
In die alten Koffer, die ganz am Beginn der Ausstellung zu sehen sind, passt jeweils ein komplettes Theater: Figuren, Requisiten, Hintergründe. Mit ihnen reisten die Puppen- und Marionettenspieler einst durchs Land. Auf Jahrmärkten und in Wirtshäusern bauten sie ihre Guckkästen auf. Dort zeigten sie ihre Stücke, rissen ihre Witze, ließen sich feiern und verdienten, was sie zum Leben brauchten. Womit sie das Volk belustigten, gilt heute längst als Kunst: die Puppentheaterkultur.
An der Nahe hat man ihnen sogar ein Museum gewidmet. In einem alten, aufwendig sanierten Speicher kann man dort das Museum für Puppentheaterkultur der Stadt Bad Kreuznach besuchen. Unzählige Marionetten, Puppen und Schattenspielfiguren sind ausgestellt, auf mehreren Bildschirmen laufen Filmausschnitte. Manches kann man selbst ausprobieren. Auch Puppenspielaufführungen stehen regelmäßig auf dem Programm: Zum Museum gehört ein eigener Theaterraum.
Dass das Museum für Puppentheaterkultur entstand, hat mit einem besonderen Sammler zu tun, dem aus Westfalen stammenden Karl-Heinz Rother. Seine erste Kasperlepuppe bekam er als Zehnjähriger geschenkt, im Erwachsenenalter wurde aus seiner Liebe zum Puppenspiel eine exzessive Sammelleidenschaft. Auf etwa 2500 Stücke wuchs Rothers Sammlung im Laufe der Jahre an, vor allem Handpuppen und Marionetten aus dem 20. Jahrhundert erwarb er. Diese Sammlung hat schließlich das Land Rheinland-Pfalz übernommen. Das mit ihr bestückte Museum im früheren Speicherhaus in Bad Kreuznach konnte 2005 eröffnen.
Vom Schattentheater bis zum Grüffelo
Mittlerweile wurden viele weitere Puppen erworben. Gewachsen ist der Bestand aber auch, weil das Museum große Teile des Nachlasses des Marionettenspielers Albrecht Roser erhalten hat. Roser gilt als Legende der Puppenspielerkunst, sein Clown Gustaf und eine schrullige, schwäbelnde Oma machten ihn berühmt. Das Goethe-Institut schickte ihn sogar als Kulturbotschafter um die Welt: Mehrere Überseetourneen organisierte das Institut für den Puppenspieler.
Dass er im Ausland so gut ankam, hatte auch damit zu tun, dass seine Figuren auf der Bühne meistens ohne Text auskamen. Fernsehgeschichte schrieb Roser in den frühen Siebzigerjahren: Da lief die von ihm produzierte Verfilmung von Boy Lornsens Kinderbuch „Robbi, Tobbi und das Fliewatütt“. In der Ausstellung ist ihr ein eigenes Kapitel gewidmet.
Es gibt in der Schau vieles zu entdecken. Man erfährt dort vom japanischen Bunraku- und vom indonesischen Wayang-Spiel, lernt die Lebensläufe bekannter Puppenspieler aus Deutschland kennen, hört vom Aufstieg der Augsburger Puppenkiste oder stößt auf den Grüffelo. Mit einer Vielzahl von Puppen darf auch selbst gespielt werden. Ein Höhepunkt der Schau ist die wiederaufgebaute Werkstatt des Puppenbauers Till de Kock: Der niederländische Holzschnitzer hat jahrelang für die wichtigsten deutschen Puppentheaterbühnen gearbeitet.
Oft heißt es leichtfertig, dies oder das sei „ein perfekter Ort für Jung und Alt“. Für das Museum für Puppentheaterkultur aber trifft die Beschreibung tatsächlich zu. Selten findet man solche Orte, die Kinder wie Senioren gleichermaßen begeistern: Während die einen Spaß daran haben, sich im Spiel mit den Marionetten auszuprobieren, schwelgen die anderen dort in Nostalgie. So wird der Museumsausflug zum generationenübergreifenden Spaß.
