
An diesem Prozesstag will Maximilian G. einen „Geschäftsbericht“ vorlegen, wie sein Verteidiger Sebastian Holbeck in einem früheren Termin ankündigte.
Wenn man der Anklage glaubt, müsste es in diesem um vier Tonnen Cannabis, eine Tonne Kokain, rund 20 Liter Amphetaminöl, ca. 5000 Oxycodon- und 1000 Ecstasy-Tabletten gehen. Angeklagt sind sechs Personen. Hauptbeschuldigt sind Maximilian G. und Marvin G.: Sie sollen eine kriminelle Vereinigung gegründet haben, um die Drogen zu schmuggeln und zu vertreiben. Es ist der siebte Termin in diesem Prozess.
Beim vergangenen Prozesstag schilderte Marvin G., wie ein Kreislauf aus verlorenen Lieferungen und Schulden sie immer weiter in das Geschäft gezogen habe. Bis sie schließlich beim Schmuggel von größeren Mengen Kokain aus Südamerika helfen mussten.
„Okay, kommen wir direkt zur Sache“, sagt Maximilian G., als er sich am Dienstag zu den Vorwürfen äußern möchte. Er trägt ein blau-weiß kariertes Polo-Ralph-Lauren-Hemd, kurze Haare und streicht sich beim Sprechen mit den Fingern durch den Bart.
In der Schulzeit habe er angefangen, Gras zu verkaufen
Schon in der Schulzeit habe er mit einem Freund Gras verkauft, sagt er. Danach sei es einfach weitergegangen. In Maastricht hätten sie eine Quelle aufgetrieben, das Gras in einer „Studi-WG“ von Freunden verpackt und dann an der Innenseite der Stoßstange über die Grenze gefahren. Das sei zunächst gut gelaufen, bis sein Freund ausstieg und damit der Fahrer gefehlt habe.
Maximilian G. habe Ersatz gefunden und weitergemacht. Relativ schnell sei es dann zum ersten großen Rückschlag gekommen. Etwas sei schiefgelaufen, und sein Geschäftspartner habe ihm die Schuld zugeschoben. Er sei dann in ein Shisha-Café einbestellt worden, dort hätten zwei Albaner gesessen und ihm eröffnet, dass er nun 100.000 Euro Schulden hätte. „Ich konnte meine Unschuld nicht beweisen, weil ich damals noch keine Buchhaltung geführt habe. Das ist mir danach nicht mehr passiert“, sagt Maximilian G. Um die Schulden zurückzuzahlen, sei er dann „Vollzeit-Cannabisverkäufer“ geworden und brach sein angefangenes Informatikstudium ab.
Kurz danach tat sich eine Quelle in Spanien auf. „Das Gewinngefälle war da viel größer“, sagt Maximilian G. Zum Teil sei das Gras mit GLS-Paketen gekommen, er habe dann aber auch Fahrer gehabt, die Lieferungen in umgebauten Autos übernahmen. Als es zum ersten großen Fund durch die Polizei kam, geriet das Geschäft in eine Schieflage. „Ich habe dann eine Analogie in der Privatwirtschaft gesucht und überlegt, was große Unternehmen tun, wenn sie Kapital brauchen.“ Infolgedessen habe er sich mit Marvin G. und zwei weiteren Freunden zusammengetan, die auch im Cannabisgeschäft aktiv waren. „Wie in einer Aktiengesellschaft“ hätten sie prozentuale Anteile je nach durchschnittlichem Umsatz der einzelnen Personen vergeben.
Schnell sei die Organisation zu einer „Firma“ herangewachsen. Es gab Fahrer, die zum Teil 5000 Euro im Monat verdienten. Personen, die das Geld zählten oder es in andere Länder fuhren. Scheinfirmen, über die „Angestellte“ sozialversichert waren, „damit sie zu 100 Prozent ihrem Beruf bei uns nachgehen konnten“, sagt Maximilian G.
Er habe sich vor allem um die Finanzen und die IT gekümmert
Er habe sich vor allem um die Finanzen und die IT-Sicherheit der Organisation gekümmert. Schnell merkt man, dass Maximilian G. von beidem viel Ahnung hat. Er spricht von „thesaurierendem Kapital“, von kryptographischen Protokollen wie der „Forward Privacy“, „Signal-Forks“ und modifizierten Google-Pixel-Geräten, die so gut gewesen sein sollen, dass er auch für diese schnell Abnehmer im Milieu fand. Nach einer langen Aneinanderreihung von Fachworten fragt der Vorsitzende Richter nur noch: „Und das ist gut?“, worauf nur ein „Ja“ kommt, hinter dem wahrscheinlich die Einsicht steht, dass viele im Saal vor einigen Minuten schon ausgestiegen sind.
Unter anderem soll Maximilian G. auch die Buchhaltungs-App „Aurum“ für die Gruppe programmiert haben. In Echtzeit konnten sich dort alle Nutzer den Warenbestand, die Ausgaben und Graphen mit der wirtschaftlichen Entwicklung einzelner Produkte anzeigen lassen. Der Plan sei gewesen, die App irgendwann auch an legale Unternehmen zu verkaufen, sagt Maximilian G. Er habe sie nur vorher in der eigenen Organisation testen wollen.
Immer wieder habe er aus dem Geschäft aussteigen wollen
Immer wieder sagt er, dass er den Plan gehabt hätte, aus dem illegalen Geschäft auszusteigen. Das erste Mal mit 20, weil mit 21 das Jugendstrafrecht nicht mehr greift, sagt er. „Ich wollte mir ja nicht mein ganzes Leben versauen.“ Und auch später habe er immer wieder darüber nachgedacht, auszusteigen und zum Beispiel über eine seiner Firmen IT-Dienstleistungen anzubieten.
Daraufhin hätten Maximilian G. und Marvin G. sich dazu entschieden, einen Großteil der Fahrer zu entlassen und in einem kleineren Team weiterzuarbeiten. Obwohl die finanzielle Lage der „Firma“ schlecht gewesen sei, reichte sein Privatvermögen, um eine millionen-teure Villa zu kaufen, wie Maximilian G. erzählt. Er habe in dieser Zeit auch über Kinder mit seiner Partnerin nachgedacht und wollte einen Ort, an dem sie sich gemeinsam niederlassen können.
Ab diesem Moment knüpft die Erzählung an das an, was der zweite Hauptbeschuldigte Marvin G. in der vergangenen Woche erzählte. Aus der finanziellen Not heraus hätten sie sich mit Geschäftspartnern aus Südamerika eingelassen, um sich beim Schmuggel von größeren Mengen von Kokain zu beteiligen. Maximilian G. sagt, er habe sich aus diesen Geschäften weitgehend herausgehalten, auch wenn er finanziell davon profitiert hätte. Die Schiffslieferungen kamen allerdings ohnehin nie an, zwei beschlagnahmte der Zoll.
„Ich möchte mich für meine Taten entschuldigen“
Unstimmigkeiten gibt es dabei vor allem bei der größten Lieferung, die mit 750 Kilo in der Anklageschrift vermerkt ist. Sowohl Marvin G. als auch Maximilian G. sagen, dass es diese niemals gegeben habe. Die Zahl sei in einem Gespräch gefallen, das die Polizei abhörte. Sie hätten dabei aber nur einen Geschäftspartner beeindrucken wollen, sagt Maximilian G.
Am Ende der Einlassung sagt er: „Ich möchte mich für meine Taten entschuldigen.“ Er habe Drogen verharmlost und die gesellschaftlichen Folgen ausgeblendet. Und auch seiner Familie wolle er so etwas nie wieder antun. Man hört seiner Stimme an, dass er in diesem Moment unkontrollierter spricht. Auch als er sagt, wie schlimm es sei, dass er nun nicht für seine Freundin da sein könne, die an einer Erkrankung leide. Aber er gebe sich Mühe, jetzt das Richtige zu tun. Seit sechs Monaten sei er nun Hausarbeiter in der JVA. „Und das kann man durchaus als einen Vertrauensjob betiteln“, sagt er zum Schluss.
