
Die Heilige Messe am Priesterseminar Herz Jesu der Piusbruderschaft in Zaitzkofen in der Oberpfalz fängt nicht einfach an. Ihr geht eine lange Prozession voraus, begleitet zunächst vom Gesang der Schola und später von Orgelmusik aus dem Lautsprecher. Zuerst kommen die Fahnenträger verschiedener katholischer Gemeinschaften und Bünde. Auch die Vertreter der Freiwilligen Feuerwehr von Zaitzkofen – Einwohnerzahl 240 – sowie einer Studentenverbindung schreiten mit ihren Farben über die Wiese und durch die Reihen der Gläubigen, die auf Bierbänken Platz genommen haben, vor den reich mit Blumengebinden geschmückten Altar. Dort senken sie ihre Banner, deuten einen Kniefall an und bekreuzigen sich, ehe sie ihre Fahnen in die bereitgestellten Halterungen pflanzen.
Der Altar ist auf der Rückseite des prächtigen Barockschlosses von Zaitzkofen aufgebaut. Zum Schutz vor der Sonne, die an diesem Samstag, dem Tag der allerseligsten Jungfrau Maria von der immerwährenden Hilfe, von einem wolkenlosen Himmel brennt, ist ein großer Baldachin aufgebaut. Die Gläubigen sitzen auf Bänken, denen die mächtigen Bäume im Schlosspark Schatten spenden. Für Trinkwasser ist gesorgt.
Sonntagskleider, Kniekissen, Lederhosen
Nach der schier endlosen Reihe von Priestern, Diakonen und Ordensmännern schreitet schließlich der Bischof heran. Er trägt eine prächtige Mitra, dazu eine reich bestickte Mozetta und eine schmuckvolle Stola. Wenn der Bischof – es handelt sich um den 69 Jahre alten Spanier Alfonso de Galarreta – an den Gläubigen vorbeischreitet, knien diese nieder. Es wird überhaupt viel und lang niedergekniet während der Messe, die sich über gut viereinhalb Stunden hinzieht und ausschließlich auf Latein zelebriert wird, ehe es endlich zur Spendung der Eucharistie kommt, ausschließlich in Mundkommunion. Viele haben sich Kniekissen mitgebracht. Die Stimmung ist festlich.
Alt und Jung trägt Sonntagskleidung. Bei den Frauen und Mädchen sind es mindestens knielange Kleider, gerne mit Blümchenmuster. Bei den Männern und Jungen sind es eine schwarze Stoff- oder die Lederhose, dazu das weiße Hemd. Man sieht viele Familien mit sehr vielen Kindern. Viele haben Strohhüte zum Schutz vor der Sonne aufgesetzt. Für Augenblicke fühlt man sich zu einer Gemeindeversammlung bei den Amischen in Pennsylvania versetzt.
Wie diese erzkonservative protestantische Täuferbewegung in den USA blicken auch die erzkatholischen Piusbrüder mit Misstrauen und religiösem Hocheifer auf ihre jeweilige „Amtskirche“ (herab). Gegründet hat die traditionalistische Priesterbruderschaft Sankt Pius X. im Jahre 1970 der französische Erzbischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991), als Reaktion auf die nach seiner Ansicht modernistisch-protestantischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965).
Wird Galarreta exkommuniziert?
Der Streit um Liturgie, Religionsfreiheit und Ökumene zwischen Vatikan und Piusbrüdern konnte bis heute nicht beigelegt werden. Rom schwang unter Papst Johannes Paul II. die Peitsche der Exkommunikation. Papst Benedikt XVI. suchte die Aussöhnung und hob den Kirchenausschluss von vier Bischöfen wieder auf, die Lefebvre 1988 ohne Genehmigung des Vatikans geweiht hatte.
Nun steht eine neue Eskalation bevor: Am 1. Juli sollen in Écône im Schweizer Kanton Wallis vier weitere Bischöfe der Priesterbruderschaft geweiht werden – gegen das ausdrückliche Verbot des Vatikans unter Papst Leo XIV. Auch die Weihe von vier Priestern in Zaitzkofen am Samstag durch den „abtrünnigen“ Pius-Bischof Galarreta war vom Regensburger Diözesanbischof Rudolf Voderholzer verboten worden. Doch bei unerlaubten Priesterweihen durch die Piusbruderschaft – inzwischen gibt es 700 Priester der Pius-Brüder – drückt der Vatikan ein Auge zu: Deren Weihe wird als unrechtmäßig, aber als gültig betrachtet. Nicht so bei Bischöfen: Ihnen sowie jenen, die die verbotene Weihe vollziehen, droht die sofortige Exkommunikation.
Das gilt für Bischof Galarreta, der am Samstag die Priesterweihe in Zaitzkofen vollzogen hat und am 1. Juli die Bischofsweihe in Écône zelebrieren wird, sowie für den Regens des Priesterseminars in Zaitzkofen, den Schweizer Pater Pascal Schreiber, der am 1. Juli Bischof werden soll. Derweil erfreut sich das „illegale“ Seminar hohen Zuspruchs: Dort werden derzeit mehr als 50 angehende Priester und Brüder aus 16 Ländern ausgebildet.
