Der Mann aus dem Medienteam musste die Menschen enttäuschen, die sich da hinter der Absperrung knubbelten. „Balogun darf nicht“, sagte er zu den amerikanischen Journalisten. FIFA-Regeln, nichts zu machen: Am Ende eines Spiels darf offenbar nur sprechen, wer dieses Spiel auch zu Ende spielen durfte. Sie mussten also ohne die Stimme des Mannes auskommen, der nach diesem 2:0, dem ersten Sieg der USA in einem K.-o.-Spiel seit 24 Jahren, die interessanteste Geschichte zu erzählen hatte.
Siege, die brauche es, damit sich die Menschen in den USA für seine Fußballmannschaft begeistern, hatte Mauricio Pochettino zum Beginn dieser WM gesagt. Leidenschaftlich müsse seine Mannschaft spielen, eine Verbindung zu den Leuten schaffen. Was er nicht sagte, was es aber immer auch braucht bei so einem Turnier: Geschichten, über die man morgens tratschen kann, in der Schlange beim Bagelkaufen. Erst recht in der größten Contentnation der Welt, in der selbst der Präsident fast minütlich neuen Stoff für die Bagelschlangen des Landes in die Welt brüllt.
Derjenige, der eine solche Geschichte geliefert hat bei diesem 2:0 über Bosnien und Hercegovina, war Falorin Balogun. Wer ihn bisher noch nicht kannte in den USA, trotz der beiden Tore im ersten und der Torvorlage im zweiten WM-Spiel, wird seinen Namen nun am nächsten Morgen zugeraunt bekommen. Weil sein Name in diesem Spiel der war, um den sich vieles drehte, auf unterschiedliche Arten. Und weil sein Name, wenn es schlecht läuft für die USA, auch in der Geschichte des nächsten Spiels ein entscheidender sein könnte.
Als es Viertel vor sechs war am Mittwochabend in Santa Clara, wurde Baloguns Name zunächst einmal sehr laut Richtung Rasen gebrüllt. Er war mal wieder zu schnell losgestürmt für die zwei Verteidiger rechts und links von ihm, er erreichte den Ball als Erster, den Malik Tillman von Bayer Leverkusen in den Strafraum gepasst hatte. Und weil er seinen Oberkörper so geschwind vor den Ball schob, dass er damit den Weg von Tarik Muharemović versperrte, konnte er ihn kurz vor der Halbzeit mit dem linken Fuß ins Tor schieben.
Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass Balogun in Santa Clara ausgerufen wurde. Eine Viertelstunde zuvor hatten sie dort schon einmal seinen Namen gebrüllt, weil der Ball ins Tor geflogen war, nur hatte sich Balogun zu spät aus dem Abseits bewegt. Und eine halbe Stunde später, als etwas mehr als eine Stunde Spielzeit vergangen war, rief der Schiedsrichter ihn über sein Mikrofon aus.
Diesmal hatte Balogun seinem Gegner nicht den Weg versperrt, er war auf dessen Knöchel getreten. Als der brasilianische Schiedsrichter dann „Number 20, United States“ sagte und dorthin griff, wo die Rote Karte steckt, war klar, dass Baloguns Name auf der Liste der Spieler fehlen wird, die im Achtelfinale gegen Belgien (Dienstag, 2 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV) auf dem Rasen stehen dürfen.
Es könnte das Spiel werden, in dem jene Frage beantwortet wird, die sie sich in den Vereinigten Staaten gerade stellen: wie gut diese Mannschaft denn nun ist. Der Gegner, gegen den sie dann spielen werden, mag nicht mehr zu den besten, aber immerhin noch zu den besseren in Europa zählen.
Dieses US-Team ist derzeit besser als manch „große“ Mannschaft
Am Mittwoch stand ihnen erst einmal ein Gegner gegenüber, der sie noch nicht wirklich herausforderte. Wie zehn Bowlingpins stellten sich die Bosnier in der eigenen Hälfte auf; ein blaues Dreieck, das sich über den Rasen schob, immer dem Ball hinterher, immer verteidigend. Aber da die Bosnier das Verschieben und Verteidigen schon können, und die Amerikaner damit trotzdem sehr wenig Probleme hatten, kann man nach diesem Spiel schon sagen: Dieses US-Team ist derzeit besser als manch eine Mannschaft, die aus einer größeren Fußballnation kommt. Einfallsreicher, spielfreudiger, organisierter. Auch wenn der Gegner die Räume für Pässe und Ideen ganz ordentlich verengt, hat immer jemand einen Einfall.
Mal ist das Chris Adams, der den Ball über die Abwehr hebt, mal ist es Weston McKennie, der ihn zwischen den Abwehrbeinen hindurchschiebt, oder Malik Tillman, der ihn mit der Hacke weiterleitet. Warum sie gerne mit so viel Flair spielen würden, mit Kombinationen und Hackentricks, wurde Tillman hinterher gefragt. Da musste er lachen. „Weil es die beste Art ist, Fußball zu spielen“, sagte er.
Wer spielt gegen Belgien für Balogun?
Weil sie alle gern auffällig gewitzt spielen, behaupteten sie hinterher auch, es sei gar nicht so gravierend, dass der bisher Auffälligste von ihnen gegen Belgien nun fehlen wird. Wer auch immer nun für ihn spielen werde, werde einen ebenso guten Job machen wie Balogun, sagte Chris Richards hinterher, der die amerikanische Innenverteidigung dirigiert.
Er wird selber wissen, dass das nicht stimmt. Aber sie haben eben auch ein anderes Selbstverständnis gewonnen in den vergangenen drei Wochen, die Spieler in den gestreiften Trikots. Es habe eine Menge Fragen zu dieser Mannschaft gegeben vor diesem Turnier, sagte Richards. „Spiel für Spiel haben wir die Leute eines Besseren belehrt.“
Keine Angst vor einem möglichen Ausgleich
Sie haben nun obendrein noch die Geschichten dieses Spiels, die sich die Leute über ihre Mannschaft erzählen können. Nicht nur die von Balogun, sondern auch die der anderen zehn. Die waren dann schließlich eine halbe Stunde lang ein Spieler weniger als der Gegner. Aber sie erzielten ein Tor statt eines zu kassieren, weil Malik Tillman kurz vor dem Ende einen Freistoß ins Tor schoss. Und sie schienen auch nie so wirklich Angst davor zu haben, dass dem Gegner nun der Ausgleich gelingen würde.
Das wird ihnen helfen in den kommenden Tagen, um noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu generieren, in einem Land, dessen Fußballenthusiasmus größer geworden ist, je länger dieses Turnier dauerte. Um noch ein bisschen mehr Zuneigung zu kreieren für diese Mannschaft und ihre Geschichten, bevor sie in der Nacht auf Dienstag (MESZ) auf den ersten ambitionierteren Gegner in diesem Turnier trifft.
Als sie den Rasen in Santa Clara am Mittwochabend verließ, da mischte die Stadionregie dem US-Patriotismus noch ein wenig Romantik bei. Durch die Sitzreihen der hochragenden Tribünen im Stadion von Santa Clara wehten nicht nur John Denvers Country Roads und Sweet Home Alabama, was man eben so spielt in den USA. Die Menschen in den rotweißen Trikots sollten zwischendurch auch ihr Team ein bisschen anschmachten. „I can’t help falling in love with you“, sangen sie. Das klang dann doch so, als hätten sich mittlerweile schon eine Menge Amerikaner in ihre Mannschaft verguckt.
