
Zum Ton, der die Musik macht, gehört die Wahl der Formulierung. Hätte die Wiesbadener Intendantin Dorothea Hartmann, die das Hessische Staatstheater seit der Spielzeit 2024/25 gemeinsam mit Beate Heine leitet, bei der Vorstellung des kommenden Spielplans nach einer Frage zu den Subventionen von „leichten Konsolidierungsmaßnahmen“ statt von „leichten Kürzungen“ gesprochen, wäre der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Gert-Uwe Mende (SPD), vermutlich nicht zur Gegenrede aufgestanden: „Ich möchte nicht, dass der Begriff Kürzung jetzt einfach im Raum stehen bleibt. Wir reden nicht von Kürzungen. Wir reden von Zuwachs.“
Der Ton blieb freundlich. Im Foyer zeigten sich aber zwei Perspektiven auf eine Tatsache: Hessens Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dessen Minister Timon Gremmels (SPD) in seiner Regierungserklärung jüngst versichert hatte, Hessen halte Kurs und stehe zu seiner Kulturlandschaft trotz angespannter Haushaltslage, macht keine Ausnahme. Die drei Staatstheater sind also, wie alle Dienststellen des Landes, einer Sparvorgabe in Höhe von einem Prozent ihres jeweiligen Personalbudgets unterworfen. In Wiesbaden geht es um 407.700 Euro. Da sich gemäß Theatervertrag Stadt und Land als Träger die Lasten im Verhältnis 52 zu 48 Prozent teilen, spart die Stadt rund 195.700 Euro ein, das Land 212.000 Euro.
Wiesbadens Oberbürgermeister war es freilich ein Anliegen, in diesem Zusammenhang und „in schwierigen Zeiten“ auf erhebliche Mehrkosten unter anderem als Konsequenz der Tarifsteigerungen hinzuweisen, die von den Trägern ausgeglichen werden. Auf Nachfrage konkretisiert die Stadt die Summe: „Allein der städtische Anteil der Finanzierung wird sich um 518.500 Euro gegenüber dem Finanzierungsbetrag 2025 erhöhen.“ Dabei sei der „Konsolidierungsanteil“ von 195.700 Euro bereits berücksichtigt. Ohne die Umsetzung der Sparvorgabe müsste allein die Stadt also 714.200 Euro Mehrkosten tragen.
In der Zwickmühle von Sparvorgaben und Tariferhöhungen
Der städtische Finanzierungsanteil an den Betriebskosten des Theaters betrug im vergangenen Jahr 23,9 Millionen Euro, der Löwenanteil des Kulturetats von 52,1 Millionen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Landeshauptstadt bei den jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben der hessischen Großstädte für Kultur an vorletzter Stelle steht, wie der Volkswirt Sebastian Schäfer in einer Ende Oktober 2025 präsentierten, vom Wiesbadener Kulturamt beauftragten „finanzstatistischen Untersuchung“ für das Jahr 2023 ausgerechnet hatte: Spitzenreiterin ist Frankfurt mit 297 Euro je Einwohner, gefolgt von Darmstadt (205 Euro) und Kassel (173 Euro). Wiesbaden kommt mit 150 Euro noch weit vor den 66 Euro je Einwohner in Offenbach.
Von 2016 bis 2023 seien die Kulturausgaben in allen Großstädten des Landes, so Schäfer, „erheblich angestiegen“. Der Kulturbeirat der Stadt hat allerdings im August 2025 kritisiert, dass der Anteil der Kulturausgaben am Gesamtbudget der Stadt seit 2023 rückläufig sei.
Angesichts eines Zuschussbedarfs von insgesamt 46,6 Millionen Euro, den der Landeshaushalt für das Staatstheater Wiesbaden im Jahr 2026 ausweist, scheint es sich bei den 407.700 Euro, die gespart werden müssen, um eine überschaubare Summe zu handeln. Diese wird jedoch durchaus als schmerzhafte Größenordnung empfunden, wie Nachfragen bei den drei Staatstheatern des Landes ergeben.
Reduzierte künstlerische Budgets
„Vor enormen Herausforderungen“ sieht sich das Staatstheater Wiesbaden: „Da die Planungen für eine laufende Spielzeit weit im Vorfeld abgeschlossen werden, ist eine Umsetzung für die aktuelle Saison schwer zu bewerkstelligen.“ Um der Vorgabe zu begegnen, setze das Staatstheater „verstärkt auf Koproduktionen und den Verkauf bestehender Produktionen. Jede Sparte muss nun mit einem reduzierten künstlerischen Budget kalkulieren.“ Die Konsequenz sei eine geringere Anzahl von Neuproduktionen: „Wir haben die Planungen so weit reduziert, dass lediglich das für die Erhaltung der Abonnementstruktur notwendige Minimum gewährleistet bleibt. Hieraus ergibt sich jedoch ein Dilemma: Weniger Produktionen bedeuten zwangsläufig weniger Vorstellungen, was unmittelbar zu Einnahmeverlusten führt. Zusätzlich verschärft werden diese durch Inflationsmehrkosten ohne entsprechenden Ausgleich.“ Die Anhebung der Kartenpreise soll 4,66 Prozent Mehreinnahmen bringen, könne die Verluste aber „höchstwahrscheinlich“ nicht ausgleichen. Für 2026 erwartet das Staatstheater 5,05 Millionen Eigeneinnahmen, 150.000 Euro weniger als im Ansatz für 2025.
Das Staatstheater Darmstadt spürt einen „harten Einschnitt“. Der „Konsolidierungsbeitrag“ belaufe sich auf 373.400 Euro. „Darüber hinaus werden 2026 erstmalig die Kosten der Tariferhöhungen in der Höhe von 622.200 Euro anteilig nicht von der Stadt Darmstadt und in der Folge auch nicht vom Land Hessen übernommen. In Summe muss das Staatstheater Darmstadt also 995.600 EUR einsparen.“ Die Belastungen will das Theater „möglichst gleich“ verteilen: „Höchste Priorität ist es, die Qualität des künstlerischen Programms zu gewährleisten und Arbeitsplätze zu erhalten.“
Die Stadt Darmstadt teilt mit, von einer grundsätzlichen Abkehr von der bisherigen Praxis bei der Übernahme der Tariferhöhungen könne keine Rede sein: „Vielmehr handelt es sich um eine notwendige Reaktion auf die aktuell äußerst restriktiven haushaltsrechtlichen Vorgaben der Kommunalaufsicht.“ Zwar könnten die Mehrkosten aus dem Ende 2024 abgeschlossenen Tarifvertrag im Haushaltsjahr 2025 nicht zusätzlich übernommen werden. Für 2026 beteilige sich die Stadt aber „am zusätzlichen Finanzbedarf infolge der Nachveranschlagung 2025 in Höhe von 808.400 Euro. Damit trägt die Stadt den überwiegenden Teil der entstehenden Mehrkosten mit.“
„Klima der Angst“ in Darmstadt
Eine Kürzung im Personalbudget, so die Leitung des Staatstheaters Kassel, bedeute „dass Stellen nicht wiederbesetzt oder befristete Verträge nicht verlängert werden können“. Ein Prozent der Personalausgaben sind 2026 in Kassel 375.000 Euro. Tariferhöhungen werden hier weiterhin ausgeglichen. „Da die Personaldecke im Staatstheater Kassel auch vor der Sparvorgabe in verschiedenen Bereichen, insbesondere der Technik, bereits knapp bemessen war, belastet eine weitere Personalreduzierung die Erfüllung unserer Aufgaben sehr.“
Das Kunstministerium teilt allerdings auf Nachfrage mit, dass eine Verteilung der Einsparvorgabe auch auf andere Bereiche zulässig sei. Es müsste also nicht unbedingt das Personal treffen. Sparen will man in Darmstadt „etwa durch nachhaltige Wiederverwendung von Bühnenbild-Teilen, weniger technisch voll betreute Bühnenproben und eine Vielzahl von weiteren Einzelmaßnahmen“. Wiesbadens Intendantinnen, so das Staatstheater, „sehen es sehr kritisch, die Sparvorgaben auch durch Nichtbesetzung frei werdender Stellen auf dem Rücken der Mitarbeitenden auszutragen. Ein funktionierender Theaterbetrieb ist nur mit einer stabilen und belastbaren Personalstruktur möglich.“
In Darmstadt und Kassel scheint derweil nicht nur die finanzielle Situation angespannt zu sein. Das „Darmstädter Echo“ hat unlängst über eine anonyme Plakataktion gegen ein „Klima der Angst“ und Beschwerdebriefe unter Klarnamen an Stadt und Land berichtet. In Kassel schwelt ein Dauerkonflikt zwischen Intendanz und Orchester. Unter anderem geht es um die Arbeitsbedingungen in der Interimsspielstätte während der Staatstheater-Sanierung. Die Deutsche Musik- und Orchestervereinigung „unisono“ hat am 21. Mai in einem Schreiben an Kassels Stadtrat die „dringende Bitte“ ausgesprochen, sich der „ungelösten Situation“ anzunehmen.
In Wiesbaden hat sich das über Jahre von internen Konflikten belastete Betriebsklima unter der neuen Doppelspitze seit 2024 offenbar deutlich verbessert, aber das Haus trägt noch an Altlasten. Neben der Bewältigung aktueller Herausforderungen, so das Theater, seien aus der Zeit der vorigen Intendanz noch Haushaltsüberschreitungen aufzulösen. Ende 2024 habe die Summe 1,04 Millionen Euro betragen. 2025 sei es gelungen, davon rund 878.800 Euro abzubauen. Die verbleibenden 168.000 Euro sollen über die nächsten drei Jahre abgetragen werden. Dafür wird vom 1. Oktober an der neue Geschäftsführende Direktor Thomas Eisenträger an der Seite der Doppelspitze Sorge tragen.
