimmbäder, das Frankfurter Stadionbad und das Waldschwimmbad Neu-Isenburg, in einem Verhältnis zueinander, kann man auch die beiden damaligen Bürgermeister Frankfurts und Neu-Isenburgs in ein Verhältnis setzen und behaupten: Was Ludwig Landmann zu dieser Zeit für Frankfurt war, war Wilhelm Arnoul für Neu-Isenburg – ein Mitte-links-Politiker mit demokratischer Grundüberzeugung und wirtschaftlichem Weitblick.

Die Parallelen zeigen sich sogar zeitlich: Beide, Ludwig Landmann und Wilhelm Arnoul, kamen 1924 in ihr jeweiliges Amt. Beide verloren ihre Ämter 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Beide flohen darauf ins Exil. Während Ludwig Landmann allerdings noch wenige Wochen vor dem Kriegsende untergetaucht starb, konnte Wilhelm Arnoul nach 1945 an seine politische Karriere anknüpfen.
Dass Schwimmbäder allen offen stehen und unpolitische Orte sind, veränderte sich im Nationalsozialismus. Auch in ihnen hielt die Ideologie Einzug. Unmittelbar nach ihrer Machtübernahme, am 1. Mai 1933, inszenierte die lokale NSDAP im Waldschwimmbad ihren „Tag der nationalen Arbeit“. Im Juni 1934 veranstalteten sie dort die „Reichsschwimmwoche“, die in Teilen dazu diente, Werbung für die SA sowie den Wehrsport zu machen. Wie überall im NS-Staat wurden von 1938 an auch im Waldschwimmbad Neu-Isenburg Juden vom Besuch ausgeschlossen.
Nach dem Kriegsende erklärten die US-amerikanischen Besatzer das Waldschwimmbad zum Sperrgebiet. Erst nach langem Bemühen der Stadtverwaltung, des Kreis- und Landtages sowie großem Unmut in der Neu-Isenburger Bevölkerung wurde das Bad 1951 wieder für die Bürger geöffnet – zunächst noch eingeschränkt, aber zusehends wieder unter der Kontrolle der Stadt. Nur das Schwimmbadrestaurant, in dem die US-Amerikaner ein Unteroffizierskasino eingerichtet hatten, blieb vorerst besetzt. 1954 gaben die Besatzer das Schwimmbad vollständig zurück. Der frisch gewählte Bürgermeister war inzwischen Wilhelm Arnouls Bruder, Ludwig Arnoul (SPD).

Es folgten bauliche Erweiterungen und Veränderungen, etwa der Anbau eines Hallenbads, Neubau der Eingangshalle und Umbau der Schwimmanlagen. Ein Sorgenkind blieb dagegen das Restaurant. Dieses konnte sich nicht mehr halten. Zwischenzeitlich fanden im Gebäude Discoabende, Feste oder Abschlussfeiern statt. Später scheiterten gleich zwei neue Restaurants nacheinander. Schließlich entschloss die Stadt sich zum Verkauf des Gebäudes. Seit 2015 dient es als Büro.
Grundlegend geändert hat sich seit den Zwanzigerjahren auch die Rentabilität der Schwimmbäder. Während sie in dieser Anfangszeit oft kräftige Gewinne abwarfen, kosten sie inzwischen mehr Geld, als sie erwirtschaften. Sanierungsstau und Personalmangel tun ein Übriges: Immer stärker geraten öffentliche Schwimmbäder unter Druck und müssen schließen. Auch die Öffnungszeiten werden entsprechend immer mehr verknappt. Vielfach ist von einem Bädersterben die Rede.
Dabei wird es gerade im fortschreitenden Klimawandel mit seinen zunehmenden Hitzephasen immer wichtiger, für öffentliche Abkühlung zu sorgen. So setzt etwa die Stadt Barcelona bis 2035 einen Plan zur Anpassung an den Klimawandel um und gilt damit als Vorreiter. Ein Teil des Projekts: die Grünflächen erweitern und mehr Orte für Abkühlung schaffen. Beides bieten Freibäder. Insofern werden sie womöglich in den nächsten Jahren immer wichtiger werden, um mit dem Klimawandel zu leben.
Für die nächsten Jahre stellt sich für das Waldschwimmbad Neu-Isenburg vor allem die Aufgabe, sparsamer zu werden beziehungsweise sich in das Klimaschutzkonzept Neu-Isenburgs einzufügen. Denn bis 2045 möchte die Stadt klimaneutral werden. Das betrifft auch das Heizen und Reinigen des Badewassers. Trotz dieser aktuellen Fragen zieht Heidi Fogel in ihrer Festschrift ein positives Fazit. Im Gegensatz zu vielen anderen Bädern sei das Waldschwimmbad in einem guten Zustand. Auch in Zukunft werde es sich mit der Stadt entwickeln. Sie schreibt: „Das Bad hat vor einem Jahrhundert die Herzen der Neu-Isenburgerinnen und Neu-Isenburger erobert – und dort soll es auch bleiben.“
